Mittwoch, 30. Juni 2010

Am anderen Ende

Nach geschätzten 8 Stunden im Aeroflotflieger landet man in diesem östlichen Fort, das als heutige 600.000 Einwohner zählende Großstadt gerade einmal 150 Jahre alt ist. Vom russischen Imperium den Chinesen im Vertrag von Aigun abgeschwatzt, war Wladiwostok von Anfang an der wichtigste Stützpunkt Russlands im Osten und einer der wenigen eisfreien Häfen. In der Sowjetzeit zudem geschlossene Stadt. Wladiwostok kann man relativ direkt mit Herrschaft des Ostens übersetzen. Trotz ihrer vermeintlichen Stärke wurde sie aber mehrmals von Japanern und Alliierten überrannt. Nach dem russisch-japanischen Krieg 1904/05 und während der Revolution, als japanische, englische und amerikanische Truppen für alle Fälle Teile Sibiriens besetzt hielten.

Heute ist die Stadt offen und alles andere als mit dem Kommunismus und Staatsmacht verwachsen: wahrscheinlich ist Wladiwostok die einzige Stadt in Russland ohne Leninstraße. Und der vom Sowjetführer gefürchtete Kapitalismus ist hier natürlich schon längst angekommen. Beispiel: kaum, dass ich aus dem Flughafen komme, will man mich schon über den Tisch ziehen – und das auf dreisteste Weise. Aber ich bin dann doch schon zu lange in Russland, um Taxifahrern vorbehaltslos zu trauen. Natürlich sagt mir der erste Anbieter, dass die Fahrt in die Innenstadt 3000 Rubel, umgerechnet mehr als 60 Euro kostet. Ist das ein Witz, frage ich und er schüttelt wie selbstverständlich den Kopf. Die Strecke sei ja schließlich 60 Kilometer lang, daher habe alles seine Richtigkeit. Mitleid heuchelnd will er mir aber Freundschaftspreis machen. 1000 Rubel weniger – kein Problem. Ich lache und gehe zum nächsten. Gleiche Situation. Fahren denn keine Busse, keine Marschrutkas? Wie kommen denn die Angestellten zum Flughafen? Zahlen die auch jeden Tag 3000 Rubel pro Strecke? Antworten: Busse gibt es keine, von Marschrutkas hat in Wladiwostok noch nie jemand etwas gehört. Ich dreh mich um: eine Bushaltestelle mit Kassenhäusschen. Hätte man aber auch gleich sehen können, aber Taxifahrer sind halt Meister in Sachen Ablenkung.

Auf einmal relativieren sich schließlich alle Hiobsbotschaften der „Taksisten“. Statt 3000 Rubel bezahlt man 60 – sprich ein Fünfzigstel vom veranschlagten Preis. ДУРАКИ!!! Die Fahrt dauert dafür aber auch entsprechend lange, wobei das Taxi angesichts der Rush Hour wohl auch nicht schneller gewesen wäre. Fast drei Stunden brauchte es, um in die Innenstadt zukommen. Zuerst zum Stadtteil „Zweiter Fluss“, dann zum „Ersten“. Die beiden Gewässer gibt es zwar schon seit ihrer Trockenlegung nicht mehr, die Distrikte nennen sich aber immer noch so. Vom Bahnhof bekomme ich eine der nach Taxifahreraussagen in ganz Wladiwostok nicht existierenden Marschrutkas zu Dmitry und seiner Freundin. Der ist zwar nicht da, aber immerhin habe ich es geschafft zu seiner Wohnung zu kommen. Da mein Telefon nicht funktioniert, wird im nächsten Geschäft nach Hilfe gefragt. Dima erreicht, Dima kommt und es geht sofort zum Busbahnhof, um die Tickets nach China zu kaufen. Nur noch ein Tag und ich muss aus Russland raus sein und ob es noch Fahrscheine gibt ist ungewiss. Alternative wäre noch eine Art Kaffeefahrt nach Suifenhe. Die gibt es schon ab 600 Rubel – ein himmelweiter Unterschied, zu den 1800 Rubel, die ich für den offiziellen Bus hingelegt habe. In realen Maßstäben immerhin die Hälfte. Kaffeefahrt bedeutet dabei vor allem eines. Irgendeine Company bringt russische Touristen nach Suifenhe, dort werden ihnen zwei/drei Pakete mit billigen, chinesischen Produkten in die Hand gedrückt und beim Zoll auf der Rückreise sollen sie behaupten, dass es ihre eigenen wären. In Russland wird das dann natürlich wieder von der Busgesellschaft zu Wucherpreisen verkauft. In einem unbeobachteten Moment hätte ich mich bestimmt von der Gruppe entfernen und in einen Bus nach Harbin einsteigen können. Am Morgen bemerke ich aber, dass die gesamte Aufregung, die ganzen Gedankenspiele eigentlich unberechtigt waren. Der Bus war halbleer und wenn man es hätte drauf anlegen wollen – was ich natürlich gerne gewollt hätte – wäre die Fahrt kostenlos gewesen. Die russischen Ticketkontrolleure haben viel zu viel Stress mit den chinesischen Fahrgästen, als dass sie sonderlich auf einen Europäer achtgeben würden.

Ach genau, die Sache mit den Lenkrädern. Als ich in Dimas Auto einsteigen will, zeigt er zur anderen Seite. Was, ich soll fahren? Fehlgedacht: die Fahrerseite ist rechts. Und so sieht das in ganz Wladiwostok aus. Die haben zwar keine Marschrutkas und Avtobusse, aber japanische Karren. Und da denkt man noch, die russischen Produkte seien günstiger. Erneut fehlgedacht: Wladiwostok ist einer der größten Umschlagplätze für japanische Fabrikate. Selbst auf Google Maps kann man hektargroße Stell- und Verkaufsplätze für die heißbegehrte Ware im Wald ausmachen. Grund dafür ist schlicht und ergreifend die Konsumeinstellung der Japaner. Nach drei/vier Jahren mustert man die Autos auf der Insel schon aus. Um doch noch etwas Profit zu machen, kommen sie dann zum Dumpingpreis in den Primorskij Krai und gehen hier für 1000 bis 5000 Dollar an ihre neuen Besitzer. Und genau deswegen ist Wladiwostok die Stadt der rechtsgelenkten Fahrzeuge im Rechtsverkehr. Nach abgeschlossenem Kauf geht es komplett rechtsseitig zurück zu Dimas Wohnung. Wachhalten kann ich mich nicht mehr und verpasse somit eine Rundfahrt durch die Stadt. Nur nachher lasse ich mir erzählen, was es noch alles zu sehen gegeben hätte. Marinestützpunkte, Schiffsfriedhöfe, nen Leuchtturm, das Ende der Transib, ein bisschen Natur: Bäume, Meer und Strand.


Und da sind sie - die vielen japanischen Autos in Wladiwostok

Montag, 28. Juni 2010

Raus aus Moskau

Jedes Mal, wenn ich mich hier in Russland als Internetjournalist oder versuchsweise als Internetjournalismusforscher ausgeben möchte, wird automatisch angenommen, dass ich blogge. Köpfe werden hier geschüttelt, wenn ich dementiere. Nun gut, die Gelegenheit jetzt damit anzufangen, ist gar nicht so unpassend. Heute Abend geht es in den Flieger nach Wladiwostok und von dort auf eine viermonatige Reise nach Singapur. Wie und ob ich Russland so problemlos verlassen kann, weiß ich noch nicht. Wenn ich im "San Francisco des Ostens" ankomme, hab ich noch einen Tag, um meine Ausreise zu vollziehen. Mit dem Bus nach China. Erlebnisreich könnte die Fahrt auf jeden Fall werden. Und da ich nun schon mehrmals zum Reiseblogging aufgefordert wurde, werden die Ereignisse in Asien dann eben hier geschildert - wenn es denn so viel Spannendes zu berichten gibt.

Was irgendwie fehlt, sind natürlich meine Moskauer Eindrücke - und da gab es einige. Zehn Monate in diesem Land härten einen mental ab. Man wundert sich schon gar nicht mehr über absurde bürokratische Verfahren und nimmt alle Ungereimtheiten des alltäglichen russischen Lebens als Teil eines Kafkaromans hin. Und wer würde sich denn nicht zumindest zeitweise gern als Teil eines Kafkaromans fühlen: Absurdität genießen. Irgendwie fängt man dann auch an die langen und unlogischen Behördengänge zu vermissen, die noch unlogischere Art der Russen Schlange zu stehen usw. usf. Statt eine gut strukturiert, längliche Kette zu bilden, bei der sich jeder seines Vorder- und Hintermannes bewusst ist, hängen vor den Schaltern eher Menschentrauben. Кто последный? - Wer ist der letzte? ist dann immer die Frage. Irgendjemand antwortet und jeder weiß im Anschluss wer dieser Schlussmann ist, aber so wirklich kennt keiner denn nächsten Kandidaten für den Schalter. An Absurditäten gäbe es noch viel mehr zu berichten. Und in der Tat fällt es ein wenig schwer, ihre ständige Präsenz hinter sich zu lassen. Doch wie Sartre schon sagt: Nie verlässt man eine Frau, einen Freund, eine Stadt auf einmal. Erinnerungswelten sind zwar keine Realitäten, aber immerhin auf dem, was wir reale Parameter nennen, aufgebaut. Sie formen und konstruieren unsere gegenwärtige Wahrnehmung. Von daher habe ich gar nicht die Befürchtung irgendetwas aus Moskau vergessen zu können – außer natürlich mein Gehirn wird gelöscht. Dagegen helfen dann wenigstens noch Fotos. Immerhin werde ich noch mehr Gelassenheit aus diesem Land mitnehmen. Denn ohne Gelassenheit könnte man bei den hiesigen Behörden schlichtweg verrückt werden.

Was noch? Letzte Amtstätigkeit meinerseits war es eine Party zu schmeißen und zum Sonnenaufgang einmal mehr auf das Dach der MGU zu gehen. 4:51 Uhr um genau zu sein. Wie üblich schlichen wir uns bis zum achtzehnten Stock hinauf, mussten an der immer aufmerksamen Dachwache vorbei, kletterten weiter bis zum zwanzigsten, ein Sprung aus dem Fenster und schon waren wir zu ebener Dacherde. Noch einmal klettern, dann Blick auf Moskau. Alles erkennbar. Neben uns der mächtige Turm des Hauptkorpus. Neben uns das riesige Emblem mit Hammer und Sichel. Russland, eines der wenigen Länder der Erde, welches die Symbole seines Vorgängerstaates in Ehren hält. Was für ein Privileg da oben zu sein. Dann der Sonnenaufgang: Hinter dem Ostankino ist sie zuerst zu sehen, dann erscheint die Sonne auch hinter dem Kreml. Die Stadt zu Füßen - zu unseren und zu denen der Sonne, wenn man so will. Rückkehr, schlafen, warten auf die Abfahrt. Auschecken, Маршрутка und dann zum schlimmsten Flughafen von ganz Moskau: Sheremetevo.




Abschiedsfeier


Auf dem Dach


Müdigkeit


Sonne über Moskau


MGU-Dach