Montag, 23. August 2010

Phnom PENG!!! Dollarscheine sind meine Devise

Das Währungssystem Kambodschas ist marode. Irgendwie gibt es so etwas wie kambodschanisches Geld – das nennt sich Riel und wird in blassen zerfledderten Scheinen ausgegeben –, doch dient diese Einheit nur als Wechselgeld oder Centersatz. Offiziell wird alles in US-Dollar bezahlt. Nur für kleinere Werte kommt der Riel zum Einsatz. Wo die Kambodschaner ihn aber her nehmen, ist mir ein einziges Rätsel. Bankautomaten spucken ihn nicht aus. Zumindest hat mir jede Geldmaschine, die ich während meiner Zeit in Kambodscha aufgesucht habe, stets nur die eine Auswahl gelassen: US-Dollar abzuheben. Nicht einmal zur Bezahlung des Visums an der Grenze will man etwas von der eigenen Währung wissen. Zu instabil, zu wertlos. Man müsste schließlich Bündel anschleppen, um den ebenfalls blassen Aufkleber im Pass zu bezahlen. Doch darauf haben weder die Grenzbeamten, noch die Touristen Lust. Für das Königreich lohnt sich die Nutzung des amerikanischen Geldes wohl ebenfalls. Abgesehen davon, dass sich das Land dadurch in ökonomischer Abhängigkeit der USA befindet, spart man sich zumindest die Druckkosten. Und die kambodschanische Bevölkerung weiß im Gegenzug eher, wie Washington und Lincoln ausgesehen haben müssen, als der eigene König.

Seltsam ist natürlich auch, dass Kambodscha die Währung eines Landes verwendet, welches diesen heute ärmsten Staat Indochinas und, Burma einmal ausgeklammert, wohl auch Südostasiens im Zuge des Vietnamkrieges jahrelang bombardiert und somit für eine Instabilität gesorgt hat, die direkt zur Machtübernahme der Roten Khmer 1975 führte. Agrarkommunismus – 2 Mio. Tote. Keine schlechte Bilanz für ein Terrorregime, das nicht einmal fünf Jahre andauerte. Die Idee dazu, die gesamte Elite des Landes zur Feldarbeit zu verdonnern, hatte Pol Pot aus den salonkommunistischen Kreisen Frankreichs mitgebracht. Der Despot – selbst ein Intellektueller mit westlicher Bildung – ließ sogar Menschen aufgrund dessen, dass sie eine Brille trugen oder Französisch sprechen konnten, verhaften, nur um seine neue Gesellschaft der Zwangsarbeit aufzubauen. Mit dem Einmarsch seiner maoistischen Rebellentruppen in Phnom Penh, beginnt die Räumung der Hauptstadt. Stadtleben bedeute bereits bourgeoise Dekadenz, die mit Landarbeit ausgerottet werden soll. Politische Eliten werden umgehend in das Sicherheitsgefängnis S-21, auch Tuol Sleng genannt gebracht. Der Herr des Hauses nennt sich Duch – ein Kampfname. Er ist ehemaliger Mathematiklehrer und hatte wohl auch die Idee dazu, die einstige Oberschule mit Stacheldraht zu umzäunen und zur Folterkammer umzufunktionieren. Von ungefähr 14.000 Insassen+ haben sieben überlebt, deren Bilder und Erzählungen heute den Kern des Genozidmuseums (ob man die zielgerichtete Vernichtung einer sozialen und politischen Klasse als Genozid bezeichnen kann, darüber lässt sich streiten) in Phnom Penh ausmachen – die anderen Gefangenen landeten mit Schaufeln erschlagen auf den Killing Fields. Besonders gut ist die Aufarbeitung in dem Museum zugegebenermaßen nicht. Wenig Informationen, ein paar Ausstellungsgegenstände und Folterinstrumente, viele Fotos – Darstellungen, wie man Waterboarding betreibt (und ich dachte das hätten die Amerikaner ganz alleine erfunden – ich bin schwer enttäuscht von der Kreativität der US-Soldaten). Trotzdem ganz interessant durch die Räume des S-21 zu gehen. Und es kostet ja auch nicht die Welt: 2 Dollar und man ist drin.


Tuol Sleng Gefängnis


Tuol Sleng Gefängnis


Tuol Sleng Gefängnis


Tuol Sleng Gefängnis


Tuol Sleng Gefängnis


Bilder der Opfer des Tuol Sleng Gefängnisses: damit wird der Hauptteil der Ausstellung bestritten

Nun, so ganz funktioniert hat Pol Pots Agrargesellschaft ja nun letztlich nicht. Als 1979 die Vietnamesen als fahnenschwenkende Befreier einmarschierten, war Kambodscha wirtschaftlich ruiniert und um einen guten Teil der Bevölkerung ärmer. Und da Pol Pot ja auch weiterhin am Leben blieb, schlitterte das Land in den 80ern in einen etliche Jahre andauernden Bürgerkrieg, während dem die UNO den Khmers Rouges immer noch einen Sitz in der Vollversammlung der Vereinten Nationen gewährte und die USA die Rebellen mit Waffen unterstützte, da sie in ihnen das einzige Machtgleichgewicht zum vietnamesischen Besatzungsregime sahen. 1989 verließen die Vietnamesen das Land und 1993/1994 zerbrachen die oppositionellen Khmers Rouges endgültig unter der inneren Zerrüttung in der Partei. Aber trotzdem bedurfte es noch einmal fünfzehn Jahre bis sich einer von ihnen vor Gericht zu verantworten hatte: erst ein paar Wochen vor meiner Einreise nach Kambodscha wurde Bruder Duch zu 30 Jahren Haft verurteilt. 40 wurden verlangt, 35 verhängt, 5 abgezogen – einfache Mathematik.

Heute leidet das Land immer noch unter seiner geschichtlichen Last. Während der König in einem prunkvollen Palast in Phnom Penh lebt (der ist wirklich prunkvoll…unfassbar prunkvoll) hungert vor allen Dingen die Landbevölkerung - mehr als ein Drittel der Kambodschaner leben unterhalb der Armutsgrenze. Viele Familien mieten gleich ihren Arbeitsplatz als Wohnstätte an. Nachts werden die Hängematten herausgeholt und am nächsten Morgen an Ort und Stelle wieder malocht. Die wenigen Reichen des Landes verdingen sich in den klassischsten Gangsterbranchen: Casinos für die Touristen aus Thailand, wo Glücksspiel verboten ist, Prostitution – ein Klassiker –, Tauchtourismus oder andere abwegige Geschäftsideen. Fast jeder, der mir in Kambodscha entgegen kommt und gerade in die andere Richtung unterwegs ist, berichtet mir stolz, dass man in diesem Land für alles bezahlen kann. Wer einmal das majestätisch, ja erhabene Gefühl erleben will, einen Elefanten mit einem Raketenwerfer abzuschießen – in Kambodscha findet sich die Möglichkeit dazu. Das kleinlaute, aber faktisch große Geschäft mit dem Waffensafaritourismus läuft allem Anschein nach ausgezeichnet. Sonst würde nicht jeder von diesem Business Kenntnis haben. Meine Gastgeberin bleibt aufgrund der bleihaltigen Luft sogar am liebsten ganz zu Hause, verbarrikadiert sich und nennt die Hauptstadt Phnom PENG!!! (mit drei Ausrufezeichen, ja mit drei!!!). Ihre Meinung scheinen viele zu teilen. Überall sieht man Häuser, die mit mehreren Lagen Stacheldraht umschlungen sind, zwischen denen ich wiederum vorsichtig balancierend auf einem kleinen Vordach sitze, nur um das WLAN-Signal des gegenüberliegenden Kaffeehauses zu erwischen. Für mich ist die vermeintliche Gefahr nur weniger präsent. Wenn man nachts unterwegs ist, begleiten einen Trauben von Mototaxis, die zwar Nerven kosten, aber indirekt auch für Sicherheit sorgen. Tagsüber ist die halbe Stadt in orange gehüllt, da sich die große buddhistische Universität des Landes, sowie die gegenwärtig wichtigsten Tempel Kambodschas hier befinden. Ich frage mich, ob die Mönche wohl auch alle eine Knarre unter der Robe haben. Folgt man dem offiziellen Image, welches sich Kambodscha in den letzten 20 Jahren erarbeitet hat, müsste das gewiss so sein. Trotzdem, selbst als ich Phnom Penh verlasse, mache ich das mal wieder auf meine Weise: Daumen raus und ab in den wilden, anarchistischen Norden des Landes. Nichts passiert, alles ruhig, alle nett. Schade nur, dass ich wieder zwangsläufig in einem Bus lande und nicht auf einem dieser bis ins Absurde hochgestapelten Trucks, auf denen schätzungsweise bis zu 50 Passagiere mitfahren. Trucking nennt man das passenderweise – und es sieht saugefährlich aus. Eine Vollbremsung und die Hälfte der auf dem Dach sitzenden Leute klebt an der Heckscheibe des Vorderfahrzeugs. Doch sie sind anscheinend trainiert. Ich sehe so viele dieser überladenen Trucks an mir vorbeirauschen und oh Wunder, niemand fällt herunter. Im Gegenteil. Sie schaffen es noch während sie selber halb über der Straße hängen diverse Gegenstände, die von Einkaufsbeuteln bis zu Motorrädern reichen, mit sich zu führen. Die Erfahrung wäre eine solche Fahrt auf jeden Fall wert gewesen. Nur leider halten die Fahrer nicht für mich an. Und ständig kommen Passanten auf mich zu, die mir helfen wollen Busse zu stoppen. Deren Besatzung springt dann heraus, wirft ungefragt meinen Rucksack in das Gepäckfach und drängt mich an Bord. Erst dann hören sie mir mal zu: Ich hab kein Geld, Leute!!! Doch das zieht hier nicht. In Siam Riep werde ich freundlich zum Geldautomaten begleitet, der mal wieder was ausspuckt: na US-Dollar natürlich.


Königspalast


Königspalast


Königspalast


Königspalast


...in Bild...in Ton


Unabhängigkeitsdenkmal in Phnom Penh


Meine ersten Mönche


Hauptstadttankstelle


Eine noch harmlose Form von Trucking

1 Kommentar:

  1. Ich war im Dezember auch in Kambodscha. War sozusagen mit Familienanschluß dort. Ich bin jeden Tag durch Phnom Penh gelaufen, mit dem Tuk-Tuk oder mit dem Moped durch die Stadt gefahren, ich habe nicht eine Schramme abbekommen, obwohl ich im dichtesten Verkehr unterwegs war.
    Bewundernswert, diese Geduld und die Gelassenheit der Kambodschaner, die im stressigstem Alltag noch lächeln können.

    Übrigens: Die USA haben damals nicht die Kambodschaner, sondern die nordvietnamesische Armee und die Vietcong bombardiert, die dieses schwache neutrale Land als Versorgungs-und Nachschubroute (Ho-Tchie-Minh-Pfad)für ihren Krieg in Südvietnam mißbrauchten. Erst die vietnamesischen Kommunisten und Maos "Entwicklungshelfer" schufen ihre Ableger namens Khmer Rouge, weil sie diese für die "revolutionäre" Destabilisierung der Region brauchten. Pol Pot wurde erst zum Abschuß freigegeben, als er anfing vietnamesisches Territorium anzugreifen und sich aus Hanois Bevormundung in die Arme der Chinesen begab.

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