Heute ist die Stadt offen und alles andere als mit dem Kommunismus und Staatsmacht verwachsen: wahrscheinlich ist Wladiwostok die einzige Stadt in Russland ohne Leninstraße. Und der vom Sowjetführer gefürchtete Kapitalismus ist hier natürlich schon längst angekommen. Beispiel: kaum, dass ich aus dem Flughafen komme, will man mich schon über den Tisch ziehen – und das auf dreisteste Weise. Aber ich bin dann doch schon zu lange in Russland, um Taxifahrern vorbehaltslos zu trauen. Natürlich sagt mir der erste Anbieter, dass die Fahrt in die Innenstadt 3000 Rubel, umgerechnet mehr als 60 Euro kostet. Ist das ein Witz, frage ich und er schüttelt wie selbstverständlich den Kopf. Die Strecke sei ja schließlich 60 Kilometer lang, daher habe alles seine Richtigkeit. Mitleid heuchelnd will er mir aber Freundschaftspreis machen. 1000 Rubel weniger – kein Problem. Ich lache und gehe zum nächsten. Gleiche Situation. Fahren denn keine Busse, keine Marschrutkas? Wie kommen denn die Angestellten zum Flughafen? Zahlen die auch jeden Tag 3000 Rubel pro Strecke? Antworten: Busse gibt es keine, von Marschrutkas hat in Wladiwostok noch nie jemand etwas gehört. Ich dreh mich um: eine Bushaltestelle mit Kassenhäusschen. Hätte man aber auch gleich sehen können, aber Taxifahrer sind halt Meister in Sachen Ablenkung.
Auf einmal relativieren sich schließlich alle Hiobsbotschaften der „Taksisten“. Statt 3000 Rubel bezahlt man 60 – sprich ein Fünfzigstel vom veranschlagten Preis. ДУРАКИ!!! Die Fahrt dauert dafür aber auch entsprechend lange, wobei das Taxi angesichts der Rush Hour wohl auch nicht schneller gewesen wäre. Fast drei Stunden brauchte es, um in die Innenstadt zukommen. Zuerst zum Stadtteil „Zweiter Fluss“, dann zum „Ersten“. Die beiden Gewässer gibt es zwar schon seit ihrer Trockenlegung nicht mehr, die Distrikte nennen sich aber immer noch so. Vom Bahnhof bekomme ich eine der nach Taxifahreraussagen in ganz Wladiwostok nicht existierenden Marschrutkas zu Dmitry und seiner Freundin. Der ist zwar nicht da, aber immerhin habe ich es geschafft zu seiner Wohnung zu kommen. Da mein Telefon nicht funktioniert, wird im nächsten Geschäft nach Hilfe gefragt. Dima erreicht, Dima kommt und es geht sofort zum Busbahnhof, um die Tickets nach China zu kaufen. Nur noch ein Tag und ich muss aus Russland raus sein und ob es noch Fahrscheine gibt ist ungewiss. Alternative wäre noch eine Art Kaffeefahrt nach Suifenhe. Die gibt es schon ab 600 Rubel – ein himmelweiter Unterschied, zu den 1800 Rubel, die ich für den offiziellen Bus hingelegt habe. In realen Maßstäben immerhin die Hälfte. Kaffeefahrt bedeutet dabei vor allem eines. Irgendeine Company bringt russische Touristen nach Suifenhe, dort werden ihnen zwei/drei Pakete mit billigen, chinesischen Produkten in die Hand gedrückt und beim Zoll auf der Rückreise sollen sie behaupten, dass es ihre eigenen wären. In Russland wird das dann natürlich wieder von der Busgesellschaft zu Wucherpreisen verkauft. In einem unbeobachteten Moment hätte ich mich bestimmt von der Gruppe entfernen und in einen Bus nach Harbin einsteigen können. Am Morgen bemerke ich aber, dass die gesamte Aufregung, die ganzen Gedankenspiele eigentlich unberechtigt waren. Der Bus war halbleer und wenn man es hätte drauf anlegen wollen – was ich natürlich gerne gewollt hätte – wäre die Fahrt kostenlos gewesen. Die russischen Ticketkontrolleure haben viel zu viel Stress mit den chinesischen Fahrgästen, als dass sie sonderlich auf einen Europäer achtgeben würden.
Ach genau, die Sache mit den Lenkrädern. Als ich in Dimas Auto einsteigen will, zeigt er zur anderen Seite. Was, ich soll fahren? Fehlgedacht: die Fahrerseite ist rechts. Und so sieht das in ganz Wladiwostok aus. Die haben zwar keine Marschrutkas und Avtobusse, aber japanische Karren. Und da denkt man noch, die russischen Produkte seien günstiger. Erneut fehlgedacht: Wladiwostok ist einer der größten Umschlagplätze für japanische Fabrikate. Selbst auf Google Maps kann man hektargroße Stell- und Verkaufsplätze für die heißbegehrte Ware im Wald ausmachen. Grund dafür ist schlicht und ergreifend die Konsumeinstellung der Japaner. Nach drei/vier Jahren mustert man die Autos auf der Insel schon aus. Um doch noch etwas Profit zu machen, kommen sie dann zum Dumpingpreis in den Primorskij Krai und gehen hier für 1000 bis 5000 Dollar an ihre neuen Besitzer. Und genau deswegen ist Wladiwostok die Stadt der rechtsgelenkten Fahrzeuge im Rechtsverkehr. Nach abgeschlossenem Kauf geht es komplett rechtsseitig zurück zu Dimas Wohnung. Wachhalten kann ich mich nicht mehr und verpasse somit eine Rundfahrt durch die Stadt. Nur nachher lasse ich mir erzählen, was es noch alles zu sehen gegeben hätte. Marinestützpunkte, Schiffsfriedhöfe, nen Leuchtturm, das Ende der Transib, ein bisschen Natur: Bäume, Meer und Strand.

Und da sind sie - die vielen japanischen Autos in Wladiwostok




