Freitag, 2. Juli 2010

Выбор Спутницы – die Auswahl der Reisebegleiterin

In seinem Buch Fünf Flüsse des Lebens sucht Viktor Erofeev gleich zu Beginn nach einer geeigneten Reisebegleitung für seine vielen Schiffsfahrten. Dass sie weiblich sein muss steht für ihn zweifellos fest. Doch welche Nationalität soll sie haben? Russinnen hatte er über, Französinnen waren es auch nicht nach denen es ihm verlangte und die Spanierinnen – ach die, die quengeln zu oft. Seine letztendliche Wahl fällt auf die deutschen Frauen. Warum, ja warum nur? Aufgrund des spielerischen Gegensatzes, den sie allem Anschein nach zum russischen Mann darstellen? Vielleicht – und wenn es denn so war, so konnte eine Deutsche die meinige Reisebegleiterin nicht sein. Die Auswahl fällt daher exotischer aus und da ich nun einmal in China angekommen bin, warum nicht auf die lokale Auswahl setzen.

Shanshan kenne ich eigentlich schon aus Moskau. Sie hatte schon einige Jahre an der Universität Russisch in aller eigeninitiativster Eigeninitiative studiert und kam im Wintersemester zu uns an die MGU zum Austausch. Sie war quasi eine der wenigen Asiatinnen, neben den Japanern wahrscheinlich, die sich auch öfters unter den Europäern aufhielt. Ihr Russisch ist erstaunlich gut und als ich sie dann eines Tages auf einer Party bzw. meiner Party bzw. schon davor im Lift der philologischen Fakultät auf dem Weg zum frühmorgendlichen Sprachkurs traf, übte ich wie selbstverständlich meine rudimentären Russischkenntnisse mit der Frage: „Wo kommst du denn her?“ Harbin, sprach sie und ich spitzte meine Ohren. Moment, das Harbin, was genau in meine Reiseplanung passt? Damals war es noch vorgesehen, dass ich von Wladiwostok kurz und knapp nach China hineinfahren würde und den nördlichen Weg durch die Mongolei zurück nach Russland finde. Harbin als nächstgrößere chinesische Stadt stand für mich aber als Ort für eine akklimatisierende Pause in der neuen Kultur fest. Und was ist das dann für ein Zufall, dass sie ausgerechnet hier an der renommierten, dreizehntbesten chinesischen Universität, der Technischen, studiert. Ich musste sie einfach in Harbin wiedertreffen und genau das tat ich auch. Während wir so durch die Stadt die alten russischen Boulevards aus dem 19. Jahrhundert entlang promenierten, erzählte sie mir von ihrer Zeit in Irkutsk. Kaum zwei Monate habe sie es in der Baikal- und Dekabristenstadt ausgehalten, dann sei sie zurück nach Harbin gekommen. Als ich ihr erzählte, dass schon die russischen Zaren ihre Bösewichte alle nach Sibirien, u. a. nach Irkutsk verbannen lies, meinte sie nur: ach darum sind die da alle so hinterhältig. Waschechtes Verbrecherblut fließt in deren Adern. Aber die Dekabristen, erwiderte ich, Adlige, mit guten Absichten. Papalapap!!! Böse Menschen bevölkern diesen Ort. Allemal eröffnete ihr diese Tatsache eine unerwartete Pause im Arbeits- und Studentenleben. Denn zurückgekehrt nach Harbin lief das Semester noch, das neue hat noch nicht angefangen. Fast wie ich, hat sie bis September Ferien und nichts zu tun. Xian, die Expo in Shanghai und die alte Republikhauptstadt Nanjing würde sie aber gerne sehen. Eigentlich will sie sogar mit nach Vietnam, um auf einem ortsüblichen Roller durch die Gegend zu rollen. Aber mal schauen.

Ansonsten führte mich Shanshan heute durch die halbe Stadt. Am Flussufer stießen wir auf Menschen, die ihre Wäsche in dem trüben Wasser wuschen – zehn Meter weiter angelten ein paar Einheimische einen Fisch nach dem anderen aus dem Fluss. Den frischen Fang kann man später gegrillt an den Ständen auf dem chinesischen Arbat kaufen. Der Seifen- und Chemikaliengeschmack dürfte bei entsprechender Würzung kaum ins Gewicht fallen. Auf dem Arbat werden aber noch andere Dinge verkauft. Viele davon sind russisch. Harbin ist ja schließlich mal russische Kolonie gewesen und sieht architektonisch auch genauso aus. Die Hauptpromenade hat Ähnlichkeiten mit dem Moskauer Arbat und den zumeist aus Russland kommenden Touristen werden Matrjoschkas und Baltika 3 angeboten. Das klassische Dosenbier aus Petersburg Balitika 3 kostet den von dort wahrscheinlich auch Angereisten allerdings gleich einmal den zehnfachen Preis. Die Matrjoschkas bekommt man in Moskau ebenfalls billiger. Spektakulär ist daneben auch das Speiseangebot. Ich hätte nicht erwartet schon so früh auf Ekelsachen zu treffen…doch ich habe mich getäuscht. Aufgequollene Maden, die schön durch gegart werden, sich aber irgendwie doch noch bewegen, karamellisierte Heuschrecke und Rentierohren: alles was das Herz begehrt. Shanshan konnte mich gerade noch davon abhalten drei/vier Portionen von einem bekömmlichen Maden-Kakerlaken-Frischkäse-Salat zu bestellen. Oh man sah das alles so lecker aus. Doch leider war sie nicht ganz von den Hygienestandards der Stände überzeugt. Kein Wunder – es wimmelt da ja nur so vor Getier, so dass man das Essen kaum vom Ungeziefer unterscheiden kann. Und man will sich ja nicht beim Essen verunreinigter Insekten etwas einfangen – bloß das nicht. Rest des Tages: Inselausflug, Boot, Gratisessen, Billardspielen – Punkt.


Shanshan

Essen oder Ungeziefer?

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