Dienstag, 31. August 2010

Lao Lao Ladyboys

Auch Inselzeiten müssen irgendwann mal enden. Mit der Hoffnung auf eine spannende, boomende Hauptstadt fuhr ich nach zwei, drei Tagen auf Don Det Richtung Norden. Wieder auf das Festland, wieder in den wackeligen Kahn, der bei jeder Bewegung zu kentern schien – an Bord eine ganze Menge an Europäern und grinsende Beförderungsbeauftragte, die sich über die Untergangsangst der Passagiere insgeheim kaputtlachen. Stundenlang dauerte die Fahrt in den Minibussen bis zur Provinzhauptstadt Pakse, die fast genauso verschlafen wirkt wie der Dschungelort, an dem ich zuvor gewesen war. Nichts als Staub und ein paar Märkte. Am Busbahnhof gibt es immerhin Internet. Dahinter zerhacken grobschlächtige Metzger frisches Elefantenfleisch oder zumindest irgendetwas, das übel riecht und übel aussieht, von den Pakseanern aber mit strahlenden Augen gekauft wird. Es ist natürlich kein Elefantenfleisch, andererseits hat Laos ja an Dickhäutern mehr als genug: ursprünglich ist Laos das Land der Millionen Elefanten. Heute sind es wohl nur noch knapp 1000, die durch die Urwälder des Binnenlandes stapfen. Ob die Franzosen schuld daran sind, dass sich die Anzahl so dezimiert hat oder irgendjemand anderes, weiß ich nicht. Falls es die Franzosen waren, so haben sie im Austausch zumindest Baguettes und Paté gebracht. Laos ist auch unter der seit 1975 regierenden Kommunistenmacht ein frankophiles Sandwichland. So ausgezeichnete Riesenbrote bekommt man sonst nirgends auf der Welt. Und dann noch für umgerechnet einen Dollar. Dazu gibt es Papaya-Shake und Papaya-Salat (Som Tam). Letzterer schmeckt aber bestimmt nicht so wie man annimmt – süß, fruchtig. Das Zeug ist eher sauscharf und manchmal nicht ganz frisch. In 50% der Fälle zieht man sich eine wunderbare Magenverstimmung zu, 10 weitere Prozent müssen mit Lebensmittelvergiftung ins Krankenhaus, für noch einmal 10% hat nach dem berüchtigten Papaya-Salat das letzte Stündchen geschlagen – der Rest kommt heil davon. Und da will nochmal einer behaupten, der japanische Fugu sei das adrenalingeladenste Essen der Erde. Alles Un-Fugu: wer kulinarisches Roulette spielen möchte, muss nach Laos gehen. Der Papaya-Shake ist übrigens weniger riskant. Wer aber unbedingt den Kick braucht…hier ist das Som Tam-Rezept zum Nachkochen:

- 1 grüne unreife Papaya
- 5 Cocktailtomaten oder eine mittelgroße Tomate
- 4 Knoblauchzehen
- 5-10 Vogelaugenchilli (die gestampften Papayastreifen saugen viel Schärfe auf, bei 5 ist der Salat sogar relativ mild)
- 4 - 5 Knoblauchzehen
- 50 g getrocknete Garnelen
- 50 g ungesalzene Erdnüsse, frisch in einer Pfanne ohne Fett geröstet
- 4 EL Fischsauce
- 2-3 EL zerstoßener Palmzucker
- Saft von 1 Limette

Nur so viel: nach der Einnahme von Som Tam brennen mir noch zwei Stunden lang die Schleimhäute. Immerhin hört die Vogelaugenchilliwirkung rechtzeitig zu meiner Weiterfahrt auf. Ein doppelstöckiger so genannter VIP-Bus fährt in den heruntergekommenen Busbahnhof von Pakse ein. Innen alles schön und außen auch und komfortable Betten und so…nur, an den Straßen ändert natürlich auch der VIP-Status nichts. Selbst der beste Bus der Welt kommt auf dem durchlöcherten Asphalt der laotischen Straßen zum Schaukeln. Kein Wunder, dass man die gesamte Nacht braucht, um von Südlaos bis nach Vientiane, in die Hauptstadt mit diesem eleganten französischen Namen zu kommen. Immerhin etwas, was in diesem Land so wunderbar kommunistisch anmutet: die vollkommen zerfledderte Infrastruktur ist mir auf meiner kleinen „Länder, die den Kommunismus in Südostasien aufgebaut haben wollen“-Tour nicht nur in Laos aufgefallen. Allemal fühlt es sich nach diesem anarchistischen Kambodscha gut an, wieder in einem dieser kuschlig-warmen, für alles und jeden Sorge tragenden Staaten des internationalen Sozialismus zu sein. Aber eigentlich ist das Politische in Laos fast egal. Die Leute leben abseits von Politik, wie es scheint. Entspannt in ihrer eigenen Welt und Sphäre. Selbst Vientiane, die Hauptstadt, ist so unfassbar kleinstädtisch. Ich wohne hier in einem zierlichen Haus – nicht ganz so zierlich, eher groß: deutscher Stil. Wenn ich mich recht entsinne hat es irgendein Münchener hier hergesetzt und ist dann verschwunden. Jedenfalls irgendein Deutscher. Mit dem Verschwinden muss das auch nicht so ganz stimmen. Zumindest wohnt er jetzt nicht mehr da, sondern an seiner statt eine französische Diplomatenfamilie, deren Mitglieder ich so ganz und gar nicht überblicken kann und ein deutsches Mädchen laotischer Herkunft, die in Vientiane ihren Freiwilligendienst absolviert.

Die französische Hausherrin schätzt das ländlich anmutende Leben. Tagsüber fahren die Familienmitglieder quer mit dem Motorrad durch die Stadt, welche zu großen Teilen aus Huckelpisten, Schlammpfaden und Dreckwegen besteht. Der einzige Höhepunkt, den Vientiane eigentlich zu bieten hat, ist der goldene Stupa, das Nationalsymbol des Landes. In der Tat ist das buddhistische Heiligtum eindrucksvoll. Unweit davon steht der Arche de Triumph – eine Eins-zu-eins-Nachbildung des Triumphbogens in Paris zuzüglich einigen asiatischen Krimskrams. Hier haben die französischen Kolonialherren ähnlich wie mit der Kirche von Notre-Dame in Saigon auch architektonisch ihre Spuren hinterlassen. Und durch diese winzige Mekongmetropole, die selbst auch erst seit 1975 Hauptstadt ist, fahren wir jeden Tag mit den Motorrädern. Einer französischen Motorradgang gleichend düsen wir durch die Stadt auf der Suche nach…mm…gute Frage, nach was eigentlich? Abenteuer? Attraktionen? Sensationen? Von alledem gibt es denkbar wenig. Und so rasen wir von einem bedeutungslosen Ort zum anderen, besuchen die deutsch-laotische Stiftung zur Entwicklungshilfe, in der eine erstaunlich große Anzahl deutscher Freiwilliger schafft und fleißig laotisch lernt. Viele, die meisten eigentlich frisch von der Schulbank auf der Suche nach Sinn und Überbrückungsjahr. Meine Gastgeberin hat auch hier gearbeitet, jedoch endet ihr Vertrag noch vor Wochenabschluss. Abschlussfeiern stehen zwangsläufig bevor. Doch letzten Endes landen wir nur auf einer ziemlich bizarren Geburtstagsfeier, welche sich typisch asiatisch rund um Karaokemusik dreht. Und verdammt nochmal, sie alle können singen. Ich sitze mit den Franzosen von den Sangeskünsten eingeschüchtert am Tisch und lasse mir ein Bier nach dem andern von den Bardamen auffüllen. Das ist das tolle am laotischen Service. Wenn das Bierglas auch nur halbvoll/leer ist, tritt sofort die Bedienung an den Tisch und füllt nach. Serviert wird Beerlao – die Nationalmarke mit deren Emblem geradezu jeder Tourist auf dem T-Shirt herumrennt. Es gilt unter Backpackern allem Anschein nach als kultig, die Brauereiinsignien zur Schau zu tragen. Und auch mir bleibt dieses Schicksal nicht erspart. Einige Tage später will ich mir eine umfangreiche Dusche in einem Gasthaus in der alten Hauptstadt von Laos Luang Prabang gönnen – und was liegt dort zusammengeknüllt in der Ecke: ein Beerlao-Shirt. Ich kann nicht widerstehen – reiße es mir unter den Nagel.


Pha That Luang


Triumphbogen - Lao Style

Dummerweise machen die meisten Kneipen in Laos um Mitternacht zu. Firmenkodex oder offizielle Richtlinie – eins von beiden. Und so bekam ich gar nicht erst die Gelegenheit, das Mikrophon in die Hand zu nehmen und meine stimmlichen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Nach Hause? Nein. Doch? Na vielleicht. Zumindest müssen viele der Anwesenden am nächsten Tag früh raus: Visaflucht. Das ist in Vientiane sowieso ein Klassiker: über den Mekong führt eine Brücke, die den plumpen Namen „Freundschaft“ trägt. Wie das eben so bei grenzüberschreitenden Brücken ist…alles megadiplomatisch und gefühlsbetont. Von Kanada ins amerikanische Buffalo heißt das z. B. Peace-Bridge, wer von Kehl nach Strasbourg möchte, der muss über die Europabrücke und hier wird eben auf die Thai-Lao-Freundschaft angespielt, die nicht zu selten mit dem Beerlao und dem Lao Lao Schnaps besiegelt wird. Nach Vientiane kommen wirklich unheimlich viele Thais, da sie ihre Einkäufe hier viel billiger erledigen können. Hinzu gesellt sich eine illustere Menge an Touristen, die sich seit Jahren in Thailand aufhalten und aller drei Monate über die Freundschaftsbrücke nach Laos müssen, dann zur thailändischen Botschaft stiefeln, ihr neues, kostenloses Visum für weitere zwölf Wochen beantragen, den ganzen Spaß am Abend mit ein paar Tropfen Lao Lao besiegeln oder sich kurz zum Opiumkonsum nach Vang Vieng aufmachen und dann die Rückreise antreten. Auf der Brücke werden sie dann schön im Zickzack fahren. Nicht des Restalkohols wegen – oder vielleicht auch. Auf der Freundschaftsbrücke wechselt schlichtweg nur der Rechtsverkehr zum Linksverkehr – da ist ganz offiziell Spurwechsel angesagt.

Trotz der Schlafwilligkeit einiger Geburtstagspartygäste, finden sich doch noch einige Leute, die weiterfeiern möchten. Ich lande letztlich in einem protzigen Jeep der geradewegs in die Innenstadt in den angeblich einzigen noch offenen Club von Vientiane fährt. Und dann auch noch ein Ladyboys-Schuppen. Ja, und da hüpfen sie betont feminin hüftenschwingend herum: zehn Ladyboys vs. fünf Franzosen, mich und meine Gastgeberin. Woher kommt eigentlich dieser ausgeprägte, gesellschaftlich so stark akzeptierte Transvestismus in Südostasien bzw. in Thailand und Laos? Erster Verdacht wäre natürlich die buddhistische Gelassenheit gegenüber anderen Lebensansätzen und Lebensweisen. Dann müsste man sagen, dass überall auf der Welt genau dasselbe Bedürfnis an Verkleidungsspielen besteht wie hier, nur stärker von der gesellschaftlichen Norm unterdrückt wird. Oder führt die thailändische/laotische Prägung dazu? Die Idee scheint nicht ganz falsch zu sein. Musste ich doch einst ca. zwanzig Interviews mit in Thailand lebenden Deutschen rauf und runter transkribieren – für Geld versteht sich. Und dort wurde immer wieder davon geredet, dass Transsexualität in Thailand auch eine Form von Individualitäts- nicht nur Identitätssuche ist. Kurzum, Ladyboys wollen aus der gesellschaftlichen Masse bewusst hervorstechen und verwenden die Verkleidung als Ausdrucksmittel, um sich gegenüber der Norm zu profilieren. Ob es nun daran liegt, dass es in Südostasien so viele Ladyboys gibt oder nicht – ich mag es nicht behaupten. Ist nur eine interessante These, die ich mal irgendwo aufgeschnappt habe. Mehr wissen die Leute von den Gender Studies.

Aber um zu dieser Klubfeier zurückzukommen – entsprechend verrückt musste sie letztlich enden. Kaum versieht man sich, und es fliegen lustige Perücken durch die Menge. Eine bleibt auf dem einen Franzosen kleben, die eine auf dem nächsten, die andere auf dem anderen, eine weitere auf einem weiteren, die Französin bekommt auch eine, ebenso wie das deutsche Mädchen und meinen Kopf ziert nun auch irgendetwas Wischmoppartiges, was mir zugegebenermaßen durchaus gut zu Gesicht steht. Letztlich platziert sich unsere europäische Fraktion auf der Bühne und stiehlt der Ladyboytruppe gehörig die Show. Bis die uns natürlich wiederum herunter schieben und zu „battlen“ anfangen. Und so geht es den gesamten Abend hin und her, bis zum Morgengrauen und einer wackeligen Motoradheimfahrt.


Franzosengang und ich und Dee, meine Gastgeberin


Mit Perücke und Beerlao-Shirt


Zu 90% würde ich darauf tippen, dass da neben mir ein echtes Mädchen steht


Party Party


Party Party


Party Party


Trotz des lustigen Abends wird der kommende Tag mein letzter in Vientiane sein. Ohne wirklich einen Plan zu haben, wohin es als nächstes gehen soll, entschließe ich mich dazu, diese etwas trostlose Stadt irgendwohin zu verlassen. Zwei Orte schweben mir im Kopf: Vang Vien und Luang Prabang. Jedenfalls sind das die beiden Orte, die bei fast jedem Laosreisenden auf dem Programm stehen. Luang Prabang ist die alte Hauptstadt des Elefantenreiches, Vang Vieng die durchgeknallte Partyhochburg, ein Mallorca Südostasiens, ein Lloret de Mar, an dem alle Visaflüchtlinge sowie Thais gehörig einen drauf machen. Welche Ausmaße das annehmen kann, darf man den Getränke- und Speisekarten der Kneipen von Vang Vieng entnehmen. Der Lao Lao Schnaps ist natürlich der preisgünstige Klassiker, der in kleinen Eimerchen ausgeschenkt wird. Dass man sogar Joints im offiziellen Angebot findet – nun gut: Amsterdamniveau – alles noch wenig schockierend. Aber dass man sich selbst Opiumshakes bestellen kann – meine Güte. Klar wird das alles im Norden des Landes angebaut, aber auch die laotische Regierung verbietet Drogenhandel offiziell. Inoffiziell stört es sie jedoch eher wenig, dass man Opiumcocktails auf jeder Getränkekarte in Vang Vieng findet. Immerhin zieht das eine erstaunliche Menge an Touristen und Backpackern an, die berauscht so einiges an Geld hier lassen. Ich entscheide mich dafür mein Geld in eine Fahrt nach Luang Prabang zu investieren. Ein kleiner, beschaulicher Ort im Dschungel und am Mekong, an dessen Ufer ich mich ja seit Vietnam aufhalte. Umständlich hin zu kommen: Schaukeltouren mit klapprigen Bussen oder turbulente Flüge mit zweimotorigen Maschinen und holpriges Herunterkommen auf versteckten Urwaldlandebahnen. Mir ist der Bus ganz recht – denn der ist sehr viel billiger, auch wenn die Fahrt geschätzte 15 Stunden dauert, Berge rauf und Berge runter geht – umgeben von all den Asiaten mit ihren schwachen Mägen. Doch all dem Plastiktüten füllenden „Arghhh“ und „Roaaaar“ zum Trotz. Ich wage es und stehe noch am Tag 1 nach der Ladyboyparty ohne Perücke am Busbahnhof.


mal im internet recherchiert - Opium Shakes für nur 5 Euro, und im Hintergrund auch noch Beerlao


Auf allen Getränkekarten von Vang Vieng wird Opium angeboten


...und hier auch schon wieder

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