Die Deutschen sind ohnehin in einer gewissen Überzahl in Shanghai. Wo die alle her kommen und was die hier alle machen, fragt man sich. Eines Abends bekam ich es heraus. Nachdem ich angesichts der ewig langen Bearbeitung meines vietnamesischen Visums in Pudong halb unendlich gelangweilt und halb unendlich viel gearbeitet habe, wollte ich mich dann doch einmal ins Nachtleben der größten chinesischen Stadt stürzen. Meine Gastgeberin – Amerikanerin, tätig, wie fast alle Amerikanerinnen, in irgendeiner Sprachschule – lud mich auch sofort ein, an einer kleinen Feier im Stadtzentrum teilzunehmen. Selbstverständlich sage ich da nicht nein. Mit Absicht verpasse ich die Metro und fahre mit dem supercoolen Motorradtaxi direkt zu der Bar, in der sie mit ihren österreichischen Bekannten einen draufzumachen scheint. Die Fahrt dauert ewig. Ich brauche Geld – für den Fahrer und für die Kneipe. Aber zum Unglück: das übliche Kartenproblem. Als das Motorrad am nächstbesten Geldautomaten hält, wage ich es schon gar nicht mehr meine EC zu verwenden. Zweimal die falsche PIN in Harbin eingegeben (Dank umgekehrt angeordneter Ziffernfelder) und die chinesischen Banken sperren meine Karte allem Anschein nach asienweit, während sie in Deutschland freigeschaltet ist. Kreditkarte – ebenfalls Fehlanzeige. PIN funktioniert nicht. Der arme Fahrer kann also schlichtweg nicht bezahlt werden. Oder doch? Die Strecke kommt mich teuer mit einem Erinnerungsstück aus Amsterdam zu stehen. Vor ca. fünf Jahren, kurz nachdem mein Fahrrad zwischen den Grachten geklaut und ich mir im Rotlichtviertel nur zwei Stunden später ein neues angedreht wurde, lief ich in aller Seelenruhe an irgendeinem Hotel vorbei. Keine Ahnung auf welcher Straße es gebaut wurde – in Monopoly-Maßstäben aber gewiss auf einer der teureren. Plötzlich – Leute stürzen sich zu Boden und Geldscheine flattern im Wind. Jeder krallt sich, was er kriegen kann und ich stehe mit irgendwelchen Hongkong-Dollars da, mit denen ich nichts anzufangen weiß. Die nächste Wechselstube erzählt mir, dass die Noten kaum etwas Wert seien, ich behalte sie also einfach als kleines Andenken, schenke eine drei Jahre später dem Dönermann im Berliner Wedding und lasse die andere getrost im Portmonee. Nun aber scheint es mir, mich auch von dieser trennen zu müssen. Warum beträgt die Taxifahrt auch genau umgerechnet 20 Hongkong-Dollar? Absoluter Zufall – aber hilfreich.
Nun gut, wenigstens bin ich in der Bar, die von Ausländern besetzt ist. Horden von Engländern, Amerikanern und Deutschen, die hier entweder in der Industrie oder im Schulwesen schuften, sonst aber keinen Kontakt zur chinesischen Bevölkerung haben. Außer vielleicht, wenn sie in die berüchtigten Friseursalons der Stadt gehen. Die sind nämlich nicht immer das, was sie zu sein scheinen. Brennt ein rotes Licht im Schaufenster, kann man sich sicher sein, dass man gewiss keinen Haarschnitt in dem Geschäft bekommt. Immerhin dürfte das für nicht wenig Verwirrung bei ausländischen Touristen sorgen, die sich wirklich nur die Haare schneiden lassen wollen))) Hier, in dieser Bar jedenfalls, sammeln sie sich, um unter ihresgleichen zu sein – und das ist um ehrlich zu sein mehr als langweilig. Wenigstens bekomme ich einen kostenlosen Drink von der Bar, weil meine Kreditkarte nicht funktionieren will. Danach aber verschwinde ich, schlendere durch die nächtlichen Straßen von Shanghai und treffe zu meinem Glück oder Unglück ein paar deutsche Azubis. Der eine in Hongkong aufgewachsen, der andere aus dem Ruhrpott – beide lernen in Shanghai. Es kam also wie es kommen musste, ich lies meine Gastgeberin, Gastgeberin sein, und zog mit den beiden Deutschen um die Häuser, geradewegs zum nächstbesten Club – und das immer noch ohne Geld. Die Gruppe aber wuchs und somit auch die Möglichkeit, das ein oder andere Bier für lau zu bekommen. Bis 5 konnte ich so problemlos den Abend herumbekommen. Der Club leerte sich allmählich – verbleibend nur noch ich, die Deutschen, ein Amerikaner aus Detroit und irgendein willkürliches Mädchen aus China (es ist immer irgendein willkürliches Mädchen aus China dabei). Klar war, dass wir hier nicht mehr bleiben konnten und wollten. Langeweile kam auf und als unser amerikanischer Freund uns den Vorschlag unterbreitete zu ihm zu fahren, um passend zum Wirtschaftsboom in Shanghai Monopoly zu spielen, klang das irgendwie verrückt genug, um darauf einzusteigen. Zu Fünft nahmen wir das nächste Taxi in die Vorstadt – vergleichbar mit den Monopoly-Straßen, die sich direkt hinter Los befinden. Einöde, Tristesse, Blocks. Und in ihnen zumindest eine gut eingerichtete Wohnung, welche der Amerikaner von der Familie seiner Frau geschenkt bekommen hat. Zumindest sei das so Tradition, meinte er. Seine Frau wusste übrigens nichts von unseren morgendlichen Monopoly-Plänen und wurde erst auf dem Weg zur Morgentoilette auf das lautstarke Würfelspiel aufmerksam. Verwirrt schaute sie uns an, blickte zu ihrem Angetrauten – der grinste, sie schüttelte den Kopf und verschwand für immer im Badezimmer. Die Spieler stiegen einer nach dem anderen aus. Gegen 7 verblieben nur noch ich und das chinesische Mädchen – ein atemberaubendes Spiel begann. Sie im Besitz aller Bahnhöfe, des Elektrizitätswerkes und der Wasserwerke!!! Ich, stolzer Besitzer des chinesischen Pendants der Schlossallee, Hotelinhaber und Inhaber einiger weiterer nicht allzu günstiger Straßen. Ich fühlte mich wie ein echter westlicher Kapitalist in Shanghai –ich baue meine protzigen Wolkenkratzer auf die teuersten Boulevards, während die Chinesin staatstreu und felsenfest an ihrem Bahn-, Wasser- und Strommonopol festhält. Genau das machte die Sache mehr als kompliziert, den Spielverlauf aber immerhin spannend. Meine Bahnhofsbesuche ruinierten mich fast vollends, wären da nicht ihre längeren Hotelaufenthalte auf meiner Schlossallee gewesen. Das war schließlich ihr Todesstoß. Spätestens gegen 9 Uhr hatte sich das Blatt gewendet und gegen 10 Uhr war mein alles überragender Sieg im Monopolspiel perfekt.
Pearl Tower in Pudong
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