Samstag, 24. Juli 2010

Affenhirn und Gottestee

In Nanjing, vor dem Kiosk sitzend habe ich Furchtbares über die Südchinesen gehört. Barbaren an den Kochtöpfen seien sie. Säbelschwingende Folterknechte in der Küche. Die Skorpione und Schlangen von Peking seien längst nicht das Maß aller Dinge, hieß es, nachdem ich prahlerisch über meinen mutigen Männlichkeitsbeweis in Peking reflektiert hatte. An Widerlichkeit überbiete die kantonesische Cuisine wohl alles. Und dabei waren die Bewohner von Guangzhou bereits in der Vergangenheit extrem einfallsreich. Für Adlige war beispielsweise Affenhirn ein Hochgenuss. Aber nicht nur einfach durchgequirltes und scharf angebratenes Affenhirn. Um den Geschmack etwas nass gewordenen Brotes richtig zur Geltung zu bringen – und jetzt besser die nächsten drei Sätze überspringen –, musste dem Affen bei lebendigem Leib der Schädel aufgesägt und im Anschluss siedendes Öl auf das Hirn gegossen werden. Der zappelt dann und die Adligen fangen an zu löffeln. Na wenn das nicht lecker ist. Heutzutage ist die Prozedur schon fast nicht mehr en vogue – Affenmangel oder so. Stattdessen verköstigt man sich mit frittierten Babymäusen und überhaupt…Föten im Allgemeinen. Embryosuppe ist der Geheimtipp für alternde Herren in Guangzhou, die ihre Manneskraft aufpeppen wollen. Natürlich findet man solche Gerichte auf keiner Speisekarte der Stadt, doch nachdem mir mehrmals unabhängig voneinander und ohne Nachfrage versichert wurde, dass das der aktuelle Trend in der kantonesischen Küche sei, muss doch etwas dran sein an dem Mythos. Immerhin verbietet das Gesetz der VR China die gespenstische Babysuppe, aber trotzdem wird sie in den Hinterstübchen kleinerer Lokale zubereitet und gelöffelt. Von Zeit zu Zeit zieht das Razzien nach sich, aber eher selten. Guter Film zum Thema: Fruit Chan – Dumplings.



Trailor zu Fruit Chans Kurzfilm Dumplings aus der Reihe Three Extremes.

Und hier noch ein interessantes Interview dazu:
http://www.taz.de/1/archiv/archiv/?dig=2005/02/18/a0249

Uns zieht es in solche Lokale nicht. Wir sitzen in einem größeren Restaurant und meine Gastgeberin flüstert mir die düsteren Geheimnisse über die kantonesische Küche ins Ohr. Die anderen, was eine israelische Vegetariertanzgruppe ist, sollen nichts davon mitbekommen und sie hören in der Tat kein Sterbenswörtchen. Beschäftigt sind sie damit die gigantische Drehplatte in der Mitte des Tisches zu bewegen und ein Stück Tofu nach dem anderen herunter zu picken. Wo kam diese Tanzgruppe eigentlich auf einmal her? Ich war gerade erst angekommen und bin quasi in sie hineingelaufen. Mit meiner Gastgeberin entschlossen wir uns dann dazu gemeinsam die allgemeinverträglichen Speisen aus Südchina zu probieren und anschließend zum Teetrinken ins Dörfliche zu fahren. Eine Stunde und 30 Kilometer außerhalb der Stadtgrenzen treffen wir dann in dieser Dörflichkeit einen Drehbuchautor beim Litschiessen und philosophieren…meiner Gastgeberin Bekannter. Dessen Bekannte wiederum sind unser Ziel. Und was sind das für Leute. Schon als ich die bunten buddhistischen Flaggen an den Fenstern sehe, traue ich dem Braten nicht. Doch im Prinzip sind sie ja nett. Immerhin sind sie dazu bereit, für mich und den fast zehnköpfigen Tanzverein aus Tel Aviv eine zwei Stunden andauernde Teezeremonie zu veranstalten. Tee, das sei ihr ein und alles, sagen sie. Noch vor drei Jahren gab es Medien in ihrem Leben. Fernseher, Radio und was weiß ich nicht. Doch dann entschlossen sie sich zum radikalen Bruch: Fernseher aus dem Fenster (tief kann er nicht gefallen sein – die Aufgussliebhaber wohnen par terre), das Radio in Brand gesetzt und der Tee kommt ins Haus. Säckeweise steht er in seiner kleingeheckselten Form vor uns. Der erste Aufguss wird mit allerlei Brimborium vorbereitet. Da wird geschüttet und geschwenkt, gegossen, geklopft und gewackelt: und fertig ist das Getränk, serviert in einem Becher der eher einem japanischen Sakeglas ähnelt. Bevor getrunken wird, kommen noch Erläuterungen. Die erste Substanz sei ein geheimnisvoller Tee aus Tibet, der sonst lediglich heiligen Personen, wohl nur den Lamas vorbehalten ist. Wie sind die an den Tee gekommen? Und wie können wir den jetzt trinken? [Editorische Notiz: die nachfolgenden Stellen entspringen möglicherweise ganz und gar der blühenden Fantasie des Autors. Ähnlichkeiten zu einer Simpsons-Episode, in der ein Weltraumcoyote auftaucht sind rein zufällig]. Zuerst wird das Aroma eingesaugt, dann schwappt der Tee in den Hals und hinterlässt auf der Zunge einen süßlich-bitteren Nachgeschmack. Bin ich jetzt Gott oder zumindest göttlich? Wenigstens halbgöttlich? Immerhin scheine ich nach dem zweiten oder dritten Glas allmählich das gesamte System der Welt zu entziffern. Mit einem Schlag verschwimmen die Wände und bunte Farben sprießen aus dem Gemäuer. Der Tee der Erkenntnis. Alles verzerrt sich zu einem spiralförmigen Kryptogramm und ein Weltraumcoyote erklärt mir, was es mit dem Sinn des Lebens auf sich hat. Verfluchter Weltraumcoyote. Sinnlose Existenz meint er und kommt mir mit Sartre. Na dann, meine ich…auch egal. Evolution um der Evolution Willen – biochemischer Fatalismus. Diese Ziellosigkeit hat durchaus ihren Reiz, denke ich mir, und schlittere langsam wieder zurück in irgendeine mir unbewusste Form von Sein. Der Tanzgruppe stelle ich meine neuen Erkenntnisse in knappen Sätzen dar. Ob die Köpfe nicken oder schütteln kann ich gar nicht unterscheiden. Ich merke nur, wie das Teezubereitungsmädchen aus dem Nichts heraus anfängt irgendwelche englischen Folksongs vollkommen verhunzt zu jaulen. Und dann bekommt sie auch noch Applaus für eine Darstellung, bei der sich der arme Bob Dylan im Grabe…Moment, der lebt ja noch…also worüber er sich zumindest ärgern würde. Schlimmer noch, die anderen folgen ihrem Beispiel und wollen mich auch noch dazu animieren einzusteigen. Dann doch lieber der Tee. Schnell nehme ich noch einen Schluck von dem göttlichen tibetanischen Gebräu, bei dem man Erleuchtungen wie Siddhartha Gautama unter der Pappelfeige bekommt, und hoffe, nicht mehr darüber nachdenken zu müssen, wo diese verdammten Blumen geblieben sind. Das singen die nämlich ohne Aussicht auf ein Ende. Dabei wissen wir ja bereits, dass die Mädchen sie gepflückt haben – oh man. Ich drifte davon. Womöglich war der Tag halt doch etwas lang für mich – nach wieder einmal 24 Stunden im Zug. Das nächste, was ich fünf Minuten später sehe, ist wieder der mysteriöse Weltraumcoyote. Er schaut und bellt nur blöd und beißt mich ins Bein. Dann wach ich auf und finde mich attackiert von der Hauskatze auf einem Sofa vor und meine Gastgeberin erzählt mir, wie gut sie die russische Gruppe Kino findet, welche in einer Endlosschleife kontinuierlich auf meinem Rechner spielt. Na das war mal ein Tee – göttlich und adliger als Affenhirn. Wenigstens bin ich endlich ausgeschlafen und kann nun die gerade erst von Taifun und Monsun durchnässte Küstenstadt erkunden.


Der vermeintliche Weltraumcoyote


Weil es so schön ist...Homer isst guatemaltekisches Irrenanstalt-Chili


Und noch ein paar Kulturbilder...


Tempel...


...und der Märtyrerpark.

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