Freitag, 20. August 2010

Ho-Ho-Ho Chi Minh

Strömend prasselt der Regen auf dieses ach so provinziell wirkende Saigon nieder. Ein Dorf, das sich über etliche Quadratkilometer erstreckt und so gar nicht den Anschein einer Metropole erwecken möchte. Im Gegensatz zu Hanoi hat HCMC überhaupt nichts Hauptstädtisches , Boomendes, Wachsendes an sich. Die Stadt ist ein plattgedrücktes Dorf, flach wie ein Pfannkuchen. Ein Dorf, das einfach mit seiner ländlichen Umwelt verwächst und sich kaum von ihr abhebt. Die Übergänge sind fließend. Der Monsun, welcher die Stadt bei meiner Ankunft heimsucht, verstärkt diesen Eindruck nur noch. Die versuchsweise angelegten Großstadtboulevards verwandeln sich in ländliche Wasseradern – nur noch die Reisfelder fehlen. Auf den spontan entstehenden Flüssen manövrieren elegant die Mopedfahrer in gewagten Positionen durch die Ortschaft. Überhaupt Ortschaft. Dieser Begriff passt so viel besser auf diesen Handlungsraum, in dem ihre Einwohner agieren, in dem sie die Bürgersteige zu ihren Wohnzimmern machen, auf denen sie Kaffee bis spät in die Nacht trinken, Essen kochen, speisen und überhaupt: leben nennt man wohl am ehesten das, was sie da machen.


Eine Sehenswürdigkeit von Saigon

Durch diese eigenartige Welt wandele ich spät in der Nacht. Die letzten 20.000 Dong sind für eine Busfahrt ans Westend von HCMC draufgegangen, in welchem ich mich gut und gerne eine Stunde vor dem strömenden Regen schützend, unbeweglich, selbst eine Horde südvietnamesischer Kakerlaken vor meinen Augen in den reißenden Fluten ertrinken sehend Unterschlupf in einem dieser nächstbesten Restaurants suchen muss, in die man immer nur dann geht, wenn es plötzlich aus heiterem Himmel zu regnen anfängt. Mehr Geld habe ich nicht mehr. Logische Konsequenz: kein Essen und auch kein Moto-Taxi mehr. Zu meinem eigentlichen Bestimmungsort muss es zwangsläufig zu Fuß gehen. Die Position meiner Gastgeber – eine vietnamesische Familie mit einer erstaunlich fanatischen Vorliebe für Beethoven – ist zumindest luftlinientechnisch ausgemacht und halbwegs um die Ecke gelegen. Sobald der himmlische Wasserfall schrittweise in einen seichten Nieselregen übergegangen ist, mache ich mich auf den Weg. Fünf Kilometer von hier – sagen sie alle. Nicht nah, doch marschierbar – auch mit vollem Gepäck. Wer Stundenlang durch die Matschpfade Nordvietnams gewandert ist, schafft es auch durch die eingeweichten Straßen von Saigon. Aller zwanzig Minuten frage ich Passanten nach einer Richtungskorrektur, um bloß nicht vom Weg abzukommen. Es wird dunkler und dunkler, der Feierabendverkehr wird dichter und dichter – die Kilometeranzahl schrumpft auf drei.


Mopeds und Monsun


Mopeds und Monsun

Ein Ausländer in dieser Gegend, noch dazu um diese Zeit und mit vollem Gepäck – das ist die Ausnahme. Automatisch ruft man ihm hinterher. Irgendetwas Unverständliches auf Vietnamesisch, von dem man annimmt, das er es trotzdem irgendwie versteht. Er versteht es natürlich nicht…doch als Aufmacher für ein Gespräch bietet sich diese Angewohnheit der Vietnamesen allemal an. Als eine große Abendgesellschaft, die sich mit einer erstaunlich großen Menge an Essen, einem brodelndem Suppentopf und einer gigantischen Flasche Schnaps am Wegesrand niedergelassen hat, eben jenem Muster folgt, wittert der Ausländer seine Chance. Er schreitet gezielt einen Schritt an den Speisenden vorbei, nur um sich dann gekonnt mit einer Geste umzudrehen, die sagen möchte: ach, warum eigentlich nicht Fraternisierung betreiben. Als Grundlage dient ihm ein Zettel, auf dem Adressen und Wegbeschreibungen notiert sind – der Zettel zettelt eine lebendige Diskussion an, die so lange dauert, dass man den Ausländer zwangsläufig darum bitten muss, sich doch zu setzen. Und wo er schon einmal vor dieser kulinarischen Vielfalt Südvietnams sitzt, landen regelrecht automatisch auch eine Schüssel Reis und Essstäbchen vor ihm. Er wird aufgefordert die unterschiedlichen Gerichte eins nach dem anderen zu probieren. Alles muss zumindest einmal gegessen werden. Was soll er da schon dagegen haben. Er ergibt sich der Völlerei und so vergeht Stunde um Stunde. Er erfährt, dass es sich bei den Einladenden eigentlich um chinesische Auswanderer handelt, die sich in Vietnam ein besseres Leben erhofft haben. Und wie das so bei Chinesen ist – sie versuchen den armen Ausländer beim Trinken herauszufordern. Die Flasche Cognac leert sich proportional zum Suppentopf, welcher sich seinerseits jedoch aus dem Nichts heraus auch wieder füllt. Aus unbekannten Hinterzimmern heraus kommen Personen herangetreten und bringen immer wieder neue Ingredienzien an den Tisch, welche in den geheimnisvollen Topf gegeben werden. „Töpfchen, koch“ wird gesagt…und unaufhörlich entspringen ihm immer wieder neue Gerichte, die zuvörderst der Ausländer verspeisen muss. Nachschub kommt allmählich auch beim Cognac. Bei diesem ist das Ziel klar: der Ausländer soll betrunken gemacht werden. Doch schon nach einer verhältnismäßig geringen Menge ist das Ergebnis eher umgekehrt. Alle anderen sind bis zur Kommunikationsunfähigkeit angeheitert und dem Ausländer bleibt nichts anderes übrig als sich wortlos weiterhin über das Essen herzumachen bis allmählich wieder Normalität eintritt.


Essen, essen, essen


Essen, essen, essen


Seltsame Bananen


Trinkversuche

Der Ausländer, das bin natürlich ich. Und ich hatte sowieso einen knurrenden Magen und eine leere Brieftasche, bevor ich bei diesen chinesischen Gourmets eintraf. Und weil ich dementsprechend gut esse und die Kreationen des Küchenchefs nach bester Manier lobpreise, werden mir Telefonnummern gereicht, die ich in zwei Tagen anzuwählen habe. Dann wird mir ein Treffpunkt genannt, an dem ich ebenfalls in zwei Tagen um eine ganz bestimmte Zeit sein solle. Dort werde ich abgeholt und anschließend aufs Land gebracht, um dort…na was wohl…zu essen und zu trinken. Fürs erste aber wird der Abend seicht beendet. Noch als ich auf das Motorrad steige, dass mich kostenlos zu meinem Bestimmungsort bringt, wird mir ein Glas Cognac aufgezwungen, in der Hoffnung das dieser letzte Tropfen mich nun endlich kleinkriegen würde. Verrückte Leute. Wenigstens bringen sie mich direkt zu meinen Gastgebern, die sich nur noch darüber wundern können, dass ich vor drei Stunden noch vollkommen nüchtern mit ihnen telefonieren und die Wegbeschreibung erfragen konnte und nun bereits ernsthafte Artikulationsschwierigkeiten zu haben scheine. Sie führen es offensichtlicher Weise auf einen vermeintlichen Mangel an Nahrung zurück und laden mich mit einer Freude, derer man sich nur schwer entziehen kann, zu einem Abendbrot ein, das umfangreicher gar nicht aufgetischt hätte werden können. Der Vater besteht zudem darauf, mit mir Bier trinken zu wollen. Was immer meine Gastgeber glücklich macht. Ich nehme also an einem gut gedeckten Tisch Platz und erfahre einmal mehr mit bereits vollem Magen asiatische Esstradition. Und wie läuft das nun mit dem Essen in Vietnam? Das muss ja auch mal erklärt werden: zunächst werden statt Tellern Schüsseln ausgeteilt, in denen sich eine nicht zu geringe Menge Reis befindet. Auf verschiedenen Schalen in der Mitte des Tisches befinden sich weiterhin Produkte vielfältigster Art. Man kann annehmen, dass jedes in der asiatischen Küche gängige Tier beim Abendessen einer vietnamesischen Familie wiederzufinden ist. Und diese hier ist zudem wohlhabend und hochgebildet, auf was das prächtige Klavier mit Beethovenbüste im Empfangsraum hinweisen möchte. Jedes Familienmitglied ist im Übrigen in der Lage dem Instrument sinnvolle Klänge zu entlocken. Kein Wunder also, dass hier alles ausgesprochen reich gedeckt ist. Und obwohl ich schon nicht mehr kann, muss auch noch das Dessert rein. Es gibt Früchte jeder Art. Früchte, die ich nie zuvor gesehen habe. Früchte, die wahrscheinlich eine weniger gute Lobby in Europa haben, als Litschis, dafür aber um einiges besser schmecken. Muahhuahhuahhua…mehr kann man dazu nicht sagen. Nicht einmal die Namen dieser Früchte kann ich nennen. Ein Jammer.

Zum Frühstück am nächsten Tag ähneln sich die Bilder. Aus welchen geheimnisvollen Lagern die Lebensmittel genommen werden, ist mir vollkommen unklar. Der Nachschub muss, so schlussfolgere ich, nachts auf geheimnisvollen Wegen und durch noch geheimnisvollere Hintertüren erfolgen. Anders kann es nicht sein. Am Abend essen wir ausnahmsweise auswärts. Die Tochter zeigt uns – d. h. mir und einem noch hinzugekommenen Belgier die Stadt und lädt uns ohne zu Zögern zu Austern und Gegrilltem ein. Der Stadtrundgang, muss ich sagen, fiel jedoch erstaunlich kurz aus. Muss dieser etwas verwirrt wirkende Belgier denn auch unbedingt am Flughafen seinen Pass und alle Geldkarten, genau das, was man nie, nie, nie verlieren sollte, verlieren? Stundenlang werden Banken und Botschaften angerufen und in Kenntnis gesetzt, Karten gesperrt – bis wir letztlich doch noch einmal zurück zum Flughafen fahren und nach allerlei suchen einen Taxifahrer finden, der seinerseits die Papiere gebunkert hat. Pech ist das trotzdem für den Belgier. Nun ist er gerade in Vietnam angekommen und plant für irgendein Städteplanungsprojekt in Can Tho im Mekongdelta zu forschen, hat aber nur noch 20 Dollar und keine funktionierenden Karten mehr. Gelassen wird er gut zwei Wochen warten müssen, bis alles wieder freigeschaltet ist. Bis dahin heißt es, sich irgendwie im Mekongdelta durchzuschlagen. Mekongdelta…wieso fahre ich dort eigentlich nicht hin, frage ich mich zwischenzeitlich während ich mit ihm über seine Pläne spreche und ihn ermahne, dass Malariamittel in der wasserreichen Region da unten vielleicht doch angemessen wären. Eigentlich ist der Mekong genau das, was mir noch fehlt, um Vietnam komplett gesehen zu haben: „been there, done that.“ Na gut, sage ich mir. Dann halt nicht die Straße nach Phnom Penh, sondern das Boot. Das heißt aber auch, dass ich nochmal mindestens 100 Kilometer nach Westen muss. Da ich aber bereits meine Flussschifffahrt auf dem Jangtse knicken musste, will ich mir dieses Abenteuer nicht entgehen lassen und plane in einer noch unbestimmten Anzahl an Tagen in die grenznahe Stadt Chau Doc aufzubrechen. Von da sind es nur acht Bootsstunden bis in die kambodschanische Hauptstadt.

In der Zwischenzeit aber genieße ich weiterhin die vietnamesische Gastfreundschaft, die mich an diesem Wochenende auf das Land bringt und umso mehr in die männliche Ess- und Trinkkultur des Landes einführt. Ich weiß nicht, ob es konkret vietnamesische oder chinesische Tradition ist, von der ich exemplarisch Zeuge werde. Jedoch mache ich mir über einige Merkmale Notizen, die folgendermaßen aussehen:

- Vietnamesen trinken Eis mit Bier
- Wenn Eis mit Bier alle ist, bringen Frau und/oder Kinder Nachschub
- Vietnamesen werfen alle Essensreste unter den Tisch
- Wenn zu viele Essensreste unter dem Tisch liegen, kommen Frau und/oder
Kinder zum aufräumen

Kurzum, zumindest unter den Leuten, die mich auf diesen beschaulichen Landsitz gebracht haben, kann man noch so richtig schön Chauvinist sein. Immerhin das Essen wird vom Hausherrn – das lässt er sich nicht nehmen – angebracht. Selbst die Zugabe wird ausschließlich von ihm in den Topf gelegt. Und so blähen sich unter dem Einfluss von Bier und Reisgerichten die Mägen, während die Fließen unter uns immer mehr dem Boden eines chinesischen Zuges ähneln. Katzen schleichen durch die Müllhaufen und picken sich alle noch verwertbaren Reste heraus. Dann wird der Sitzplatz gewechselt, um dem Aufräumkommando genügend Raum für die Freiwilligenarbeit zu bieten. In der Zwischenzeit geht es wieder ans Bier. Und wieder muss der arme Ausländer sich beweisen. Das Bier mit dem das halbe Glas ausfüllenden Eisklumpen müsse selbstverständlich auf Ex getrunken werden. Zwar pocht der arme Ausländer auf seine deutsche Genießertradition, doch es hilft ja alles nichts. Und er warnt noch. Dass er zuvor in Russland gewesen sei und der asiatische Enzymhaushalt einfach keine großen Trinkgelage zulasse…doch da ist es bereits zu spät. Der einzige im Vollbesitz seiner Sinneskräfte spricht natürlich kein Vietnamesisch und der Rest der Tischgesellschaft ist sturzbetrunken. Okay, denkt er sich, widme ich mich eben einfach wieder wortlos dem Essen. Als beim Rest der Mannschaft wirklich gar nichts mehr geht, wird der Beschluss gefasst allmählich nach Hause zu fahren oder zumindest irgendwie in Richtung Tanh Pho Ho Chi Minh.

Statt mich aber einfach nur zurück zu bringen, besteht der Fahrer darauf, dass auch er mich einladen müsse. Schnell werden die Frauen des Hauses angerufen und die Kinder zum Bierholen geschickt. Als wir in einem hofartigen Anwesen im Westen von Saigon ankommen, welches von mehreren Familiensträngen bewohnt zu werden scheint, stehen bereits das Abendessen und mit mächtigen Eisbrocken bestückte Biergläser bereit. Ich ahne schon, auf was das mal wieder hinausläuft und höre gerade in diesem Moment das unverkennbar zischende Geräusch einer sich öffnenden Bierdose. Im Chor folgen polyphon auch die anderen Blechbüchsen, gefolgt von einem plätschernden Ton des Eingießens. Weiter geht es also – nächste Runde. Und da unsere gesamte Kommunikation ja nicht nur aufgrund erhöhter Promillewerte, sondern auch deswegen, weil ich kein Wort Vietnamesisch (außer Danke – Cam on – und Prost – Mot hej ba yo) und meine Gesprächspartner weniger als rudimentäres Englisch sprechen. Wie man sich trotzdem stundenlang ohne größere Sprachpausen an einem Tisch aufhalten kann ist auch mir ein Rätsel. Aber irgendwie versteht man sich schon. Hände, Füße und die vollstes Verständnis bzw. beeindrucktes Erstaunen zum Ausdruck bringen wollenden Interjektionen Ah! und Oh! werden zu Hilfe genommen und der Rest ergibt sich schon von selbst. Dennoch wird es zum späten Abend doch allmählich Zeit, ein paar Grundlagenfragen zu klären. Ich werde mit den Töchtern des Hauses bekannt gemacht, die schamlos als Übersetzerinnen ausgebeutet werden und letztlich in Erfahrung bringen, wie ich heiße und wo ich herkomme. Die Unterhaltung wird somit um ein Vielfaches einfacher, obwohl immer noch jeder dritte Satz mit der Aufforderung zum Trinken oder zum Essen endet. Am späten Abend sind dann alle wieder so betrunken, dass mich niemand mehr nach Hause fahren kann. Und so geht es mal wieder zu Fuß durch eine überraschend trockene Nacht von Saigon. Wie der Zufall so will, befinden wir uns direkt im Westend, nur wenige Kilometer vom Haus meiner Gastgeber entfernt. Wieder werden Positionen ausgemacht, es wird navigiert und nach einer halben Stunde stehe ich vor einem mich herzlich willkommen heißenden Haus, in dem mal wieder ein reich gedeckter Tisch steht und das Bier schon kalt gestellt ist. Und ich bin mir sicher – heute ist es soweit, heute werde ich platzen.

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