Donnerstag, 26. August 2010

Markus und die Mechaniker


Kambodscha: Siemreab = Siam Riep = Angkor; Khracheh = Kratie; Stoeng Treng = Stung Treng; Suong befindet ich ungefähr im Mekongknick östlich von Kampong Cham.

Irgendwie sollte ich ja so langsam mal in Richtung Laos aufbrechen, denke ich mir noch an diesem sonnigen Sommermorgen in Angkor. Doch kostenloses Internet und unbeschreibliche Faulheit lassen mich unter dem gemütlichen Moskitonetz verweilen und bis weit nach Mittag schlafen. Irgendwas wird schon fahren, denke ich mir, die Landkarte betrachtend. Richtung Pakse, die nächste laotische Stadt, in der ich Unterkunft habe, ist es eigentlich nicht weit. Kein Katzensprung sicherlich, aber zwei oder drei und damit wohl problemlos in einem Tag machbar. Doch natürlich bemerkt man einmal mehr den dicken, fetten, blauen Strich nicht, der sich quer durch Kambodscha zieht und eigentlich ockerfarben sein sollte. Ein Fluss, ein großer Fluss, der Mekong – und keine Chance ihn nördlich von Kampong Cham auf halbem Weg nach Phnom Penh zu überqueren. Westlich des Mekong gibt es natürlich auch noch eine Grenze, die nach Laos führt, doch ungünstiger Weise kann man dort keine Visa kaufen. Nur auf der östlichen Mekong-Seite sei das möglich – sagen alle: und das auch nur seit Neustem. Immerhin seit Neustem. Das bedeutet aber erst einmal übersetzen und die einzige Idee, die ich zunächst habe, ist es irgendwie mit dem Bus nach Stung Treng – die grenznahste Stadt auf kambodschanischer Seite zu fahren. Na dann los: auf zum Busbahnhof, von dem aus ich eigentlich trampen wollte. Aber man ist ja wie gesagt faul und fragt sich zumindest einmal durch. Und dann bekommt man entgegengeworfen, dass um Mittagsstunden doch kein Bus auf die andere Mekongseite fahre. Na gut, wo dann hin? Sie zerren an einem, wollen einen in Busse nötigen und das auch noch in alle möglichen unbrauchbaren Richtungen. Nach Phnom Penh zurück? Nein, niemals. Ein mich heranwinkender Busfahrer verspricht mir immerhin eine Fahrt zum nationalen Verkehrsknotenpunkt Kampong Cham, wenn man so will. Dort müssen sie alle durch: die bis zum Brechen überladenen Trucks und die Busse und die wenigen Prachtkarren. Die sind aber allemal gut, weil sie Leuten gehören, die sich auf Staatskosten bereichern oder Glücksspiel organisieren oder mit Raketenwerfern auf Elefanten schießen lassen. Ach, auch wenn ich gerne auf einen dieser zehn Meter hoch mit Menschen bestapelten Trucks gestiegen wäre, um voran zu kommen. Es hilft nichts. Mit dem Bus schaffe ich es immerhin bis zum Einbruch der Dunkelheit, sogar noch davor zu dieser großen Kreuzung, die sich im Nichts befindet. Staub auf den Straßen und unzählige Tankstellen. Das mit den Tankstellen ist wirklich etwas Besonderes in Kambodscha. Normal ist es nämlich, aus Fässern und Flaschen zu tanken – nicht aus großen Zapfanlagen. Hier aber gibt es so etwas, weil sie hier wie gesagt alle durch müssen und weil sie hier alle halten. Auch ich.


Kambodschanische Standardtankstelle

Weiterfahrt unmöglich. Auf den nächsten Tag werde ich vertröstet. Keines der tausend Busbahnhofbüros der Stadt möchte mich auch nur in irgendeiner Art und Weise an ein vierrädriges Gefährt vermitteln. Als ich sage, dass ich dann eben den Daumen heraushalten werde, schütteln sie alle den Kopf. Und so falsch liegen sie mit der ganzen Schüttelei ja gar nicht. Die Brücke in Kampong Cham zieht sich kilometerweit über den Mekong und ich, ermüdet vom vielen Wandern entschließe mich sogar dazu, direkt auf der Brücke zu trampen. Läuft!!! Zehn Minuten und ein Kleinbus mit abgekratztem Lack, zwei Besatzungsmitgliedern zweifelhafter Herkunft und alle – Kleinbus wie Besatzung – innen hohl, hält an. Na gut, sage ich mir, zweifelhaft oder nicht…mal schauen, wo die hinfahren. Weit geht es zugegebenermaßen nicht. 100 Kilometer Maximum. Das ist nicht mal Kratie, der irgendwie beliebte Urlaubsort am östlichen Mekongufer. Das wäre zumindest halbwegs nah an Stung Treng gewesen, aber so geht es gerademal in ein, ja, man kann schon sagen Kaff: Suong. Allemal auch und unbedingt einen Tagesausflug in Kambodscha wert, wie mir ein in Phnom Penh lebender Amerikaner versicherte: ländliche Armut, die eigentlich einen Großteil der Bevölkerung gängelt. Als wir in diesem seltsamen Suong, wo sich die Nationalstraße in zwei spärlich ausgebaute Asphaltpfade spaltet, ankommen bricht gerade die Dunkelheit herein. Trampen bei Nacht in Kambodscha? Was bleibt mir anderes übrig. Sonst fährt ja nichts und die nächste Übernachtung ist erst in Laos angedacht.

Mit welcher Freude ich also aus dem weißen Minibus aussteige und dann auch noch zu hören bekomme, dass die Fahrt nun 200 Dollar gekostet hätte, kann man sich vorstellen. Ich nehme diesen seltsamen Fahrer zunächst gar nicht ernst. 200 Dollar? Die Fahrt mit dem Bus hierher kostet vielleicht 2 Dollar und du bist ja nicht nur wegen mir nach Suong gefahren, du wohnst doch hier!!! Vollkommen illusorisch. Hätte er irgendetwas Realistisches gesagt, hätte man vielleicht noch sprechen können, aber 200 Dollar. Wo lebt der Mensch denn? Kambodscha! Um meine Aussage noch einmal zu untermauern, presse ich meinen Zeigefinger auf die Karte. Von dort bis hier – ist nichts. Keine Strecke. Nicht mal ein Katzensprung, sondern ein Mäusefurz und du willst…mein Zeigefinger schlittert plötzlich weit auf der Karte nach oben. Irgendwo bei Vietnam verlässt er sie und ich realisiere, dass dieser dreiste Dorfmensch meine Karte geklaut hat. Die ist zwar keine 200 Dollar wert und eigentlich habe ich schon so oft Blicke auf sie geworfen, dass mein Hirn sie regelrecht abfotografiert hat – aber trotzdem. Mit Karte navigiert es sich besser. Die Diskussion geht also weiter und das halbe Dorf versammelt sich nun um uns herum, um zu schlichten oder zu schauen oder um eine öffentliche Steinigung vorzubereiten. Wäre er vielleicht etwas entschlossener gewesen, hätte ich die Karte ganz aufgegeben. So aber beginnt dieses lächerliche Gezerre und der Versuch das bisschen Papier so weit wie möglich aus meiner Reichweite zu halten. Irgendwann aber habe ich die Karte wieder und marschiere schnurstracks davon. Was für eine Aufregung für dieses mit Staub bedeckte Dorf Suong. Staub auf den Straßen, Staub auf den Gehwegen, Staub überall. Staub durch den ich auf der verzweifelten Suche nach einer Weiterfahrt laufe. Staub, in dem ich stehe, während ich mit der Hand wedele, um Autos zum Anhalten zu bewegen. Diejenigen die anhalten, wollen genauso wenig realistische Summen von mir haben. Die Einheimischen sorgen sich allmählich um mich. Raten mir an, mich irgendwo schlafen zu legen und am Morgen weiterzufahren. Doch wo? Und außerdem gehen mir schon wieder die Dollarscheine aus. Verfluchtes Angkor Wat hat 20 USD für den Tag gekostet. Und nun müsste ich glatt um den Erwerb eines Tickets für den nächsten Bus bangen. Hunger hab ich zu allem Unglück auch noch. Was soll’s – Standardtaktik: Fraternisierung mit der lokalen Bevölkerung.

In irgendeinem Straßenlokal, in dem Einheimische eigentlich nichts anderes machen, als fermentierte Eier zu verspeisen, lerne ich einige Arbeiter kennen: endlich habe ich das Proletariat gefunden. Und so wie ich mich mit der mittelkambodschanischen Arbeiterklasse verbrüdere, wird mir auch sofort ein Ei hinübergereicht, welches ich während meines Reiseberichtes langsam und nach gewohnter südostasiatischer Art und Weise auslöffele. Mit der Eiübergabe werde ich quasi direkt in ihren elitären Kreis aufgenommen. Die braun-schwarz-grün-grau schleimige Masse wandert in meinen Mund und heraus aus ihm kommt ein gleichsam farbenfroher Schwall an Worten, die hier kein Mensch versteht. Immerhin gibt man mir zu verstehen, dass man mich gesehen habe, vorhin, an der Ecke, im Gezerre mit dem Landkartendieb. Man informiert sich weiter. Und zum Glück, es findet sich einer der Englisch kann. Der wahrscheinlich komplizierte Khmer-Name ist mir bereits nach einer Sekunde entfallen. Jedenfalls sieht der ungefähr 30-jährige Mann in etwa genauso vertrauenswürdig aus, wie der Kleinbusfahrer. Da er mir aber bereitwillig ein gegorenes Ei nach dem anderen hinüber reicht, lasse ich mich auf Gespräche ein. Er sei also Mechaniker, so seine Aussage und er wohne nur wenige Minuten mit dem Motorrad vom Stadtzentrum Suongs entfernt. Da das Geld heutzutage knapp sei, mietet er die Werkstatt seines Chefs auch für private Zwecke. Nachts verwandelt sich die Arbeitsstelle komplett in ein Nachtlager. Die Wände sind mit Hängematten für die Kinder bestückt, die Eltern besitzen das einzige Bett des Hauses, welches erstaunlicherweise sogar mit einem Fernseher ausgestattet ist. Der Mechaniker selber schläft auf einer riesigen Werkfläche, die nachts profan mit einem Moskitonetz überdacht und mit dünnen Matten bedeckt wird. Dann schlüpft man – er teilt sich die Arbeitsfläche mit seinem besten Kumpel – in die Schlafsäcke und am nächsten Morgen werden auf dem improvisierten Bett wieder Eisenspäne gehobelt.

Für mich wird die Arbeitsplatte nun ebenfalls zum Nachtlager. An Gästehäusern arm, hatte ich bereits verzweifelt überlegt, wo ich in dieser gottverlassenen Gegend hausen soll. Im Staub, im dürren Gras, irgendwo das Zelt hin krachen? Besser nicht – denn diese Reisetradition habe ich schon lange hinter mir gelassen. Heutzutage quatscht man sich einfach irgendwo hinein und irgendwie kommt man schon unter. Sei es auch nur in einer lausigen Werkstatt mit einfachen Arbeitern. Der Mechaniker hat immerhin großes vor. Während seine beiden Schwestern angeblich in der nächstgrößeren Stadt Medizin studieren, widmet er sich Abend für Abend der englischen Sprache. Das wird ihn irgendwann einmal so richtig reich machen, sagt er. Selber gibt er sich maximal fünf Jahre, dann will er mich in Deutschland besuchen und fragt mich deswegen nach meiner Telefonnummer. Und ich soll mich revanchieren und ihn beherbergen. Als ich ihm versuche meine E-Mail-Adresse zu notieren, lehnt er zunächst dankend ab. Warum? Er habe kein Internet. Na aber wenn du reich bist, wirst du doch welches haben. Fast eine Stunde lang muss ich ihm erklären, dass Reichtum quasi gleichbedeutend mit Internet, ja geradezu der Inbegriff dessen ist. Obwohl er ja recht hat. In fünf Jahren sind E-Mail-Adressen wahrscheinlich ohnehin schon längst altmodisch, wir kommunizieren alle über Facebook und Mark Zuckerberg lacht sich ins Fäustchen.


Markus und die Mechaniker


Markus und die Mechaniker

Stolz zeigt mir der Mechaniker am Abend auf seiner Arbeitsplatte seine von seinem mickrigen Lohn zusammengekratzten Arbeitshefte, die monotone Aufgaben und Schemata der englischen Sprache beinhalten. Alles muss ich durchblättern. Die Kinder amüsieren sich darüber nicht schlecht und sein Kollege verdreht nur die Augen über die Begeisterung des zielstrebigen Mannes. Die Idee unfassbaren Reichtums durch Englischkenntnisse ist aber auch wirklich ein bisschen naiv. Natürlich hat man Vorteile, gerade wenn man es in Kambodscha darauf anlegt, den Touristen das Geld aus den Taschen zu ziehen. Westreisende werden hier zuweilen als die Menschwerdung eines Dollarzeichens angesehen. Kontakte jenseits dieser personifizierten Geldebene sind schwierig, funktionieren jedoch wie in diesem Fall manchmal doch. Dass dieser kleine Mechaniker aber ein großes Handels- und/oder Betrugsimperium aufbauen wird, daran glaubt in dieser Werkstatt niemand: nicht die hypnotisch auf den Fernseher starrenden Eltern, nicht die wild umher hampelten Kinder, die sich hinter den wuchtigen Maschinen verstecken und erst recht nicht die adoleszente Riege der Familie, welche ganz entspannt in den geschätzten fünfzehn Hängematten an Wand und Decke liegen. Aber gut, ich erkläre mich gerne dazu bereit, den Unwissenden zu spielen und den Mechaniker in seinem Glauben zu bestärken. Im Tausch zur Unterkunft gibt es an diesem Abend den seltenen Moment einer Praxisstunde für den Bald-Reichen. Und wie oft kommt es schon vor, dass sich ein Europäer in diese Gegend verirrt? Und so reden wir und reden wir und auch etwas zu Essen gibt es. Ein großer Reistopf wird auf die vorbereitete Arbeitsplatte gehievt, dazu gibt es irgendetwas, das wie zerkochtes Gemüse aussieht. Selbst Fleisch ist drin. Nach dem Essen wird alles feinsäuberlich abgeräumt, abgewaschen und ich werde dazu eingeladen mit ihm zu duschen. Wie, was, wie, wie…habe ich da gerade etwas falsch verstanden? Ich hake nach – es muss an der Sprachbarriere liegen. Doch nein, er sagt tatsächlich „have a shower with me.“ Nun ja, ich schau ihn mir an und denke mir schon, dass er da irgendetwas verwechselt. Denn erstens: eine Dusche in dieser Region – unvorstellbar!!! Zweitens sollte man nach dem Essen auf keinen Fall unters Wasser gehen. Aber tatsächlich hat er genau das vor. Immerhin hatte ich mit der Dusche recht: im Hinterhof steht lediglich ein riesiges Fass mit Wasser bereit, das ständig von einem Brunnen aus befüllt wird. In kräftigen Zügen wird der Flaschenzug aus der Tiefe hochbewegt. Der Inhalt des Eimers ergießt sich in das große Fass und aus diesem wiederum müssen wir uns nun mit Wasser beschütten. Schöpfkellen dienen als Hilfsmittel und komplett durchtränkte Handtücher werden zum Abtrocknen verwendet. Und so reiben wir uns – glücklicherweise nicht gegenseitig, wie seine Einladung grammatikalisch korrekt zunächst vermuten ließ – landestypisch mit Waschpulver ein und schütten Wasserschwalle über unsere Köpfe. Dann geht es zurück auf das harte Arbeitsbrett, tiefer Schlaf und eine Motorradfahrt zum Busbahnhof am nächsten Morgen. Und wie ich dort so auf einer staubbedeckten Kreuzung auf einem vollkommen deplatzierten Bürostuhl hinter einem genauso fehl am Platze seienden Bürotisch sitze und drei bis vier Stunden auf meinen Bus in den Norden warte, bin ich mir sicher, dass ich es bis zum Abend nach Laos, mindestens aber nach Stung Treng schaffen werde. Auch denke ich mir, dass dieses furchtbare Suong ja gar nicht so furchtbar ist. Dann rauscht ein riesiger Massentransport an Menschen vorbei, eine Motorradfahrerin legt sich mit ihrer Maschine in den Trockendreck und die Polizei verfolgt irgendwelche Kinder auf Diebeszug. Wunderschön – faszinierender Mikrokosmos.


Drei Stunden auf der Hauptkreuzung von Suong


Menschen auf Trucks


Das wunderschöne Suong: Staub, Trucks und Hupgeräusche

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen