Mittwoch, 25. August 2010

Angkor…What?

Wenn es ums Geld geht, ist mit den Khmern nicht zu spaßen. Die Busfahrt nach Siam Riep, um deren Bezahlung ich mich lange gedrückt hatte, da mir die dazu nötigen Dollars fehlten, kam mich letztlich doch zu stehen – nicht teuer, aber immerhin. Wie es eben so ist: der Busfahrer hat einen Bruder, der zufälligerweise Tuk-Tuk-Fahrer ist und fast genauso zufällig einen Cousin hat, der wiederum ein Gasthaus betreibt. Da verstrickt man sich. In Ruhe wimmele ich erst einmal jeden an der Bushaltestelle im trockenen Steppenstaub oder was immer dieser sandige Untergrund ist ab, schlage mich zum nächsten Informationsstand durch und bekomme nicht einmal einen Anruf geschenkt. Aber ich will doch mit meinem Anwalt sprechen! Ich habe doch das Recht…Du bist in Kambodscha, in Nordkambodscha, hätte mir nur mal einer sagen müssen, damit ich zu Bewusstsein komme. Es schüttelt mich, ich schau den Tuk-Tuk-Fahrer an und sag nur ab zum nächsten Bankomaten. Und wieder werden frische Dollars gezogen und wieder wird man zu diesen befreundeten Gasthäusern gebracht, wo man besondere Preise, Freundschaftspreise bekommt. Beschweren kann ich mich allerdings wirklich nicht. Die anfangs so nobel angepriesene gratis Tuk-Tuk-Fahrt kostet zwar in letzter Konsequenz doch etwas – immerhin aber nur so viel, wie die Übernachtung. Haha, das mag teuer klingen – ist es aber nicht. Eine Nacht, ein Bett, ein Moskitonetz und free wi-fi: 1 Dollar. Wenn das nicht lohnt – ich bleib gleich ein paar Tage dort, arbeite das Geld online wieder rein und ruhe mich aus.


Matratze und Moskitonetz - 1 Dollar

Schließlich hatte mich das Fieber in Phnom Penh kurz vor Abreise noch einmal erwischt. Immer wenn man gerade auf dem Sprung ist. Doch todesmutig hatte ich mich natürlich trotzdem auf die Straße gewagt und den Daumen herausgehalten. Und letztlich konnte ich mit einem schwächlichen, niedergeschlagenen, übermüdeten Aussehen auch noch gut meine lange Zahlungsunfähigkeit im Bus legitimieren. Acht Stunden rattert das Gerät über die holprigen Landstraßen des Königreich Kambodschas. Acht Stunden, in denen ich mich vollumfänglich ausschlafen kann und letztlich voller Energie ankomme. Da sind wir: Angkor: Stadt der Könige – oder wer auch immer hier einmal geherrscht haben mag. Nun, bringen wir es einfach auf den Punkt: zwischen dem 9. und dem 15. Jahrhundert Zentrum des Khmer-Reiches – sagt Wikipedia. Logisch nur, dass sich auf diesem Gebiet Nordkambodschas, nahe der thailändischen Grenze und in unmittelbarer Nachbarschaft zur heute zweitgrößten Stadt des Königreichs Siam Riep massig Ruinenpaläste befinden. Spektakulär aber ist, dass die meisten Tempel und Pagoden noch heute erhalten und das Khmer-Symbol schlecht hin sind. Phallisch erheben sich die riesigen…ja, wie soll man sie nennen…Zylinder? Kegel? Lotusblütensymbole? Die Türme sind einfach nur richtig groß und stehen auch noch heute stellvertretend für das Nationalbewusstsein in Kambodscha. Angkor Wat – der Haupttempel und gleichzeitig das markanteste Gebäude im Archäologiepark – ist sogar auf der Staatsflagge versehen.


Die Türme von Angkor Wat - Heiligtum und nationales Symbol


Angkor Wat


Mönche - oft gesehene Gäste in Angkor Wat

Was da aber so das Abendsonnenlicht reflektiert, darf offiziell gar nicht bestiegen werden. Man geht auf die erste Empore, dann auf die zweite, schaut sich die hier eher wenigen Reliefs an und läuft gerade wenn man enthusiastisch empor schreiten will genau gegen ein Verbotsschild, welches den schmalen Treppenaufgang versperrt. NO EXIT!!! steht dort geschrieben. Doch anstatt erschrocken zusammenzuzucken und mich schnell aus dem Staub zu machen, bleibe ich wie angewurzelt stehen und beginne zu grübeln. Also wenn sich dort kein Ausgang befindet bzw. das Herausgehen untersagt ist, dann trifft das ganze Verbot ja gar nicht auf mich zu. Ich will doch schließlich nur hineingehen und nicht hinaus. Hineingehen wiederum ist allem Anschein nach erlaubt, also wieso noch lange warten – die Sonne senkt sich schon, ich renne flott die Treppe hoch. Und eine Aussicht: zunächst von dem weitläufigen Karree auf diese Phallus-Türme, dann auf die Einkerbungen im Sandstein und mit einem langsam umherwandernden Blick auf eine grimmig dreinschauende Person in Uniform. Festnahme? Oh nein. Nicht schon wieder. Selbst die Verstärkung ist bereits angekommen und ich versuche zu erklären, dass ich des Englischen doch nicht so gut mächtig sei und zweifelhaft übersetzte Verbotsschilder mich verwirren und das überhaupt rein grundsätzlich ein Ausgangsverbot auf mich ja gar nicht zutreffen konnte, da ich ja schließlich hinein…und…und…und…wie jetzt ich soll hier bleiben, während eine mir nachfolgende Gruppe angelsächsischer Mädchen gerade die Beine in die Hand genommen hat und geflüchtet war? Ich schaue mir den Wachmann an – er sieht vertrauenswürdig aus, zwinkert mir mit unbestechlicher Bestechlichkeit zu und beginnt für mich eine kleine Tour durch die heiligen Hallen zu organisieren.


Kein Zutritt? gilt dank Korruption nicht für mich

Auf wackeligen Wegen klettern wir auf das erste Plateau, schauen uns um – in gebrochenem Englisch erzählt mir der Sicherheitsbeamte, dass dieses Angkor Wat gleichzeitig auch seine Wohnung sei. Er schlafe sogar hier oben. Immerhin windgeschützt und am Morgen wacht man stilecht zum Sonnenaufgang auf. Mit Essen wird er von unten versorgt. Er braucht quasi nicht einmal hinabsteigen. Ich vermute eher, dass er hier oben festgehalten und zum Wachdienst verdonnert wird. Aber irgendwie scheint er es gut zu finden. Zur obersten Spitze geht es über ein Baugerüst. Alles furchtbar instabil, doch ein übergroßes Schild mit der deutschen Flagge weist pro forma auf Qualitätsarbeit hin. Hier restauriert die Uni Köln in Kooperation mit Kambodscha, de facto in Kooperation mit kambodschanischen Hilfsarbeitern. Na wenn das nichts ist. Solche Schilder findet man fast überall auf dem Gelände von Angkor. Kambodschanisch-Japanische Kooperation, Kambodschanisch-Französische Kooperation, Kambodschanisch-Italienische Kooperation. Nicht einmal die Koreaner lassen sich lumpen und bauen kräftig an dem Nationaldenkmal mit. Und Deutschland hat sich offensichtlich das Herzstück, die Spitze des Angkor Wat gesichert. Wie prestigereich. Gleich darunter, unter diesem wulstigen Lotuskegel aus dickem Sandstein befindet sich das allergrößte Heiligtum, zu dem nicht einmal ich Zugang erhalte. Aller Bestechlichkeit der Autoritäten zum Trotz – das solide Vorhängeschloss der Firma Albatros bekommt auch der Milizionär nicht auf. Denn hier enden offiziell seine Zuständigkeiten. Vermutlich befindet sich hinter dem massiven Eisengitter ein anderer Wachmann, der nur dann zum Türöffnen hinunterkommt, wenn er gerufen wird. Das passiert aber höchstens einmal im Monat, wenn nicht seltener – dann nämlich, wenn der König zur Meditation kommt. Nicht einmal die buddhistischen Mönche, die sich zuhauf in den historischen Tempeln herumtreiben, dürfen die Gebetsmühlen im Haupttempel schwungvoll anstupsen. Das darf nur der König. Wovor der seit 1993 wiederamtierende König Norodom Sihanouk (Ok, so ganz ist er gar nicht mehr König – sein Sohn hat wohl seit 2004 die offizielle Monarchenrolle übernommen. Da dieser betagte Herr mit dem melancholischen Blick aber jeden Geldschein ziert und überhaupt omnipräsent ist…ach, wie auch immer) in seinem gebrechlichen Alter von fast 90 Jahren niederkniet, ist aber auch mir zur Einsicht gestattet. Und so schiebt sich mein Fotoapparat elegant durch die Gitterstäbe, der Blitz erhellt den stockdusteren Raum und da haben wir‘s. Ein steinerner Buddha. So so. Was für eine Überraschung. „Same same, but different“, könnte man sagen.


Hinauf geht es zu den Türmen


auf dem Angkor Wat


Hier restaurieren die Deutschen


Gerüstklettern


Königliches Heiligtum - Steinerner Buddha


Königliches Heiligtum

Lediglich der wolkenverhangene Himmel versalzt meinen Aufenthalt auf dem Turm ein wenig. Denn dazu kommen sie ja alle hier her, diese Touristen und Reisenden und Mönche und Souvenirverkäufer (na die vielleicht nicht): um den Sonnenuntergang und/oder -aufgang im Schatten der Tempel zu sehen. Während ich Schritt für Schritt hinabsteige und dem wachhabenden Gendarm ein bisschen Bakschisch zuschiebe, merke ich bereits, dass das nichts mehr wird, mit rot-golden illuminierten Sandsteinbauten. Ein Glück, dass ich die Eintrittskarte für den Park eigentlich für den nächsten Tag habe – wer spät kommt, erhält den Abendeintritt gratis dazu. Aber was heißt bei einem Tagespass für 20 Dollar überhaupt gratis. Hier macht Kambodscha Geld. Aber wer möchte es ihnen verdenken. Sehr viele lukrative Orte, sprich Orte, an denen der Staat Geld herausschlagen kann, gibt es in der kambodschanischen Tourismusindustrie nicht. Ein paar Tauchresorts im Westen, ein bisschen Dschungelabenteuer im Osten, etwas royaler Prunk in der Hauptstadt – und eben Angkor.


Blick von den Türmen - nur kein Sonnenuntergang

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