Freitag, 13. August 2010

Kaffee aus Khe Sanh

Mein Schlaf ist tief, lang und unerschütterlich: Dachboden, Moskitonetze, fünf Japaner und geschätzte zwanzig Geckos an den Wänden, die ich trotz meiner Müdigkeit bestimmt nicht halluziniere. Hue. Hotel. Ein Dollar pro Nacht. Aufwachen. Fahrrad: ich stürze mich auf die Stadt, die überall so vielversprechend als Weltkulturerbe, Kaiserstadt der Nguyen-Dynastie, atemberaubendes Relikt einer ruhmreichen Vergangenheit angepriesen wird. Wer aber den Kaiserpalast in Peking oder Angkor gesehen hat, wird von Hue schwer enttäuscht sein. Manche Pagoden sind ja ganz nett, mehr aber kann man dem kleinen Fundort aber nicht zugestehen. Die Aufarbeitung scheint gerade erst begonnen zu haben und irgendwie wird nicht einmal renoviert, sondern komplett nachgebaut. Manche Flächen der Kaiserstadt stellen sich komplett als Acker oder Schotterhaufen dar, auf dem vietnamesische Arbeiter mit ihren markanten Kegelhüten eifrig dabei sind einen Stein in historisch möglichst originalgetreuer Anordnung auf den anderen zu setzen. Bis auf die dicken Backsteinmauern der Zitadelle ist also wenig echt. Fairerweise muss man vielleicht hinzufügen, dass Hue kriegerisch ziemlich mitgenommen wurde. Da kommt das Siam-Reich, die Chinesen sind sowieso Langzeitokkupatoren, die kein regionales Machtzentrum mit Symbolwert dulden, die französischen Kolonialisten, faschistische Japaner, schließlich die Amerikaner, die zig Tonnen Streubomben auf Zentralvietnam werfen und damit logischerweise auch Hue, das nur wenige Kilometer südlich der ehemaligen Demarkationslinie von Nord- und Südvietnam liegt, treffen. Und das kommunistische Regime, das nach 1975 auch auf der Zitadelle der Kaiserstadt seine überdimensionale Flagge hisst, schert sich zunächst nur bedingt um die Restaurierung monarchischer Insignien. So viel zur Fairness. Fakt ist aber, dass eine Stunde ausreicht, um die verwaisten Flächen innerhalb der Zitadelle und die verbliebenen oder wiederaufgebauten Pagoden unter die Lupe zu nehmen. Zugegeben – und das wieder fairerweise – auf dem Parfümfluss, der so ganz und gar nicht duftet, bin ich nicht entlang geschippert, um die Kaisergräber zu sehen. Vielleicht wäre das noch einen kleinen Ausflug wert gewesen. Entgegen meiner sonstigen Reiseweise, geht es aber ausnahmsweise vom beinahe letzten Geld auf eine organisierte Tour zur DMZ. Eigentlich nur der Abwechslung wegen, weil ich altgeschichtliche Archäologie schon seit China etwas über hatte. DMZ ist aber neuste Geschichte in Reinform – leider aber mit ebenso wenig sehenswerten Hinterlassenschaften. Ohne Hintergrundinformationen weiß man mit den grünen Wiesen, Erdlöchern und heutigen Kaffeeplantagen ansonsten kaum etwas anzufangen.


Geckos


Zitadelle von Hue


Kaiserstadt Hue


Kaiserstadt Hue


Kaiserstadt Hue

DMZ – das steht für Demilitarisierte Zone. DMZ – das ist das Gebiet, welches die Genfer Konferenz nach dem Sieg der Vietnamesen über Frankreich in Dien Bien Phu zur neutralen Region erklärt hatte. DMZ – das ist der Zehnkilometerstreifen, der im instabilen postkolonialistischen Vietnam die Grenze zwischen Nord und Süd darstellt. DMZ – ist das einstige Schmuggel- und Aufmarschgebiet der nordvietnamesischen Armee. DMZ – das war mal dicht bewachsener Dschungel, auf dessen improvisierten Dreckpfaden sich die mit chinesischen und russischen Waffen beladenen Trucks den Ho Chi Minh-Trail nach Süden zum Vietcong entlang wälzten. DMZ – ist heute eine Zone mit dünner Vegetation: amerikanische Streubomben haben es geschafft, die Waldflächen zu vernichten, um Einsicht in die Transportwege und Kommandostationen der Vietnamesen zu bekommen. Letztere waren oft unter Tage. Wir besuchen die Vinh Doc-Tunnel an der Küste: Zivile Bunkersysteme, in denen ganze Dörfer ganze Wochen verbrachten. Allesamt sind sie umringt von Bombenkratern, die nach dem Abzug der Amerikaner mit Wasser aufgefüllt wurden und heute zur Fischzucht verwendet werden. So haben die US-Bomber doch noch Wirtschaftshilfe für eine der ärmsten Gegenden in Vietnam geleistet. Am Strand stoßen wir wieder auf Tageslicht und blicken auf die Schmugglerinseln, die als Ausgangswege für Waffentransporte in den Süden zu See dienten. DMZ – das bedeutet auch Khe Sanh, ein ehemaliger US-Militärstützpunkt in den Bergen nahe der laotischen Grenze. Für die Amerikaner ist dieser Ort ein persönliches Waterloo. Für die Vietnamesen der zweite überragende Sieg gegen die imperialistischen Besatzer – und zudem: erkämpft mit derselben Armeeeinheit und unter demselben Kommando wie in Dien Bien Phu. Dabei dienen der Artilleriebeschuss und die fast komplette Zerstörung der Luftwaffenbasis einzig und allein der Ablenkung. Während die US-Soldaten in den Bergen eingeschlossen sind, beginnt die Offensive auf den Süden. Die Grenze verschiebt sich empfindlich nahe nach Hue heran und bald müssen die Amerikaner im Lichte ihrer eigenen Presseöffentlichkeit ihre Taktik ändern und den Krieg wieder auf eine innervietnamesische Ebene zurückholen. Wie entscheidend das ist. 1975 wird Saigon evakuiert und die kommunistische Partei hält die Macht über ganz Vietnam in der Hand. Die amerikanischen Spuren in der DMZ werden zu Spottpreisen verscherbelt. Wenn das Militärmaterial nicht gerade für den Wiederaufbau von Häusern etc. zweckentfremdet wurde, so ruht es noch in wenigen Schrotthaufen auf dem Hügel von Khe Sanh: ausgeschlachtete Hubschrauber und Artilleriegeschütze. Zwischen ihnen rennt ein hocherfreuter, jedoch aufdringlicher Mann herum, der alte Soldatenmarken spurlos verschwundener GI’s verkauft und einen darauf hinweist, dass der Boden hier voll von ihnen ist. Vielleicht wächst deswegen auch der Kaffee so gut. So wie die Italiener ihren guten Toskana-Wein der knochenhaltigen Erde nach unzähligen kriegerischen Konflikten in der Region zu verdanken haben sollen, wächst auf den Gräbern der US-Soldaten heute der wahrscheinlich beste Kaffee der Welt. Nur wenn ich an vietnamesischen Kaffee denke, läuft mir schon das Wasser im Mund zusammen. Aber da hupt schon der Bus und will, dass ich aus den Kaffeefeldern komme, einsteige und mit zurück nach Hue komme.


Einstieg in die Vin-Doc-Tunnel


Ho Chi Minh Trail


Der heutige Ho Ci Minh Highway


Und da nochmal: Teile des HCM-Trails. Interessanter aber eigentlich die Minoritätengruppen, die dort auf Fischfang gehen.


Khne Sanh


Khe Sanh


Khe Sanh


Khe Sanh


Khe Sanh

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