Donnerstag, 29. Juli 2010

Malaria – eine Moskauer Episode

Nun bin ich ja beinahe in den Monsungebieten Südostasiens angekommen. Gleich bei der Grenzüberschreitung nach Vietnam heißt es damit Klimawechsel und Mückengefahr. Das Wort Malaria schwebt wie ein Damoklesschwert über mir und wird wohl nur an einem durchlöcherten Moskitonetz hängen werden. Beziehungsweise habe ich ja noch eine Schutzmaßname im Ärmel. Aus diesem rutscht hervor: die Chemoprophylaxe. Die Packung, auf der mit kyrillischen Buchstaben Lariam geschrieben steht, fällt in meine Hand. Lange betrachte ich mir das Präparat und zwangsläufig denke ich während des Herunterschluckens daran, wie ich den Wirkstoff nach wochenlangem Hin und Her in Moskau organisiert habe. Eine Episode, die das ganze russische Amts- und Verwaltungssystem auf einen Punkt bringt. Sie beginnt damit, dass ein junger, in der Blüte seines Lebens befindlicher Mensch, namens Markus M. eines Morgens aufwacht und sich ohne das er wusste, wie und warum das passiert war, in einem Kafka-Roman wiederfand. Unser Held ist selbstverständlich verwirrt, doch ein Ziel vor Augen, muss er alles daran setzen, bis zu einem verträglichen Ende, einem Prozess, einem Schloss, einer Packung Lariam zu gelangen. Er informiert sich also im Internet darüber, wo sich die für Tropenmedizin und Tropenschutzimpfungen zuständige Behörde in Moskau befindet, schreibt sich sogar Telefonnummern, Adressen und Öffnungszeiten vollkommen korrekt auf und begibt sich zum angegebenen Termin zur dreizehnten Poliklinik der Stadt Moskau. Öffnungszeiten sind in Russland aber nicht allzu ernst zu nehmen. Sie dienen nur einer groben Orientierung, welche bisweilen so grob ausfallen kann, dass sie sich um ganze Tage verschieben. Die erste Anlaufstelle ist damit selbstverständlich geschlossen und an der Informationstheke, die sich seltsamerweise irgendwo unter einem Treppengerüst befindet, weiß man nicht einmal, dass es Tropenmediziner in diesem Hause gibt. Dass sich unter allen Treppengerüsten aber Informationstheken befinden – das weiß man ja. Letztlich wartet Markus M., wie sich das für einen anständigen Bürger gehört. Er wartet, geht umher und sammelt Informationen, darüber, wann die Zuständigkeiten denn im Hause sein werden. Oha, sie sind es ja, stellt sich heraus. Man müsse nur in den dritten Stock des Westflügels gehen und dort befinde sich ja ein Büro, in welchem sich zwei Impfärzte ausgiebig mit dem Thema Tropenkrankheiten auseinandersetzen. Dass die besagte Tür natürlich zu ist, versteht sich von selbst. Die Experten abpassend gelingt es ihm aber dennoch die entsprechenden Ärzte zur Rede zu stellen. Malariamittel? Hier? In der tropenmedizinischen Impfstelle der Stadt Moskau? Wie in aller Welt kommen Sie darauf, dass wir so etwas hätten? Sie müssen zu einem Virologen gehen, der ihnen ein Rezept ausstellt, mit dem Sie dann zum Internationalen Institut für Tropologie gehen. Tropologie? Spinnen jetzt alle.

Was soll’s, ein Virologe muss allem Anschein nach her und den wird es ja in einer Poliklinik für Tropenkrankheiten auf jeden Fall geben. Zurück zur Information unter dem Treppengestell also, doch die sagen unserem Helden, dass sie keine Information im eigentlichen Sinne sei, sondern nur eine Halbinformation – was dieses Mal eine komplett wahre Aussage zu sein scheint. Über die Ärzte, die sich in diesem Haus befinden, weiß man selbstverständlich nichts. Woher auch? Man arbeitet ja nur seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion im selben Gebäude und verwaltet seit jener Zeit die Lagepläne des Hauses. Markus M. muss kafkaesker denken. Das ist klar – es nicht zu machen war sein grundlegender Fehler bisher. Also rast er blitzartig von einem Geistesblitz erfasst hinauf in das Dachgeschoß, weil nur das Sinn macht, dass sich die Virologen dort oben verbergen, doch er findet nur Anwaltskanzleien vor. Wie immer. Er rast also wieder hinunter, zurück zur Information, die sich ihrerseits weiterhin in Desinformation ergibt. Den einzigen Hinweis, den sie ausstreuen kann, ist es in eine Apotheke in der Nähe zu gehen. Gesagt, getan…wider den ärztlichen Ratschlägen aus dem dritten Stock, bräuchte man ja ohnehin kein Rezept, sagt die Information – und Markus M. glaubt felsenfest daran. Haben Sie da was gegen Malaria, fragt er die Apothekenfachangestellte und die rüttelt bereits am Medikamentenkasten, bis Markus M. auf die selten dumme Idee kommt, danach zu fragen, wie man den Stoff denn einnimmt. Das müssen Ihnen die Impfärzte im dritten Stock der dreizehnten Poliklinik sagen, meint die Frau. Außerdem bräuchten Sie ein Rezept, für welches Sie wiederum ein spezielles Formular A48 benötigen. Erhältlich bei der Information unter dem Treppengerüst. Zurück also ins Haupthaus und dort sieht Markus M. nur, wie sich die Köpfe schütteln. Formular A48? Rezept? Aber mein lieber Herr, ich verstehe ja, dass man es bei Ihnen in Deutschland etwas genau nimmt, aber hier in Russland brauchen Sie doch kein Rezept. Außerdem gibt es am Bahnhof genügend Menschen, die Ihnen in Nullkommanix jedes beliebige Medikament besorgen können.

Oh man. Markus M. geht wieder in den dritten Stock, doch die Experten verweisen ihn erneut auf den sich im Haus befindlichen Virologen. Alles Mist, aus, vorbei…besser Malaria als Irrenhaus und nur aus lauter Trotz fragt er noch einmal im Hinausgehen, bei einer kleinen Apothekenabteilung in einer winzig kleinen Gebäudenische nach, wo man denn nun Malariamittel herbekomme. Na rezeptfrei aus jeder Apotheke, sagt ihm die Angestellte. Dann her damit! Na nur nicht bei uns. Sie würde aber selbstverständlich herausfinden, wo man die entsprechende Prophylaxe bekäme, nur muss die im selben Haus befindliche Zentrale für tropenmedizinische Impfpräparate die genaue Bezeichnung des Medikamentes wissen, da sie ja selber nicht wissen kann, was gängiger Weise gegen Malaria eingesetzt wird. Ein altes Medizinlexikon mit dem Hammer-und-Sichel-Emblem auf dem Kuvert wird also zur Beratung herangezogen. Zwanzig Jahre alte Begriffe schweben durch den Raum, bei denen sich die Apothekerin ein um das andere Mal fragt, ob diese Stoffe überhaupt noch wirksam sind. So ist sie nun einmal, die gewissenhafte Pharmazie in Russland. Trotz veraltetem Handwerkszeug immer noch verantwortungsbewusst. Letztlich tauchen zwei Namen auf: Fansidar und Lariam. Und welches nun? Nehmen Sie Fansidar. Aber…vielleicht sollte ich doch lieber den Virologen…sagt Markus M. schluckend, während die Apothekerin ihm ins Wort fällt: Nein, nein, das ist schon richtig. Fansidar habe sie mal gehört. Markus M. hat aber auch mal etwas gehört. Nämlich, dass je nach Region andere Wirkstoffe zum Einsatz kommen und afrikanische Moskitos gegen die einen Präparate und ihre südostasiatischen Verwandten wiederum gegen die anderen Präparate resistent seien. Was?, sagt die Pharmaziebeauftragte. Das habe sie aber wiederum noch nie gehört. Und auch, dass der körperliche Zustand des Patienten eine Rolle spielen würde, sei vollkommen aus dem Nichts gegriffen. Sie nimmt also den Hörer ab und meldet sich bei der Zentrale. Die wiederum gibt ihr Namen und Adressen diverser Lagerapotheken der Stadt. Eine kleine Kellerapotheke neben der Universität wird schließlich ins Auge gefasst, welche selbstverständlich – und das hätte Markus M. eher wissen können – alle Malariamedikamente vorrätig hat. Wie naiv von ihm zur staatlichen Tropenpoliklinik zu gehen. Fachmännisch weist die in der Apotheke für Tropenmedizin arbeitende Frau, die vor Kurzem noch in einem zwanzig Jahre alten Medizinlexikon nach den geeigneten Wirkstoffen gegen Malaria geblättert und die einfachsten Laienkenntnisse über die Krankheit nicht wusste, Markus M. den Weg. Und ein Rezept? Sie sind in Russland, ist die Antwort. Und wenn Sie doch Probleme haben sollten, kritzeln Sie den Wirkstoff auf ein Blatt Papier und sagen Sie, dass Ihnen das der Arzt gegeben habe.

Und genauso funktioniert es auch. Drei Busstationen von M.‘s Wohnung findet sich eine kleine Apotheke im Keller eines Wohngebäudes versteckt. Über den Hinterhof gelangt Markus M. in das besagte Haus, bestellt mit unterschwellig auf Rezeptfreiheit pochenden Selbstbewusstsein nicht Fansidar, sondern Lariam – denn das haben ihm die deutschen Ärzte gesagt. Und zwei Minuten später hält er zwei in der Schweiz gefertigte Packungen mit russischer Aufschrift für nicht einmal 30 Euro in den Händen. Von oben bis unten betrachtet er sich die fragile Papphülle, als er sich in der Marshrutka auf die üblich wacklige Heimfahrt begibt. Nur unter der Anweisung eines Facharztes für Tropenmedizin zu verkaufen und anzuwenden steht dort betont zweisprachig und ist wohl der einzige Satz, der extra noch einmal in Englisch darunter geschrieben wurde. Markus M. grinst und lacht und kein Mensch in dem gelben Kleinbus weiß warum. Sie drehen sich um und wundern sich. Und das Lustige ist: selbst wenn Markus M. ihnen sagen würde warum er lacht, so würden sie sich immer noch wundern.


Das sind sie - Objekt meines Begehrens

Mittwoch, 28. Juli 2010

Absolute Banalitäten

Die chinesische Kultur bietet ja so allerhand Überraschungen. Gerade im Alltag gibt es hunderte Kleinigkeiten, über die man sich einfach nur wundern kann und anstatt sie alle einzeln aufzuführen – was man in ellenlangen Artikeln natürlich machen könnte und eigentlich auch sollte – fasse ich mal die wichtigsten Banalitäten hier zusammen. Und sie fangen ganz klar an mit…

...bauchfreien Männern

Das ist eine Eigenheit, die mir wirklich nicht in den Kopf kommen will und einem sofort auffällt wenn man in ein vor Hitze und Smog kochendes China fährt. Gut, mag man meinen, wer’s tragen kann…aber grundsätzlich schieben alle Chinesen ihre T-Shirts bei großer Hitze über den Bauchnabel, klemmen den hochgerollten Stoff lässig unter die Arme und tragen dann ihre gigantischen Wampen zur Schau. Allem Anschein nach trägt das zur Luftzirkulation bei heißem Wetter bei. Und natürlich habe ich es mir nicht nehmen lassen, diese sonderbare Angewohnheit probehalber nachzuahmen. Fakt ist: Luft kommt an den Bauch. Warum aber nicht gleich die gesamte Oberbekleidung ablegen!?! Vielleicht weil es einfach zu cool ist, sein Hemd schlichtweg hochzuschieben und einfach mal Bauch zu zeigen. Diese Einstellung tragen die Chinesen zumindest in ihren Gesichtern, während ihre Taillen freiliegen. In Wirklichkeit sieht es natürlich vollkommen uncool aus, aber die Art und Weise, wie sie auf diese unübersehbare Tatsache pfeifen, macht es fast schon wieder cool. Weniger cool ist…


und hier hätten wir schon ein gutes Beispiel

…das Spucken

Während es in dezentem Ausmaß unter europäischen Jugendlichen ja noch trendy zu sein scheint, ist es in China Volkssport Nummer 1. Und wir sprechen hier nicht über ganz gewöhnliches Spucken, wie man es eben so macht, wenn man diesen unbedingten Drang dazu verspürt. In China gibt es keine décence: In einer unfassbar ignoranten Beiläufigkeit werden Töne und Speichelklumpen produziert, die an Widerwärtigkeit alles übertreffen, einen plötzlich in unerwarteten Situationen zusammenzucken lassen und letzten Endes auf den gewienerten Böden von Zugabteilen, Restaurants und anderen öffentlichen Einrichtungen landen. Die Chinesen spucken angeblich so viel, um gesund zu bleiben – es sei das Geheimnis ihrer langen Lebenserwartung: das vor fett triefende Essen kann es jedenfalls nicht sein. Entsprechend muss man umso kräftiger spucken. Und dafür ist es einfach unabdingbar den ganzen Rotz lautstark aus Hals und Nase in den Rachen befördern und das dabei entstehende Geräusch geradezu als Ansage für alle Mitmenschen verwenden, was diesen wiederum wenigstens die Chance gibt in Deckung zu gehen. Das machen aber nur Europäer. Chinesen stören sich an dem Ritual ganz und gar nicht – und wenn direkt auf ihre Füße gespuckt wird. Dann verreibt man es eben routiniert und die betroffene Stelle glänzt dafür umso mehr. Oh man, und ich dachte, Singapur wäre irgendwie ein bisschen komisch, als ich gehört habe, dass Spucken verboten ist und mit einem saftigen Bußgeld bestraft wird. Wenn dort genauso viele spuckende Chinesen herumlaufen, wie in China, dann ist das Gesetz absolut notwendig. Andernfalls würden die wohl noch von ihrer eigenen Speichelflüssigkeit flutgefährdet sein. Oder man stelle sich nur mal vor, dass man an der Ampel stünde, auf einem Speichelsee ausrutscht und direkt auf die Fahrbahn geschleudert wird. Im…


Verbotsschilder gibt es immerhin - dem Volkssport kommt man dennoch nicht bei

…chinesischen Verkehr

würde dann Folgendes passieren: Auto gibt noch mehr Gas, um dem am Boden liegenden Fußgänger mit Nachdruck zu signalisieren, dass er sich schnellstmöglich von der Straße machen soll und alles endet naturgemäß in der Massenkarambolage. Verkehr in China ist schließlich rücksichtsloser und gefährlicher als irgendwo anders in der Welt. Und nein, nicht einmal Russland reicht da heran. Selbst da halten die Autos an roten Ampeln oder weichen Fußgängern aus. Wer in China bei grünem Lichtsignal auf die Straße geht, muss trotzdem aufpassen. Selbst dann kommen sie angerast und wollen abbiegen und hupen einen noch von der Fahrbahn, wenn man sie überqueren will. Auf die europäische Fußgängerdreistigkeit, die den nicht-motorisierten Verkehrsteilnehmer einen Freibrief für alles einräumt, sollte man sich in China wirklich nicht berufen. Das geht grundsätzlich tödlich aus. Aber selbst wenn man sich selber in einem Fahrzeug befindet, hat man keine Ruhe vor den Gefahren des chinesischen Verkehrs. In…


Verkehr in China ist gefährlich

…Metro und Bus

geht der ganze Stress weiter. Nun stelle man sich einmal vor, dass Millionenstädte wie Xian nicht einmal eine U-Bahn haben und Shanghai gerade einmal eine Handvoll Linien unter der Erde betreibt. Die sind zwar supermodern, aber logischerweise maßlos überfüllt. Gut, gut, dafür können ja die Passagiere nichts. Für Gedränge und Schubsen aber schon. Das ist ebenfalls ein wahrer Volkssport, der gleich früh morgens auf dem Weg zur Arbeit und abends auf dem Weg nach Hause betrieben wird. Eigentlich ist es fast genauso wie beim American Football. Die Einsteigenden Fahrgäste sammeln sich traubenartig vor den Türen der Metrowaggons und begeben sich in eine kraftvolle Startposition. Etwas geduckt laufen sie sobald das Signal der Türöffner ertönt los und versuchen mit ihren Ellenbögen so viele aussteigende Fahrgäste wie möglich zu treffen. Im Bus ist das quasi das gleiche, nur das dort noch mehr um die freien Plätze gerannt wird – die Hardcorevariante der Reise nach Jerusalem ohne Musik sozusagen. Ja, was für europäische Ohren eher peinlich klingt, ist in China Standard: man rennt wirklich, drückt und schiebt und das nur, um sitzen zu können. Ein absolut lächerliches Ritual, was in den absolut lächerlich überfüllten Bussen wahrscheinlich noch eher Sinn macht. Selbst wenn kein Mensch mehr in das Gefährt passt, werden die Leute immer noch hineingeschoben. Ich für meinen Teil habe mir diese Stopfszenen in Xian ganz gemütlich hühnerartig auf einer Haltestange sitzend angeschaut. Und, auch das möchte ich stolz berichten, ich habe es geschafft während der schaukligen Fahrt eine ganze Standardportion Reis mit Stäbchen zu essen. Andererseits würde das auch jeder Chinese hinbekommen…


Und da ist er...aus dem Fenster hängend, weil der Bus so voll ist


Menschenmassen in der Metro

…dem Fresswahn

sind sie hier nämlich scheinbar alle verfallen. Zumindest wenn sie sich in öffentlichen Verkehrsmitteln und vor allen Dingen im Zug befinden. Zunächst wundert man sich ja einfach nur, wie viele Koffer, Beutel und Pakete sie auf die Fahrt mitnehmen und denkt sich nur, dass sie irgendwas Wichtiges transportieren müssen: Geschäfte und so. In Wirklichkeit verlassen sie den Zug aber letztlich nur mit einem leichten Gepäckstück. Der Rest diente nur als Tarnung und Verpackung der Unmengen an Essen. Den meisten Platz nehmen natürlich die Instantnudelsuppen weg. Ohne Frage in einem Packungsformat, dass alle europäischen Maßstäbe vollkommen in Frage stellt. Diese riesigen Papptöpfe werden fast minütlich durch den Waggon getragen, mit heißem Wasser aufgefüllt und dann genussvoll weggeschlürft. Anschließend landen alle Abfälle auf dem Boden und der ganze Spaß fängt von vorn an. Wo wir aber gerade beim…


Der berüchtigte Nudeltopf

…Schlürfen

waren. Ich sag mal so, man gewöhnt sich daran. Und Asiaten scheinen es regelrecht aus Höflichkeit zu praktizieren. Wenn ein Ausländer in der Nähe ist, scheinen sie sogar noch lauter als sonst zu schlürfen, um ihm das Höchstmaß an Respekt entgegenzubringen. Ich für meinen Teil fühle mich dann mehr als geehrt, nur kann ich diesen Respekt beim besten Willen nicht zurückgeben. So sehr ich es versuche: ich leide unter der ultimativen Schlürfblockade und halte mich dann auch noch für kultiviert, wenn ich meine Nudelsuppe geräuschlos verspeise. Das ist natürlich alles andere als kultiviert, nur dass man darüber wohlwollend hinwegsieht. In Europa würde man sich dagegen schockiert aufrichten, wenn man irgendjemanden auf diese unfassbar laute Weise essen sehen/hören würde. Wenigstens kann man bei…


Schlürfer in Aktion

…Erbseneis und anderen kulinarischen Verfehlungen

nur wenig in die Schlürfbredouillie kommen. Dafür wird man manchmal mit ganz unerwarteten Aroma konfrontiert. Klar, Geschmack ist Ansichtssache. Ab und zu überraschen einen in China aber ganz gewagte Kombinationen. Als Faustregel kann man sagen, dass alles, von dem man denkt, dass es süß schmeckt, auf jeden Fall herzhaft und alles was herzhaft aussieht auf jeden Fall süß ist. Beispiele: eines Tages gehe ich durch die Straßen von Peking. Brütende Hitze und ich auf dem Weg zum Tiananmen. Quasi jeder auf der Straße ist Eis und ich will das natürlich auch. Nur logisch, dass man in den nächsten Laden geht, sich irgendetwas Zusagendes aussucht und genüsslich drauf los isst. Mir ist nach Apfelgeschmack oder irgendetwas Fruchtig-Grünem zumute. Doch beim ersten Biss das Entsetzen. Was um Himmels Willen ist das denn, denke ich mir, jetzt selber geräuschvoll auf den Boden spuckend. Ich betrachte mir noch einmal die Verpackung…lauter kleine grüne Kügelchen auf der Hülle. Sind das etwa Erbsen? Oh man, wie kann man nur. Um fair zu sein, es schmeckt gar nicht soooo schlecht, aber wer das Gegenteil erwartet, hat irgendwie keinen Spaß daran. Andere Beispiele gibt es in Mengen. Vor Zuckerguss glänzende süße Brötchen entpuppen sich bisweilen als fleischig gefüllt – da beißt man rein, schaut entsetzt auf und denkt sich so, dass das also der Semmel Kern war. Was nach Kokoskuchen ausschaut, ist zumeist eine profane Pressung von gekochtem Reis. Man bekommt also fast immer etwas anderes als das, wofür man bezahlt. Immerhin wird es dadurch nicht langweilig. Ebenso nicht-langweilig scheint das Straßenleben in China zu sein. Da…


Schön grün aber kein Apfelgeschmack


...das Etikette hätte es aber auch vermuten lassen können

…singen und tanzen die Chinesen doch tatsächlich in der Öffentlichkeit

und das nahezu die ganze Zeit. Am Abend sind ganze Plätze und Fußwege mit Tanzgruppen jeder Altersklasse gefüllt. Überall wird nach Anweisung fast synchron getanzt. In Diskotheken geht man diesbezüglich allem Anschein nach nicht – nun ja, wer will es ihnen verdenken: mein Clubbesuch in Nanjing hat mir die Augen bezüglich asiatischer Musik geöffnet. Dabei hätte mir schon eher ein Licht aufgehen sollen. Die bekannten Lieder werden ja die ganze Zeit und überall gesummt und gesungen. Diese Situation kommt immer wieder vor. Man sitzt irgendwo, alles ist still oder jeder ist mit irgendetwas beschäftigt – plötzlich eine Gesangsstimme. Irgendein chinesisches Lied wird in unbekannten Melodien aus dem Nichts heraus dargeboten, dann abgebrochen und irgendwann fängt der nächste an zu singen. Und keinen stört’s. Es stört ja auch nicht, aber es scheint ja nicht einmal irgendjemand zu bemerken. Spontanes Lossingen ist in China genauso normal, wie das Tragen von…


Tanzvergnügen

…Sonnenschirmen im Sommer

Ja, welchen Sinn das wohl wieder macht. Gerade an den sonnigeren Tagen sieht man eine ganze Schar von Mädchen mit ausladenden Schirmen herumstolzieren. Okay, diesen Trend gab es ja in Europa auch mal: Hauptsache blass. In China fühlt man sich diesbezüglich ein wenig in die frühe Neuzeit zurückversetzt. Blass ist so etwas von in, das jedes Mädchen an jedem sonnigen Tag lieber im Schatten stehen möchte, als sich leidenschaftlich in der warmen Sonne zu räkeln. Und so sind die Straßen auch wenn es nicht regnet voll mit Schirmen. Weiße Haut um jeden Preis heißt die Devise. Selbst Weißcreme gibt es zu verkaufen, mit der sich die Mädchen fast bis zur Transparenz blass schminken. Dabei würden doch einfache Bleichverfahren schon ausreichen. Michael Jackson hat es vorgemacht. Wer die Anzahl der chinesischen Schirmträgerinnen übrigens an einer Hand abzählen möchte, kommt in China nicht nur wegen der Menge in Probleme…


Mädchen mit Sonnenschirmen

…die Finger werden für Zahlen vollkommen anders verwendet

Nein, es macht für Chinesen keinen Sinn, dass ein Finger eine Eins, drei Finger dementsprechend eine Drei und sechs Finger eine Sechs sind. Warum auch. Bei den ersten fünf Ziffern hat man mit Glück vielleicht noch ganz gute Karten, doch schon bei der Drei gibt es Probleme, wenn man Daumen und Zeigefinger nicht gleichzeitig zum Kreis formt. Ich schaue mir das Zeichen dann beim Taxifahrer an und denke mir: oh, gut…Gratisfahrt. Ist ja ne Null. Aber in Wirklichkeit schweben drei weitere Finger vollkommen unauffällig neben dem Kringel. Es kommt halt darauf an, wie man den Fokus setzt. Alles, was die Fünf übersteigt, übersteigt aber auch gleichzeitig jeden handfesten Zusammenhang zur Zahl an sich. Für die Sechs nutzt man eine Art Telefonhörer bzw. das internationale Lass-uns-einen-trinken-Zeichen. Die Sieben ist eine lediglich zum Kegel geformte Hand und die Acht…ja, ohne jede Logik halt: sieht aus wie ne Pistole. Erst bei der Neun macht alles irgendwie wieder Sinn. Die sieht nämlich wie eine figurale Nachbildung der Zahl selber aus. Die Zehn ist dann wieder unlogisch: Faust oder gekreuzte Zeigefinger. Eins von beiden. Und wenn man das nicht weiß, hat man in China einen gigantischen Nachteil.


Chinesisches Fingerzählsystem

Samstag, 24. Juli 2010

Affenhirn und Gottestee

In Nanjing, vor dem Kiosk sitzend habe ich Furchtbares über die Südchinesen gehört. Barbaren an den Kochtöpfen seien sie. Säbelschwingende Folterknechte in der Küche. Die Skorpione und Schlangen von Peking seien längst nicht das Maß aller Dinge, hieß es, nachdem ich prahlerisch über meinen mutigen Männlichkeitsbeweis in Peking reflektiert hatte. An Widerlichkeit überbiete die kantonesische Cuisine wohl alles. Und dabei waren die Bewohner von Guangzhou bereits in der Vergangenheit extrem einfallsreich. Für Adlige war beispielsweise Affenhirn ein Hochgenuss. Aber nicht nur einfach durchgequirltes und scharf angebratenes Affenhirn. Um den Geschmack etwas nass gewordenen Brotes richtig zur Geltung zu bringen – und jetzt besser die nächsten drei Sätze überspringen –, musste dem Affen bei lebendigem Leib der Schädel aufgesägt und im Anschluss siedendes Öl auf das Hirn gegossen werden. Der zappelt dann und die Adligen fangen an zu löffeln. Na wenn das nicht lecker ist. Heutzutage ist die Prozedur schon fast nicht mehr en vogue – Affenmangel oder so. Stattdessen verköstigt man sich mit frittierten Babymäusen und überhaupt…Föten im Allgemeinen. Embryosuppe ist der Geheimtipp für alternde Herren in Guangzhou, die ihre Manneskraft aufpeppen wollen. Natürlich findet man solche Gerichte auf keiner Speisekarte der Stadt, doch nachdem mir mehrmals unabhängig voneinander und ohne Nachfrage versichert wurde, dass das der aktuelle Trend in der kantonesischen Küche sei, muss doch etwas dran sein an dem Mythos. Immerhin verbietet das Gesetz der VR China die gespenstische Babysuppe, aber trotzdem wird sie in den Hinterstübchen kleinerer Lokale zubereitet und gelöffelt. Von Zeit zu Zeit zieht das Razzien nach sich, aber eher selten. Guter Film zum Thema: Fruit Chan – Dumplings.



Trailor zu Fruit Chans Kurzfilm Dumplings aus der Reihe Three Extremes.

Und hier noch ein interessantes Interview dazu:
http://www.taz.de/1/archiv/archiv/?dig=2005/02/18/a0249

Uns zieht es in solche Lokale nicht. Wir sitzen in einem größeren Restaurant und meine Gastgeberin flüstert mir die düsteren Geheimnisse über die kantonesische Küche ins Ohr. Die anderen, was eine israelische Vegetariertanzgruppe ist, sollen nichts davon mitbekommen und sie hören in der Tat kein Sterbenswörtchen. Beschäftigt sind sie damit die gigantische Drehplatte in der Mitte des Tisches zu bewegen und ein Stück Tofu nach dem anderen herunter zu picken. Wo kam diese Tanzgruppe eigentlich auf einmal her? Ich war gerade erst angekommen und bin quasi in sie hineingelaufen. Mit meiner Gastgeberin entschlossen wir uns dann dazu gemeinsam die allgemeinverträglichen Speisen aus Südchina zu probieren und anschließend zum Teetrinken ins Dörfliche zu fahren. Eine Stunde und 30 Kilometer außerhalb der Stadtgrenzen treffen wir dann in dieser Dörflichkeit einen Drehbuchautor beim Litschiessen und philosophieren…meiner Gastgeberin Bekannter. Dessen Bekannte wiederum sind unser Ziel. Und was sind das für Leute. Schon als ich die bunten buddhistischen Flaggen an den Fenstern sehe, traue ich dem Braten nicht. Doch im Prinzip sind sie ja nett. Immerhin sind sie dazu bereit, für mich und den fast zehnköpfigen Tanzverein aus Tel Aviv eine zwei Stunden andauernde Teezeremonie zu veranstalten. Tee, das sei ihr ein und alles, sagen sie. Noch vor drei Jahren gab es Medien in ihrem Leben. Fernseher, Radio und was weiß ich nicht. Doch dann entschlossen sie sich zum radikalen Bruch: Fernseher aus dem Fenster (tief kann er nicht gefallen sein – die Aufgussliebhaber wohnen par terre), das Radio in Brand gesetzt und der Tee kommt ins Haus. Säckeweise steht er in seiner kleingeheckselten Form vor uns. Der erste Aufguss wird mit allerlei Brimborium vorbereitet. Da wird geschüttet und geschwenkt, gegossen, geklopft und gewackelt: und fertig ist das Getränk, serviert in einem Becher der eher einem japanischen Sakeglas ähnelt. Bevor getrunken wird, kommen noch Erläuterungen. Die erste Substanz sei ein geheimnisvoller Tee aus Tibet, der sonst lediglich heiligen Personen, wohl nur den Lamas vorbehalten ist. Wie sind die an den Tee gekommen? Und wie können wir den jetzt trinken? [Editorische Notiz: die nachfolgenden Stellen entspringen möglicherweise ganz und gar der blühenden Fantasie des Autors. Ähnlichkeiten zu einer Simpsons-Episode, in der ein Weltraumcoyote auftaucht sind rein zufällig]. Zuerst wird das Aroma eingesaugt, dann schwappt der Tee in den Hals und hinterlässt auf der Zunge einen süßlich-bitteren Nachgeschmack. Bin ich jetzt Gott oder zumindest göttlich? Wenigstens halbgöttlich? Immerhin scheine ich nach dem zweiten oder dritten Glas allmählich das gesamte System der Welt zu entziffern. Mit einem Schlag verschwimmen die Wände und bunte Farben sprießen aus dem Gemäuer. Der Tee der Erkenntnis. Alles verzerrt sich zu einem spiralförmigen Kryptogramm und ein Weltraumcoyote erklärt mir, was es mit dem Sinn des Lebens auf sich hat. Verfluchter Weltraumcoyote. Sinnlose Existenz meint er und kommt mir mit Sartre. Na dann, meine ich…auch egal. Evolution um der Evolution Willen – biochemischer Fatalismus. Diese Ziellosigkeit hat durchaus ihren Reiz, denke ich mir, und schlittere langsam wieder zurück in irgendeine mir unbewusste Form von Sein. Der Tanzgruppe stelle ich meine neuen Erkenntnisse in knappen Sätzen dar. Ob die Köpfe nicken oder schütteln kann ich gar nicht unterscheiden. Ich merke nur, wie das Teezubereitungsmädchen aus dem Nichts heraus anfängt irgendwelche englischen Folksongs vollkommen verhunzt zu jaulen. Und dann bekommt sie auch noch Applaus für eine Darstellung, bei der sich der arme Bob Dylan im Grabe…Moment, der lebt ja noch…also worüber er sich zumindest ärgern würde. Schlimmer noch, die anderen folgen ihrem Beispiel und wollen mich auch noch dazu animieren einzusteigen. Dann doch lieber der Tee. Schnell nehme ich noch einen Schluck von dem göttlichen tibetanischen Gebräu, bei dem man Erleuchtungen wie Siddhartha Gautama unter der Pappelfeige bekommt, und hoffe, nicht mehr darüber nachdenken zu müssen, wo diese verdammten Blumen geblieben sind. Das singen die nämlich ohne Aussicht auf ein Ende. Dabei wissen wir ja bereits, dass die Mädchen sie gepflückt haben – oh man. Ich drifte davon. Womöglich war der Tag halt doch etwas lang für mich – nach wieder einmal 24 Stunden im Zug. Das nächste, was ich fünf Minuten später sehe, ist wieder der mysteriöse Weltraumcoyote. Er schaut und bellt nur blöd und beißt mich ins Bein. Dann wach ich auf und finde mich attackiert von der Hauskatze auf einem Sofa vor und meine Gastgeberin erzählt mir, wie gut sie die russische Gruppe Kino findet, welche in einer Endlosschleife kontinuierlich auf meinem Rechner spielt. Na das war mal ein Tee – göttlich und adliger als Affenhirn. Wenigstens bin ich endlich ausgeschlafen und kann nun die gerade erst von Taifun und Monsun durchnässte Küstenstadt erkunden.


Der vermeintliche Weltraumcoyote


Weil es so schön ist...Homer isst guatemaltekisches Irrenanstalt-Chili


Und noch ein paar Kulturbilder...


Tempel...


...und der Märtyrerpark.

Mittwoch, 21. Juli 2010

Je t'embrasse

Nanjing liegt eigentlich gar nicht so weit von Shanghai entfernt und einmal das vietnamesische Visum in der Tasche stürmte ich regelrecht zu dem Zug, der mich in die einstige Republikhauptstadt bringen sollte. Ort der Revolution, Sturz der Quing-Dynastie, Ende der chinesischen Kaiser – Massaker. Und zwar ein japanisches. Das aber kam erst 30 Jahre später. So gesehen war mein Zielort mehr als historisch und das wiederum Grund dafür dorthin zu fahren. Alle umliegenden Kleinstädte auslassend stieg ich die hohen Stufen in den Waggon hinein. Wieder ein Zug, wieder hemmungslos überfüllt, doch diesmal wehre ich mich gegen das Tiertransportartige an der chinesischen Eisenbahn. Ich stelle mich trotzig ins Schlafabteil, werde zunächst vorsichtig zurückgewiesen, dann mit Nachdruck – und das in jedem Waggon. Bleibt die Küche. Klar, dass die mich auch nicht wollen, doch ich stelle auf Durchzug. Ein brüllender Koch versucht mich eine halbe Stunde lang zu vertreiben, doch egal, Widerstand, Resistance…am Ende liege ich auf der Küchenpritsche, die wohl gleichzeitig die Arbeitsfläche ist und dämmere bis zu unserer Ankunft dahin. Und die geschieht wie selbstverständlich bei Nacht. Taxifahrer – das Übliche und vom Motorradfieber erfasst nehme ich natürlich die nächste Maschine in Richtung Stadtzentrum. An einer einsamen Straßenkreuzung werde ich herausgelassen. Zwei/drei chinesische Autos rasen vorüber – sonst nichts. Augenscheinlich konspirativ sitze ich im leichten Nieselregen herum und warte auf das Auftauchen einer Person: Studentin, geboren in Xian, 22 Jahre alt. Nach einer halben Stunde taucht auf einem klapprigen Damenfahrrad eine weibliche Gestalt am Horizont auf, welche alles in allem genau auf die Beschreibung passt. Sie führt mich in irgendeinen dunklen Hinterhof – es wird immer konspirativer. Jetzt ein dunkles Treppenhaus, dann eine Wohnung – ihre alte Wohnung. Schließlich geht sie – wiederum in ihre neue – und mir bleibt die freie Auswahl zwischen Matratze, Bett oder Bürostuhl.
Ich entscheide mich für den Stuhl, denn dort befindet sich ein Computer. Informationen werden benötigt. Irgendwas muss ich ja in Nanjing machen. Museumsbesuche sind in Planung – aus den meisten wird jedoch nichts werden. Immerhin schaffe ich es am nächsten Morgen, der verdächtig nach Nachmittag aussieht, zum Präsidentenpalast zu gehen, der ebenso verdächtigerweise schon geschlossen ist. Und auch am Memorial zum Nanjing-Massakers keine Warteschlangen mehr. Alle sind nach Hause gegangen. Nichts anderes bleibt auch mir übrig und mit einer seltsamen Logik sitze ich bereits zwei Stunden später in irgendeiner Bar im Universitätsviertel von Nanjing und warte erneut auf diese Person. Mit Verspätung kommt sie – und nicht nur mit Verspätung: im Schlepptau hat sie eine ganze Gruppe von Menschen, die sich hier in Nanjing mit irgendetwas beschäftigen. Studenten, Lehrer, Arbeiter, die mir alle Empfehlungen über die Stadt aussprechen. Da und dort müsse ich hingehen. Ein Deutscher und eine Amerikanerin haben während des Nanjing-Massakers so und so viele Leute gerettet, sagt mir ein Australier, bei einem Glas formaldehydverseuchten Biers. Nur eine Person stellt sich als wirklich interessant und hilfreich dar: ein Mädchen am anderen Ende des Tisches spricht erstaunlich gut Englisch. Warum frage ich mich und sie antwortet mir auf Französisch, dass sie in Paris wohnt. Pourquoi frage ich dieses Mal auf Französisch und sie antwortet mir auf Englisch, dass sie an der Sorbonne irgendetwas mit Literatur studiere. Französische Literatur? Nein, nur Literatur. Aber in Paris läuft das wohl letzten Endes ohnehin auf das Gleiche hinaus. Gibt es denn irgendeine andere Literatur neben Balzac und Moliere? Unwahrscheinlich, denkt man sich an der Sorbonne.

Bis zum Morgen bleiben wir in der Kneipe bzw. vor ihr an einer kleinen Imbissbude sitzen. Weitgehend sinnlose Gespräche ergeben sich und alles endet in einer kleinen, leergefegten Nudelbar zehn Meter weiter. Mit ihrer Telefonnummer in der Tasche geh ich schlafen. Ihr Angebot: Stadtführung – und darauf geh ich gerne ein. Zwar schaffe ich es immer noch nicht zu irgendwelchen Museen, aber immerhin besteigen wir gemeinsam den erstaunlich bergartigen lila Hügel, wie sich der Hausfelsen von Nanjing nennt. Auf dem befindet sich auch das Heiligtum der Republik China: Dr. Sun Yat-sens Mausoleum. Der Mensch war erster Präsident des republikanischen Chinas und hat jahrelang in der Stadt residiert. Doch auch hier geh ich nicht rein. Ich folge dem Mädchen bis auf den Gipfel des Berges, wir schauen herab und kokettieren mit unserem Französisch: die Stadt in Smog gehüllt und trotzdem wunderschön – c’est incredible. Und nun den ganzen Weg auch noch zurück – arriere. Den Photos nach zu urteilen eine eindrucksvolle Wanderung auf jeden Fall, die mit der Entscheidung endet, direkt in den nächsten Nachtclub zu fahren. Endlich feiern auf Chinesisch – das heißt: ein Bier irgendwo trinken und dann sturzbetrunken nach Hause zu straucheln. Als Beobachter der asiatischen Alkoholnichtresistenz ein herrliches Schauspiel. Eingerahmt in furchtbarste Popmusik vom Schlage eines Rain (koreanischer K-Pop-Sänger, der asienweit beliebt ist und schreckliche Lieder produziert), die man sonst nur 14jährigen vorsetzt, macht eine Horde chinesischer Jugendlicher seltsame Bewegungen auf der Tanzfläche. Wäre das Bier nicht so teuer gewesen – man muss ja auch für die Qualitätsmusik bezahlen – wäre ich noch weitaus länger geblieben. Angesichts der Preise aber, mussten wir am Kiosk weitertrinken. Stunden vergehen und verschwimmen. Immer mehr französische Begriffe schwirren mir durch den Kopf…je suis allemande, j’adore, j’habit. Verben sammeln sich wahllos in meinen Gedanken und was mir nicht einfällt, ergänzt das Mädchen routiniert. Gegen 2 steigen wir ins nächste Taxi, ich lerne den Satz „je t’embrasse“ und zum Frühstück gibt es 1A Koreanisch.


Blick auf Nanjing


Blick auf Nanjing


Bis heute ist der Gipfel des Hausberges von Nanjing militärisches Sperrgebiet - für den Fall das die Japaner zurückkommen


Eine etwas wacklige Seilbahn ins Tal


Das meine ich furchtbarer Popmusik vom Schlage eines Bi Rain...gibt noch viel mehr davon. Den aller schlimmsten Clip, in dem er als Engel verkleidet Bailando singt, habe ich leider nicht gefunden. Ich musste ihn mir aber drei Stunden lang auf einer Busfahrt anschauen. Übrigens darf ich mich stolzer Kleindarsteller im Zusammenhang mit Bi Rains Film Ninja Assassin nennen. Auf einem reich belebten Markt in Istanbul, der eigentlich in einer Berliner Kirche nachgebaut wurde, flüchtet er vor seinen brutalen Verfolgern. Ich habe die Aufgabe irgendwelche Süßspeisen auf dem Basar zu essen und renne dann direkt in Bi Rain hinein, der mich in seiner Todesangst zur Seite schiebt. Blöd nur das die Szene herausgeschnitten wurde.

Sonntag, 18. Juli 2010

Shanghai-Monopoly

Ich hab’s verschlafen! Die Beantragung meines vietnamesischen Visums meine ich. Deswegen hänge in einem überraschend langweiligen Shanghai fest. Und das soll einmal die Stadt der Sünde, Opiumsumpf und Hort der Prostitution gewesen sein? Nicht einmal Sehenswürdigkeiten gibt es, ausgenommen vielleicht das Wolkenkratzermeer von Pudong, welches die Einheimischen so ganz und gar nicht zu mögen scheinen. Nachdem die Kommunisten, na sagen wir Mao, den westlichen Einfluss erheblich zurückgedrängt hat, siedeln sich die großen Wirtschaftsunternehmen seit den 90ern wieder in Shanghai an und spielen sprichwörtlich Monopoly mit dem Besitz der Anwohner. Zu gewinnen scheint immer derjenige, der Straßen in Pudong kauft und ein Dutzend Hochhäuser und Hotels auf die einstigen Reisfelder setzt. Noch besser ist man natürlich dran, wenn man gleich eine ganze Bank übernimmt. Die gibt es in Shanghai zwar bereits ohne Ende und trotzdem scheinen die Geldgeschäfte lukrativ zu sein. Sie werden vorzüglich mit englischen, amerikanischen, französischen und deutschen Unternehmen abgewickelt.

Die Deutschen sind ohnehin in einer gewissen Überzahl in Shanghai. Wo die alle her kommen und was die hier alle machen, fragt man sich. Eines Abends bekam ich es heraus. Nachdem ich angesichts der ewig langen Bearbeitung meines vietnamesischen Visums in Pudong halb unendlich gelangweilt und halb unendlich viel gearbeitet habe, wollte ich mich dann doch einmal ins Nachtleben der größten chinesischen Stadt stürzen. Meine Gastgeberin – Amerikanerin, tätig, wie fast alle Amerikanerinnen, in irgendeiner Sprachschule – lud mich auch sofort ein, an einer kleinen Feier im Stadtzentrum teilzunehmen. Selbstverständlich sage ich da nicht nein. Mit Absicht verpasse ich die Metro und fahre mit dem supercoolen Motorradtaxi direkt zu der Bar, in der sie mit ihren österreichischen Bekannten einen draufzumachen scheint. Die Fahrt dauert ewig. Ich brauche Geld – für den Fahrer und für die Kneipe. Aber zum Unglück: das übliche Kartenproblem. Als das Motorrad am nächstbesten Geldautomaten hält, wage ich es schon gar nicht mehr meine EC zu verwenden. Zweimal die falsche PIN in Harbin eingegeben (Dank umgekehrt angeordneter Ziffernfelder) und die chinesischen Banken sperren meine Karte allem Anschein nach asienweit, während sie in Deutschland freigeschaltet ist. Kreditkarte – ebenfalls Fehlanzeige. PIN funktioniert nicht. Der arme Fahrer kann also schlichtweg nicht bezahlt werden. Oder doch? Die Strecke kommt mich teuer mit einem Erinnerungsstück aus Amsterdam zu stehen. Vor ca. fünf Jahren, kurz nachdem mein Fahrrad zwischen den Grachten geklaut und ich mir im Rotlichtviertel nur zwei Stunden später ein neues angedreht wurde, lief ich in aller Seelenruhe an irgendeinem Hotel vorbei. Keine Ahnung auf welcher Straße es gebaut wurde – in Monopoly-Maßstäben aber gewiss auf einer der teureren. Plötzlich – Leute stürzen sich zu Boden und Geldscheine flattern im Wind. Jeder krallt sich, was er kriegen kann und ich stehe mit irgendwelchen Hongkong-Dollars da, mit denen ich nichts anzufangen weiß. Die nächste Wechselstube erzählt mir, dass die Noten kaum etwas Wert seien, ich behalte sie also einfach als kleines Andenken, schenke eine drei Jahre später dem Dönermann im Berliner Wedding und lasse die andere getrost im Portmonee. Nun aber scheint es mir, mich auch von dieser trennen zu müssen. Warum beträgt die Taxifahrt auch genau umgerechnet 20 Hongkong-Dollar? Absoluter Zufall – aber hilfreich.

Nun gut, wenigstens bin ich in der Bar, die von Ausländern besetzt ist. Horden von Engländern, Amerikanern und Deutschen, die hier entweder in der Industrie oder im Schulwesen schuften, sonst aber keinen Kontakt zur chinesischen Bevölkerung haben. Außer vielleicht, wenn sie in die berüchtigten Friseursalons der Stadt gehen. Die sind nämlich nicht immer das, was sie zu sein scheinen. Brennt ein rotes Licht im Schaufenster, kann man sich sicher sein, dass man gewiss keinen Haarschnitt in dem Geschäft bekommt. Immerhin dürfte das für nicht wenig Verwirrung bei ausländischen Touristen sorgen, die sich wirklich nur die Haare schneiden lassen wollen))) Hier, in dieser Bar jedenfalls, sammeln sie sich, um unter ihresgleichen zu sein – und das ist um ehrlich zu sein mehr als langweilig. Wenigstens bekomme ich einen kostenlosen Drink von der Bar, weil meine Kreditkarte nicht funktionieren will. Danach aber verschwinde ich, schlendere durch die nächtlichen Straßen von Shanghai und treffe zu meinem Glück oder Unglück ein paar deutsche Azubis. Der eine in Hongkong aufgewachsen, der andere aus dem Ruhrpott – beide lernen in Shanghai. Es kam also wie es kommen musste, ich lies meine Gastgeberin, Gastgeberin sein, und zog mit den beiden Deutschen um die Häuser, geradewegs zum nächstbesten Club – und das immer noch ohne Geld. Die Gruppe aber wuchs und somit auch die Möglichkeit, das ein oder andere Bier für lau zu bekommen. Bis 5 konnte ich so problemlos den Abend herumbekommen. Der Club leerte sich allmählich – verbleibend nur noch ich, die Deutschen, ein Amerikaner aus Detroit und irgendein willkürliches Mädchen aus China (es ist immer irgendein willkürliches Mädchen aus China dabei). Klar war, dass wir hier nicht mehr bleiben konnten und wollten. Langeweile kam auf und als unser amerikanischer Freund uns den Vorschlag unterbreitete zu ihm zu fahren, um passend zum Wirtschaftsboom in Shanghai Monopoly zu spielen, klang das irgendwie verrückt genug, um darauf einzusteigen. Zu Fünft nahmen wir das nächste Taxi in die Vorstadt – vergleichbar mit den Monopoly-Straßen, die sich direkt hinter Los befinden. Einöde, Tristesse, Blocks. Und in ihnen zumindest eine gut eingerichtete Wohnung, welche der Amerikaner von der Familie seiner Frau geschenkt bekommen hat. Zumindest sei das so Tradition, meinte er. Seine Frau wusste übrigens nichts von unseren morgendlichen Monopoly-Plänen und wurde erst auf dem Weg zur Morgentoilette auf das lautstarke Würfelspiel aufmerksam. Verwirrt schaute sie uns an, blickte zu ihrem Angetrauten – der grinste, sie schüttelte den Kopf und verschwand für immer im Badezimmer. Die Spieler stiegen einer nach dem anderen aus. Gegen 7 verblieben nur noch ich und das chinesische Mädchen – ein atemberaubendes Spiel begann. Sie im Besitz aller Bahnhöfe, des Elektrizitätswerkes und der Wasserwerke!!! Ich, stolzer Besitzer des chinesischen Pendants der Schlossallee, Hotelinhaber und Inhaber einiger weiterer nicht allzu günstiger Straßen. Ich fühlte mich wie ein echter westlicher Kapitalist in Shanghai –ich baue meine protzigen Wolkenkratzer auf die teuersten Boulevards, während die Chinesin staatstreu und felsenfest an ihrem Bahn-, Wasser- und Strommonopol festhält. Genau das machte die Sache mehr als kompliziert, den Spielverlauf aber immerhin spannend. Meine Bahnhofsbesuche ruinierten mich fast vollends, wären da nicht ihre längeren Hotelaufenthalte auf meiner Schlossallee gewesen. Das war schließlich ihr Todesstoß. Spätestens gegen 9 Uhr hatte sich das Blatt gewendet und gegen 10 Uhr war mein alles überragender Sieg im Monopolspiel perfekt.


Pearl Tower in Pudong

Donnerstag, 15. Juli 2010

Indische Verhältnisse im Shanghai-Express

Zugegeben: auch Marlene Dietrichs „Shanghai-Express“ kam nicht gerade pünktlich in der Hafenstadt und Wirtschaftsmetropole an. Die damals in Anspielung auf die biblische Apokalypse als Hure des Ostens und Opiumsumpf bezeichnete Stadt sollte, in dem Film dargestellt, eher hart von den oppositionellen Truppen im chinesischen Bürgerkrieg belagert sein – der Zug ebenso. Mein Wagen dagegen musste sich solcher Gefahren nicht ausgesetzt wissen – dafür war die Strecke von Xi’an nach Shanghai vollkommen überbucht und unverhältnismäßig lang. Indische Verhältnisse: bereits als ich den Waggon betreten wollte, war mir klar, dass die Fahrt eine einzige Horroraktion wird. Wer nämlich keinen Sitzplatz mehr reservieren kann, muss stehen – was angesichts der Bevölkerungszahl Chinas mehr Passagiere machen als Sitzplätze da sind. Zwar ist es nicht ganz so schlimm, wie man sich die indischen Züge, an deren Fenstern und Türen sich je zwei Mitfahrer festklammern, vorstellt, in den Waggon aber überhaupt erst einmal hineinzukommen, ist schier unmöglich. Hier kommt den Chinesen jedoch die Tradition des Drückens, Schubsens und Schiebens zu Hilfe. Es wird einfach solange gestoßen bis alle tiertransportartig im Waggon eingepfercht sind. Kompakt gestapelt steht man dann so da – eine Stunde, zwei Stunden, spätestens nach drei Stunden versucht man zu sitzen. Das geht natürlich nur auf dem Boden oder auf mitgebrachten Klapphockern und Taschen. Insofern kein Problem. Auch das geht noch. Selbst zwanzig Stunden übersteht man so, wenn man sich in einen langen, tiefen, die Tatsachen ignorierenden Schlaf rettet. Aber jetzt kommt’s. An Foltermethoden wohlerfahren, setzen die Staatlichen Eisenbahnen der Volksrepublik auf konsequenten Schlafentzug. Cleverer Weise möchte man schließlich selbst nachts um 3 Uhr noch etwas verkaufen und weckt dafür das gesamte Abteil auf. Mit stählernen Servicewägen rollen sie aller zehn Minuten durch den gesamten Waggon, bieten für den Kommunismus so ungewohnte Südfrüchte, Essen, Spielzeuge, Taschenlampen für was weiß ich für was man die brauchen soll, sonstige technische Geräte und immer wieder Essen, Essen, Essen an. Kurzum, gerade abgenickt, muss man wieder aufnicken. Aller zehn Minuten geht ein gemeinschaftliches Seufzen durch den gesamten Raum, einer tippt den anderen an, alle stehen auf und lassen das Restaurantpersonal mit ihren Schubkarren durch. Und obwohl sie alle genervt sind und Tonnen an Essen unter ihren Sitzen gebunkert haben – die chinesischen Fahrgäste kaufen auch noch was. Man muss sich wirklich an den Kopf fassen. Kaum nach zehn Minuten aufgewacht, geht es wieder ans hemmungslose Fressen. Das macht man in chinesischen Zügen andauernd. Ist ein Instantnudeltopf geleert, kommt der nächste dran. Zwischendurch: Obst, getrocknetes Fleisch, konserviertes Irgendwas, das nach Fleisch riecht aber kein Fleisch ist, sonstige kulinarische Absonderlichkeiten und ein Liter Tee zum Nachspülen. Anschließend wird noch einmal kräftig auf den Boden gespuckt und alles wieder von vorn bis die Zwanzigstundentortur vorüber ist.

Aber um fair zu sein, ich musste ja gar keine zwanzig Stunden stehend verbringen. Schon nach achtzehn Stunden wurde ein Sitzplatz frei und ich konnte die gesamte Strecke von Nanjing nach Shanghai gemütlich dahindämmern – was allem Anschein nicht ausreichend war: in Shanghai angekommen ging der gesamte Tag für ein tiefgreifendes Schlaferlebnis drauf. Sightseeing, Visumsantrag für Vietnam…Fehlanzeige. Nur die bittere Gewissheit, dass ich drei Tage länger als geplant in der größten chinesischen Stadt bleiben müsste, weil Visum zu spät beantragt.


Indische Verhältnisse - und das ist nicht einmal der überfüllteste Zustand


Die nervigen Servicewägen kommen aller zehn Minuten durch den Waggon

Sonntag, 11. Juli 2010

Von konservativen Großmüttern, Moslems und Tonsoldaten

Nach Xi’an zu fahren, anstatt an der Küste zu bleiben, sich in der einst deutschen Bierbrauerstadt Quingdao am Strand zu sonnen und in kurzen Etappen nach Shanghai zu gelangen, hatte gewisse Gründe. Allen voran natürlich den, dass ich erst kurz zuvor einen Artikel über das angeblich so spektakuläre Weltkulturerbe Terrakotta-Armee geschrieben hatte und mir davon angestachelt, die Tonmänner selbst ansehen wollte. Das Wörtchen „angeblich“ dürfte aber schon andeuten, wie der Besuch der riesigen Grabungsstätte wirklich war – eher enttäuschend. Zweitens aber ist China ja längst nicht nur Küste. Zwar ist Xi’an auch noch nicht das absolute Zentrum des Landes, aber immerhin der Beginn der Seidenstraße, neben Ürümqi eines der muslimischen Zentren und – na kulturell halt etwas anders gewickelt wenn man so will. Man kann sicherlich daran zweifeln, ob der kurze Ausflug wirklich 150 Yuan und fünfzehn Stunden Fahrt Wert war, aber einmal im Zug sitzend, gab es sowieso kein Zurück mehr. Außerdem brauchte ich eine Übernachtung und die war mir in Xi’an gewiss – in Beijing nicht. Dort hatte sich eine kleine Familie – typisches Bürokratenpärchen, das für die Regierung arbeitet und daher natürlicherweise nur mit einem Kind gesegnet ist, um nicht ihre berufliche Karriere zu riskieren – dazu bereit erklärt, mich für ein paar Tage aufzunehmen.

Die Gastfreundschaft war riesengroß. Unaufhörlich wurde mir die gesamte Bandbreite der zentralchinesischen Küche aufgetischt und wenn das nicht im eigenen Heim passierte, so musste ich eben in irgendein Restaurant eingeladen werden. Genau das war auch meine erste Amtstätigkeit. Erschöpft von der langen Fahrt, gab es bei meiner Ankunft keine Verschnaufpause. Irgendwie hatte ja auch alles optimal geklappt. Der Zug fährt ein, ich schicke meiner Gastgeberin eine SMS, ich steige in den Bus, komme an, steh vor ihrem Haus und in dem Moment ruft sie mich an. Eine knappe Stunde später sitzen wir bereits in einem muslimischen Gasthaus ganz in der Nähe. Gegessen wird traditionell – zumindest verlangte ich das Traditionellste, was möglich war. Doch statt einer riesigen Portion Fleisch, stehen vor mir eine leere Suppenschüssel und zwei Fladen Brot, zu deren Zerkleinerung ich angehalten werde. Wie jetzt Zerkleinerung? Praktisch für die Küche, ist es in Xi’an üblich, dass die Gäste in stundenlanger Kleinarbeit ganze Brote zerbröseln, zu kleinen Kügelchen formen und sie anschließend in die Suppenschüsseln werfen. Die ganze Prozedur dauert ungefähr so lange, bis die Schale bis zum Rand gefüllt ist – wenn man Gogols Nase im Brote eingebacken findet länger. Meine Bestzeit hielt sich deutlich unter einer Stunde, war meinem Hungergefühl aber gar zu deutlich unbefriedigend. Im Anschluss gibt man das nun volle Gefäß wieder bei der Küche ab, die nun ihrerseits Nudeln, Fleisch und irgendeine Form von Brühe hinzufügt. Um ehrlich zu sein – den Rest hätte ich auch noch alleine zubereiten können. Nichtsdestotrotz eine eigenwillige und doch so zauberhafte Tradition. Da sitzen sie alle und bröseln stundenlang gemeinsam. Wenn das nicht zur Gemeinschaftsbildung beiträgt, dann weiß ich auch nicht.

Über die muslimischen Märkte geht es anschließend weiter. Grillmeister, Straßenfriseure, Händler aller Art beleben dieses Kleinod. Und bisher liefen wir nur über die lokalen Handelsorte. Das wirkliche muslimische Viertel befindet sich direkt im Zentrum von Xi’an hinter dem berühmten Trommelturm versteckt, auf dem fast stündlich Perkussionskünste performt werden. Der dortige Markt ist längst nicht so verworren, wie in Istanbul oder arabischen Städten, hat dafür aber seinen eigenen Charme. Gehandelt werden muss immer. Selbst wenn es ums Essen geht, so sind die Einstiegspreise absoluter Wucher. Genauso dreist muss man sie folglich unterbieten. Wer einem mit 25 Euro kommt, dem wird mit 50 Cent entgegengesetzt und am Ende bekommt man seine Ware für 1 oder 2 Euro: Handelskultur – insofern hat sich die Seidenstraßentradition wohl bis heute gehalten. Apropos, Seide gibt es auch: aber keine Ahnung zu welchen Preisen.

Eigentliches Boomgeschäft sind aber die Terrakotta-Soldaten. Als sie 1974 gefunden wurden, muss eine gesamte Tourismusindustrie in der Stadt aufgejubelt haben. Mit der Ernennung zum Weltkulturerbe in den 80er Jahren kamen die Touristenschwärme – und zwar diejenigen, die sonst nie im Leben auf die Idee gekommen wären, in das zentrale Xi’an zu fahren. Jedem Touristen wird logischerweise auch noch versucht ein kleines Replikat der Tonsoldaten anzudrehen und schon ist das große Business perfekt: erst recht durch clevere Tourismusunternehmen, die sündhaft teure Ausflüge zu der Ausgrabungsstätte organisieren, obwohl man dort bereits für 50 Cent mit einem regulären Bus hingelangt. Für die Reisegruppen muss das, was sie dann wirklich sehen, die reine Enttäuschung sein. Zuerst sieht man Menschenmassen, erst dann die Menge der Terrakotta-Soldaten, welche ihrerseits die Zuschaueranzahl weit unterbietet. Insgesamt gibt es drei Ausgrabungsfelder, die allesamt noch nicht komplett ausgeschaufelt sind. Teilweise sieht man nur bruchstückhaft einige zerbrochene Objekte am Boden liegen. Die große Grube mit ihren aufgestellten Soldaten hat irgendwie auch nichts übermäßig Erhabenes. Gut, sie gesehen zu haben, aber mehr auch nicht. Grund dafür ist wahrscheinlich auch, dass man einfach zu weit weg steht. Im Museum kann man sich die Grabbeigaben wenigstens von Nahen und in Originalgröße ansehen. Leider ist viel zu viel nur in Chinesisch geschrieben, weswegen man gar nicht auf die Hintergründe des Fundes stößt. Aber es gibt ja Wikipedia. Und Wikipedia sag: die Terrakotta-Armee ist die Grabbeilage des ersten chinesischen Kaisers Qin Shihuangdi. 210 v. Chr. errichtet ist das Mausoleum eine der größten Grabanlagen der Welt. Die Tonfiguren sollten eine komplette Armee der damaligen Zeit darstellen, da man daran glaubte, dass der Verstorbene auch im Totenreich all das brauchen würde, was er zu Lebzeiten bedurfte. Und Krieg führen schien dem Herrn Herrscher durchaus Spaß gemacht zu haben.

Wie dem auch sei, ich ging eher enttäuscht wieder nach Hause und traf dort einmal mehr auf meine Pekinger Reisebekanntschaft Karina aus Bulgarien. Dass wir uns in Xi’an treffen würden, war von vornherein abgemacht. Und nun stand sie da und hatte keine Unterkunft. In halbkonspirativer Weise gelang es mir aber, meine Gastfamilie davon zu überzeugen, auch Karina mit bei sich aufzunehmen. Da sie zudem Chinesisch spricht, bekam sie sogleich doppelte und dreifache Portionen an Essen aufgetischt, bevor man uns zur frühen Abendstunde zu Bett schickte. Eine Nacht hatte ich ja schon auf den gemütlichen Matratzen verbracht und nun sollte Karina im Nachbarbett Platz nehmen. Doch plötzlich: ein Aufschrei des Entsetzens. Mitten in der Nacht, von unserem Geflüster geweckt, rappelte sich die Großmutter des Hauses aus dem Nebenzimmer auf und zitierte Sohn und Schwiegertochter zum Rapport. Ausgiebige Diskussionen wurden geführt und man debattierte darüber, wie man entscheiden sollte. Aber über was? Karina war wohl schon angesichts ihrer Sprachkenntnisse im Bilde, doch ich war vollkommen verblüfft, als uns die Großmutter des Schlafens in ein und demselben Zimmer anklagte. In der Tat kein Kavaliersdelikt – sind wir ja nicht einmal verheiratet. Alles Reden nutzte letzten Endes gar nichts. Nachhaltig wurde betont, wie ernst die Großmutter es doch meine und dass sie eine solche moralische Verwerflichkeit in ihrem Hause nicht dulden könne. Was also tun? Blitzhochzeit um des bequemen Bettes Willens, die knochenharte Couch oder Kulturrebellion? Es kam wie es kommen musste: trotz vehementer Gegenwehr führte mein Weg geradewegs auf die Couch. Oh man, was für Konventionen – so verankert immerhin, dass vor nicht einmal zehn Jahren jedes chinesische Hotel einem unverheirateten Pärchen die Übernachtungsmöglichkeit versagt hätte.



Beim Semmel Bröseln


Gebröseles


Meine Gastgeberin


Fahrradfahren auf der Stadtmauer von Xian


Fahrradfahren auf der Mauer


Marktleben


Da wären sie, die Tonmänner


Und nochmal...in Reih und Glied

Freitag, 9. Juli 2010

Auf der Mauer

Fast eine Woche habe ich in Peking verbracht als ich mich letztlich dazu entschlossen hatte nach Xian aufzubrechen. Fünfzehn Stunden Fahrt standen mir bevor, in einem Zug, der längst nicht zu den erstklassigsten Fortbewegungsmitteln in China gehört. Allein der Weg zum Bahnhof war eine reine Tortur. Wurde mir nicht zuvor stolz berichtet, dass der Pekinger Westbahnhof einer der größten der Welt sei und so viele Züge von hier nach Nirgendwo aufbrechen? Im Prinzip stimmt das auch. Obwohl aber so viele Menschen über diesen Bahnhof auf ihre Reise aufbrechen müssen, hat er wie selbstverständlich keine vernünftige Verkehrsanbindung. Die U-Bahn stoppt geschätzte fünf Kilometer weit entfernt. Mit Gepäck fühlt sich der Weg problemlos wie zehn an. Hinzu kommen die Unmengen an Menschen, die sich denselben Weg buchstäblich entlang quetschen. Quetschen, Schieben, Schubsen und Stoßen, muss man wissen, ist in chinesischen Großstädten sehr beliebt. Allein aus der U-Bahn herauszukommen bedarf einer ausgefeilten Ellenbogentechnik, welche man erst in jahrelanger Praxis erlernt. Schlimmer noch geht es in den Bussen zu. Gerade im Feierabendverkehr fürchten die Passagiere um ihre geliebten Sitzplätze, stürmen herdenartig auf die automatische Tür zu und drücken sich quasi gegenseitig hinein. Wie aus der Tube gequetscht plumpsen sie dann in den Innenraum des Gefährts und suchen sich schnell ihre Sitzgelegenheiten. Ausländer schütteln dabei nur ihre Köpfe. Zum absoluten Klimax wird diese Praxis aber an den nationalen Bahnhöfen geführt, wo überhaupt jeder drückt, quetscht und schiebt, was das Zeug hält. Allein deswegen hat man mittlerweile eingeführt, nur noch die Passagiere eines Zuges gleichzeitig auf den Bahnsteig zu lassen und selbst das endet in vollkommenem Wirrwarr. Selbst wenn man als erster am Eingangstor zum Bahnsteig steht, wird man zwangsläufig der letzte im Zug sein. Gut, wenn man dann zumindest einen Sitzplatz hat. Mit der Gepäckablage wird es schon schwieriger. Und so musste ich fünfzehn Stunden mit dem Rucksack zwischen meine Beine geklemmt im Zug verharren. Das Geräusch zwischen den Zähnen zerbrechender Sonnenblumenkern-Schalen, das darauffolgende Spuckgeräusch und endlose chinesische Monologe über Gott und die Welt, spielten eine scheußliche Melodie, die einen kaum Einschlafen lies.

Zwangsläufig musste ich über die vergangenen Tage in Peking nachdenken. Was war nicht alles passiert…nun, eigentlich nicht mehr so viel. Freilich, spektakulär war beispielsweise das mysteriöse Verschwinden meiner Gastgeberin. Rui, eine Chinesin in ihren späten 30ern, sprach fließend Russisch, hatte in der Ukraine studiert und bestand unaufhörlich darauf, mir Tonnen an Essen vorzusetzen, welches ich vor ihren Augen komplett verspeisen musste. Sie tat wahrlich alles dafür, mir meinen Aufenthalt so bequem wie möglich zu gestalten. Wir schauten uns die Weltmeisterschaftsspiele zusammen an, gingen zwecks Internet in ihr Büro im 18. Stock des Global Trade Centers von Peking und spazierten die verträumten Boulevards der hiesigen Szenedistrikte ab. Eines Tages aber wachte ich auf – und sie war spurlos verschwunden. Ich dachte zunächst daran, dass sie womöglich auf Arbeit gegangen wäre, was durchaus Sinn machte. Am Abend aber, als ich aus der Stadt zurückkam, war sie immer noch nicht aufgetaucht. Nicht, dass ich mir irgendwelche größeren Sorgen machte, als aber gegen 8 Uhr das Licht in der gesamten Wohnung ausging und auch nach drei Tagen noch nicht wieder erstrahlte, kamen mir schon einige Bedenken. Drei Tage also war ich insgesamt ohne Elektrizität auf mich allein gestellt. Das schlimmste war, das damit auch Klimaanlage und Warmwasser nicht funktionierten. Wegen dem warmen Wasser machte ich mir zwar aufgrund der Moskauerfahrung keine größeren Sorgen, aber ohne Klimaanlage zu schlafen, war eine einzige Qual. Ein Wunder, dass ich es überhaupt schaffte, am zweiten Tag ihrer Abwesenheit, gegen 6 Uhr aufzustehen, um anschließend auf eine fast ganztägige Wanderschaft zu gehen.

Um 8 Uhr hatte ich mich mit einigen Leuten an einer U-Bahn-Station in der Nähe verabredet, um anschließend mit einer Art Bus, einer Art Taxi nach Jinshanling an die Chinesische Mauer zu fahren. Es fuhren mit: offensichtlicher Weise meine, zuerst genannte Wenigkeit, ein weiterer Deutscher aus der Heidelberger Gegend, ein Kanadier, zwei Norweger, ein Brüsseler vietnamesischer Herkunft, ein Mädchen aus Barcelona, eine holländische Familie, die gerade hochentzückt über den Finaleinzug ihres Fußballteams war und…zuletzt zu uns hinzustoßend, ein Mädchen aus Bulgarien – vietnamesische Wurzeln, mit ausgezeichneten Chinesischkenntnissen. Glücklicherweise begann sie nach einigem Hin und Her zwischen uns und unserem Fahrer zu vermitteln. Ich weiß nicht, was sein Problem war, aber kontinuierlich fing er an nach Geld zu fragen, welches eigentlich erst nach vollendeter Dienstleistung fällig war. Es bedurfte einer halben Ewigkeit, um ihn endlich dazu zu bringen, auch ohne Vorkasse loszufahren. Die Fahrt dauerte dafür Stunden und als wir endlich in dem kleinen Örtchen Jinshanling, welches über einen der schönsten Abschnitte der Großen Mauer verfügt, ankamen, begann er von Neuem mit seinen endlosen Geldforderungen. Irgendwann entschlossen wir uns dazu ihn zu ignorieren. Wollte er das Geld haben, so musste er im zehn Kilometer entfernten Simatai auf uns warten, bis wir die besagte Distanz zu Fuß überwunden hatten. Ja, genau das war der Plan. Wanderung, Wanderschaft, Wegbeschreitung unter glühend heißer Sommersonne. An die 40° C dürften es problemlos gewesen sein, als wir zu unserem Marsch aufbrachen. Die zehn Kilometer wurden noch beschwerlicher, durch die bizarre Streckenführung der Chinesischen Mauer in dieser Gegend. Sie durchzieht das hügelige Gebiet direkt auf den schmalen Bergkämmen und nur die alten Chinesen wissen, wie in aller Welt man hier einen Stein auf den anderen setzen konnte. Es schien ein absolutes Ding der Unmöglichkeit zu sein und für viele der chinesischen Arbeiter war es das auch. Pro Meter starben statistisch gesehen acht Bauarbeiter – bei einer Gesamtlänge von heute 2000, früher von womöglich sogar 6000 Kilometern, ein enormer Schwund an Arbeitskraft. Allein der Marsch auf dem riesigen Gebilde, welches mehr dazu dienen sollte, die Feinde Chinas nicht entkommen zu lassen, als sie fernzuhalten, war eine Herausforderung, die vor allem der Hitze gestundet war. Das ständige Auf und Ab zehrte an den Kräften. Mindestens genauso anstrengend waren die Unterhaltungen mit den chinesischen Verkäufern auf der Mauer, die uns unentwegt wahre Eisblöcke an Mineralwasser, Bier, Essen und Souvenirs andrehen wollten. Jede Verschnaufpause wurde so zu einem Verkaufsgespräch, auch wenn der Abschnitt von Jinshanling nach Simatai sonst geradezu verschlafen ist. Im Mittelabschnitt befindet man sich beinahe allein auf der Mauer – keine weiteren Touristen, kaum Verkäufer und ein atemberaubender Blick über die Berglandschaft im nördlichen China, auf deren Kämmen sich die Mauer ein ums andere Stück fortsetzt. Mit Entsetzten blickten wir von Zeit zu Zeit auf die Abschnitte die noch vor uns lagen und buchstäblich auf den schmalen Felsgipfeln balancierten. Letztlich endete unser Weg aber weit vor den schwindelerregenden Berghängen. Wir hatten es mittlerweile zwar auch auf eine beträchtliche Höhe gebracht, doch der beschwerlichste Abschnitt blieb uns dank einer zu Tale führenden Treppe erspart. Nach zehn Kilometern fand unsere kleine Tour ein Ende und wir bereiteten uns auf eine womöglich noch längere Rückfahrt vor.


Die Mauer


und nochmal die Mauer


und Markus mit Mauer


und schon wieder


Mauerbau


Mauerbau


Mauerbau


Mauerbau


Die Gruppe

Am heißesten Tag im Monat Juli wollte unser fahrbarer Untersatz einfach nicht mehr mitmachen. Hundert Kilometer vor Peking viel das Kühlsystem aus, Dampf schoss aus dem Motorraum, der sich wiederum direkt unter dem Sitz befand. Ein bizarres Bild – und Warten, Warten, Warten. Immerhin eröffnete uns die kleine Panne etwas Zeit, näher mit den Wanderbrüdern und –schwestern bekannt zu werden. Vor allem das Mädchen aus Bulgarien interessierte mich. Mit gerade einmal 20 Jahren war sie allein in China unterwegs und plante sich in die ländlichsten aller Gebiete der Volksrepublik zu begeben. Außerdem war ihr Chinesisch, zumindest meiner Meinung nach, geradezu perfekt. Nach nur zwei Jahren Lernphase in Bulgarien und einem halben Jahr Studium in China, konnte sie sich mühelos mit unserem Fahrer unterhalten und ihn davon abhalten absurde Summen von uns abknüpfen zu wollen. Einige Tage später traf ich mich erneut mit ihr in Peking und wir spazierten durch die schmalen Gassen einer kleinen Kneipengegend am Fluss- und/oder Kanalufer. Auch sie würde einige Tage später nach Xian fahren und da Shanshan vermutlich zwecks Prüfungen zu Hause bleiben würde, entschied ich mich zumindest für die Stadt der Terrakotta-Armee Karina, das Mädchen aus Bulgarien, als Ersatz mit zu meinen Gastgebern zu nehmen.


Das Mädchen - rechts!!!

In der Zwischenzeit aber, als ich gerade im Begriff war, diese Entscheidung zu fällen, sprang die Maschine wieder an. Der Fahrer spuckte bedeutungsvoll auf den Boden, zog sein Hemd, wie man das hierzulande bei großer Hitze so macht, bis zur totalen Bauchfreiheit nach oben und fuhr ohne ein Wort zu sagen mit uns davon. Eine Stunde war es nur noch bis nach Peking und da wir uns während unserer unfreiwilligen Pause darauf geeinigt hatten, einige der landestypischen Köstlichkeiten zu probieren, zog es uns bei gelungener Ankunft natürlicherweise auf den Markt. Und was für Attraktionen es dort gab. Nirgendwo sonst kann man sich solcher Delikatessen, die scheinbar ausschließlich für die Touristen aufgetischt werden erfreuen. Und was war nicht alles darunter: noch am Spieße zappelnde Skorpione, Schlangenköpfe, Tausendfüßler, Käfer jeder Art, Kakerlaken, Schafspenisse, Maden, Hundesteaks, Schildkröten und kleine gebratene Mäuse. Ungewollt musste ich mich letzten Endes über die Skorpione hermachen. Auch das Schlangenfleisch war für mich noch akzeptabel, nur der Rest wollte einfach nicht in meinen Mund fallen. Was man bezüglich des Geschmacks sagen kann – eigentlich schmeckt alles ein wenig nach Kartoffelchips. Knusprig, leicht gesalzen, nur weniger kartoffelig. Warum man stattdessen also nicht gleich Kartoffelchips isst, dürfte eines der großen Rätsel der Chinatouristen sein, die sich hier in Massen auf das frittierte Ungeziefer stürzen. Ich für meinen Teil habe die so wunderbar widerlichen Unköstlichkeiten letztlich auch nur gegessen, weil sie mir Karina unbedingt vorsetzen musste. Männlichkeit stellt man ja heutzutage bekanntlich am besten damit unter Beweis, indem man knusprige Skorpione möglichst genussvoll herunterschlingt. Knack machte es einmal, als ich leidenschaftlich den Stachel des Spinnentiers abbiss. Zugegeben, der war gar nicht so schlecht. Als nächstes kam der Rumpf mit seinen kleinen wuseligen Beinchen dran. Die grieseligen Skorpioninnereien rundeten den Geschmack irgendwie ab und das kleine Skorpionköpfchen war ohnehin der Höhepunkt. In diesem Sinne zufrieden machte ich mich auf den Weg nach Hause, fand dort eine unbezahlte Stromrechnung an der Tür klemmend vor und wusste nun die Ursache der Wirkung, die ich bereits vorher leidlich in Erfahrung gebracht hatte. Meine Gastgeberin für ihren Teil, kam erst am nächsten Morgen wieder. Auf Dienstreise sei sie gewesen, ohne mir ein größeres Sterbenswörtchen davon zu sagen. Als Entschuldigung gingen wir am nächsten, meinem letzten Abend zu irgendeiner Geburtstagsparty und im Anschluss auf der Kneipenmeile pikante Schalentiere essen.


und da zappeln sie...die leckeren Skorpione

Mittwoch, 7. Juli 2010

Sooooo…verboten

…ist die ehemalige Kaiserstadt im Herzen Pekings, an dessen Eingangsportal das riesige Porträt des Vorsitzenden Mao Zedong hängt. Und in der Tat, der Abschnitt des Kaiserpalastes, von dem der Stadtteil sein geheimnisvolles Attribut hat, ist auch heute noch nicht zugänglich. Ob allgemein oder aus Restaurierungsgründen, kann ich nicht sagen – man versteht ja kein Wort von dem, was da geschrieben ist. Man erahnt nur wie weit sich die Verbotene Stadt hinter den offiziellen Bereichen noch ausdehnt. Allein der zugängliche Teil ist riesig. Man benötigt den gesamten Tag, um alles zu sehen und hat dann immer noch nicht alles gesehen. Dieser offizielle Teil durfte übrigens auch in der Quing-Dynastie – die letzte der Königsfamilien, die im 17. Jahrhundert die Ming ablöste und 1924 vom republikanischen Staatscoup gestürzt wurde – von Gesandten betreten werden. Der Abschnitt aber, in dem politische Entscheidungen gefällt wurden, war vollkommen tabu. Ein riesiges Tor versperrte den Ankömmlingen den Zutritt. Sie mussten bis zu fünfzig Meter weit von dem Eingangsbereich entfernt stehen, bis ein Botschafter des Kaisers ihnen entgegengeeilt kam, um die Nachrichten in Empfang zu nehmen und sie weiterzuleiten. Das ganze ging aber nur bis ins später 19. Jahrhundert gut. Dann fing es schon an mit den Querelen. Die Opiumkriege zeigten dem kaiserlichen China seine militärischen und kommunikationspolitische Schwächen auf, die westlichen Mächte kontrollierten von nun an Häfen wie Hongkong und Shanghai, hatten Schiffsrechte auf dem Jangtse und zwangen den chinesischen Machthabern wie selbstverständlich die Abnahme nicht geringer Mengen von Opium auf. Die Einführung neuer Kommunikationstechnik und sonstiger Modernisierung half nur wenig. Die außenpolitische Situation sorgte für Stunk im Inneren. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde die Verbotene Stadt zum ersten Mal gestürmt. 1911 machten die Chinesen dann Revolution und führten ein ständiges Parlament neben dem letzten Kaiser Pu Yi ein, der sich ohnehin mehr für westliche Kultur als fürs Regieren interessierte. Ab 1924 musste er das auch nicht mehr. Ein Militärputsch enthob ihn aller jahrhundertedagewesener Würden und konstituierte die Republik China mit der Hauptstadt Nanjing (übersetzt: südliche Hauptstadt) anstelle von Beijing (nördliche Hauptstadt). Das ist Nanjing übrigens heute noch. Dummerweise befindet sich die Stadt nicht auf dem Territorium der Republik China, weswegen Maogegner Chiang Kai-shek Taipeh als Provisorium gewählt hatte. Seine republikanischen Truppen unterlagen 1949 den maoistischen Guerilleros, nachdem diese in nachher hinauf stilisierter Weise voller Pathos über die selbstinstallierten Pontonbrücken auf dem Jangtse stiefelten. So gesehen ein Schicksalsfluss. Und das Schicksal: Kommunismus, der große Sprung nach vorn, Kulturrevolution – 70 Millionen Tote. Heute: Pseudokommunismus – Hammer und Sichel haben sich in ein goldenes M verbogen: McDonalds und KFC stehen neuerdings im Zeichen der Planerfüllung. (Ganz im Gegensatz zu Blogspot und Facebook, die ich nur mit einem mir zugespielten Spezialprogramm anwählen kann: die Große Firewall von China ist ja so lahm). Mao wird trotzdem in Ehren gehalten und liegt in aller Seelenruhe in seinem gemütlichen Maosoleum. Gutes Wortspiel, oder? Und deswegen gleich noch eins: angesichts der vielen Qualen, die der Herr Vorsitzende der Kommunistischen Partei Chinas seinem eigenen Volk bereitet hat, kommt der heutige Totenkult einem nationalen Maochismus gleich.

Der absolute Höhepunkt dieser Personenverehrung ist wie schon erwähnt das Mausoleum des Vorsitzenden. Die Gedenkhalle am Tiananmen ist sogar um ein Vielfaches größer als Lenins Leichenhalle auf dem Roten Platz. Mao muss man sagen – und das macht Sinn, da ihn ja erst 1976 das Zeitliche gesegnet hat – sieht insgesamt doch etwas frischer aus, als Vladimir Iljitsch. Während der russische Revolutionär eher wächsern wirkt, lässt Maos Leiche an Knackigkeit nichts vermissen. Dazu gesellt sich das typische Brimborium, welches Staaten betreiben, die ihre einstigen Oberhäupter zu Kultzwecken nutzen möchten. Meterlange Schlangen, Sicherheitspersonal, einzelnes Herantreten, keine Fotos, gedenkende Ruhe und natürlich: Hände aus den Hosentaschen! Die untere Hälfte von Maos Korpus bedeckt eine scharlachrote Kommunistenflagge, die an seine Rolle in der Revolution erinnern soll. Vielleicht verdeckt sie aber auch nur funktionaler Weise die unecht wirkenden Körperteile des Vorsitzenden. Alles Plastik, nehmen Forscher aus dem Westen an. Aber wahrscheinlich führen die Unmengen an Formaldehyd einfach nur zu einem etwas kunststoffartigen Aussehen. Formaldehyd kippen die Chinesen übrigens auch in Massen in Bier und andere Lebensmittel, um sie haltbarer zu machen. Pasteurisierung kann man sich hierzulande wohl nicht wirklich leisten. Deswegen ist das die billigere Variante, welche zudem noch die Bevölkerungszahl erheblich herunterschrauben dürfte. Wenn das mal der Kommunistischen Partei nicht in den Kram passt. So spart man sich die gesamte Ein-Kind-Propaganda und kommt auf dasselbe Ergebnis. Für mich jeden Fall ist Biertrinken in China damit genauso verboten, wie die Verbotene Stadt.


Und da hängt er...der Mao


Maos Maosoleum


Die Verbotene Stadt


Kaiserpalast