Zwangsläufig musste ich über die vergangenen Tage in Peking nachdenken. Was war nicht alles passiert…nun, eigentlich nicht mehr so viel. Freilich, spektakulär war beispielsweise das mysteriöse Verschwinden meiner Gastgeberin. Rui, eine Chinesin in ihren späten 30ern, sprach fließend Russisch, hatte in der Ukraine studiert und bestand unaufhörlich darauf, mir Tonnen an Essen vorzusetzen, welches ich vor ihren Augen komplett verspeisen musste. Sie tat wahrlich alles dafür, mir meinen Aufenthalt so bequem wie möglich zu gestalten. Wir schauten uns die Weltmeisterschaftsspiele zusammen an, gingen zwecks Internet in ihr Büro im 18. Stock des Global Trade Centers von Peking und spazierten die verträumten Boulevards der hiesigen Szenedistrikte ab. Eines Tages aber wachte ich auf – und sie war spurlos verschwunden. Ich dachte zunächst daran, dass sie womöglich auf Arbeit gegangen wäre, was durchaus Sinn machte. Am Abend aber, als ich aus der Stadt zurückkam, war sie immer noch nicht aufgetaucht. Nicht, dass ich mir irgendwelche größeren Sorgen machte, als aber gegen 8 Uhr das Licht in der gesamten Wohnung ausging und auch nach drei Tagen noch nicht wieder erstrahlte, kamen mir schon einige Bedenken. Drei Tage also war ich insgesamt ohne Elektrizität auf mich allein gestellt. Das schlimmste war, das damit auch Klimaanlage und Warmwasser nicht funktionierten. Wegen dem warmen Wasser machte ich mir zwar aufgrund der Moskauerfahrung keine größeren Sorgen, aber ohne Klimaanlage zu schlafen, war eine einzige Qual. Ein Wunder, dass ich es überhaupt schaffte, am zweiten Tag ihrer Abwesenheit, gegen 6 Uhr aufzustehen, um anschließend auf eine fast ganztägige Wanderschaft zu gehen.
Um 8 Uhr hatte ich mich mit einigen Leuten an einer U-Bahn-Station in der Nähe verabredet, um anschließend mit einer Art Bus, einer Art Taxi nach Jinshanling an die Chinesische Mauer zu fahren. Es fuhren mit: offensichtlicher Weise meine, zuerst genannte Wenigkeit, ein weiterer Deutscher aus der Heidelberger Gegend, ein Kanadier, zwei Norweger, ein Brüsseler vietnamesischer Herkunft, ein Mädchen aus Barcelona, eine holländische Familie, die gerade hochentzückt über den Finaleinzug ihres Fußballteams war und…zuletzt zu uns hinzustoßend, ein Mädchen aus Bulgarien – vietnamesische Wurzeln, mit ausgezeichneten Chinesischkenntnissen. Glücklicherweise begann sie nach einigem Hin und Her zwischen uns und unserem Fahrer zu vermitteln. Ich weiß nicht, was sein Problem war, aber kontinuierlich fing er an nach Geld zu fragen, welches eigentlich erst nach vollendeter Dienstleistung fällig war. Es bedurfte einer halben Ewigkeit, um ihn endlich dazu zu bringen, auch ohne Vorkasse loszufahren. Die Fahrt dauerte dafür Stunden und als wir endlich in dem kleinen Örtchen Jinshanling, welches über einen der schönsten Abschnitte der Großen Mauer verfügt, ankamen, begann er von Neuem mit seinen endlosen Geldforderungen. Irgendwann entschlossen wir uns dazu ihn zu ignorieren. Wollte er das Geld haben, so musste er im zehn Kilometer entfernten Simatai auf uns warten, bis wir die besagte Distanz zu Fuß überwunden hatten. Ja, genau das war der Plan. Wanderung, Wanderschaft, Wegbeschreitung unter glühend heißer Sommersonne. An die 40° C dürften es problemlos gewesen sein, als wir zu unserem Marsch aufbrachen. Die zehn Kilometer wurden noch beschwerlicher, durch die bizarre Streckenführung der Chinesischen Mauer in dieser Gegend. Sie durchzieht das hügelige Gebiet direkt auf den schmalen Bergkämmen und nur die alten Chinesen wissen, wie in aller Welt man hier einen Stein auf den anderen setzen konnte. Es schien ein absolutes Ding der Unmöglichkeit zu sein und für viele der chinesischen Arbeiter war es das auch. Pro Meter starben statistisch gesehen acht Bauarbeiter – bei einer Gesamtlänge von heute 2000, früher von womöglich sogar 6000 Kilometern, ein enormer Schwund an Arbeitskraft. Allein der Marsch auf dem riesigen Gebilde, welches mehr dazu dienen sollte, die Feinde Chinas nicht entkommen zu lassen, als sie fernzuhalten, war eine Herausforderung, die vor allem der Hitze gestundet war. Das ständige Auf und Ab zehrte an den Kräften. Mindestens genauso anstrengend waren die Unterhaltungen mit den chinesischen Verkäufern auf der Mauer, die uns unentwegt wahre Eisblöcke an Mineralwasser, Bier, Essen und Souvenirs andrehen wollten. Jede Verschnaufpause wurde so zu einem Verkaufsgespräch, auch wenn der Abschnitt von Jinshanling nach Simatai sonst geradezu verschlafen ist. Im Mittelabschnitt befindet man sich beinahe allein auf der Mauer – keine weiteren Touristen, kaum Verkäufer und ein atemberaubender Blick über die Berglandschaft im nördlichen China, auf deren Kämmen sich die Mauer ein ums andere Stück fortsetzt. Mit Entsetzten blickten wir von Zeit zu Zeit auf die Abschnitte die noch vor uns lagen und buchstäblich auf den schmalen Felsgipfeln balancierten. Letztlich endete unser Weg aber weit vor den schwindelerregenden Berghängen. Wir hatten es mittlerweile zwar auch auf eine beträchtliche Höhe gebracht, doch der beschwerlichste Abschnitt blieb uns dank einer zu Tale führenden Treppe erspart. Nach zehn Kilometern fand unsere kleine Tour ein Ende und wir bereiteten uns auf eine womöglich noch längere Rückfahrt vor.
Die Mauer
und nochmal die Mauer
und Markus mit Mauer
und schon wieder
Mauerbau
Mauerbau
Mauerbau
Mauerbau
Die Gruppe
Am heißesten Tag im Monat Juli wollte unser fahrbarer Untersatz einfach nicht mehr mitmachen. Hundert Kilometer vor Peking viel das Kühlsystem aus, Dampf schoss aus dem Motorraum, der sich wiederum direkt unter dem Sitz befand. Ein bizarres Bild – und Warten, Warten, Warten. Immerhin eröffnete uns die kleine Panne etwas Zeit, näher mit den Wanderbrüdern und –schwestern bekannt zu werden. Vor allem das Mädchen aus Bulgarien interessierte mich. Mit gerade einmal 20 Jahren war sie allein in China unterwegs und plante sich in die ländlichsten aller Gebiete der Volksrepublik zu begeben. Außerdem war ihr Chinesisch, zumindest meiner Meinung nach, geradezu perfekt. Nach nur zwei Jahren Lernphase in Bulgarien und einem halben Jahr Studium in China, konnte sie sich mühelos mit unserem Fahrer unterhalten und ihn davon abhalten absurde Summen von uns abknüpfen zu wollen. Einige Tage später traf ich mich erneut mit ihr in Peking und wir spazierten durch die schmalen Gassen einer kleinen Kneipengegend am Fluss- und/oder Kanalufer. Auch sie würde einige Tage später nach Xian fahren und da Shanshan vermutlich zwecks Prüfungen zu Hause bleiben würde, entschied ich mich zumindest für die Stadt der Terrakotta-Armee Karina, das Mädchen aus Bulgarien, als Ersatz mit zu meinen Gastgebern zu nehmen.
Das Mädchen - rechts!!!
In der Zwischenzeit aber, als ich gerade im Begriff war, diese Entscheidung zu fällen, sprang die Maschine wieder an. Der Fahrer spuckte bedeutungsvoll auf den Boden, zog sein Hemd, wie man das hierzulande bei großer Hitze so macht, bis zur totalen Bauchfreiheit nach oben und fuhr ohne ein Wort zu sagen mit uns davon. Eine Stunde war es nur noch bis nach Peking und da wir uns während unserer unfreiwilligen Pause darauf geeinigt hatten, einige der landestypischen Köstlichkeiten zu probieren, zog es uns bei gelungener Ankunft natürlicherweise auf den Markt. Und was für Attraktionen es dort gab. Nirgendwo sonst kann man sich solcher Delikatessen, die scheinbar ausschließlich für die Touristen aufgetischt werden erfreuen. Und was war nicht alles darunter: noch am Spieße zappelnde Skorpione, Schlangenköpfe, Tausendfüßler, Käfer jeder Art, Kakerlaken, Schafspenisse, Maden, Hundesteaks, Schildkröten und kleine gebratene Mäuse. Ungewollt musste ich mich letzten Endes über die Skorpione hermachen. Auch das Schlangenfleisch war für mich noch akzeptabel, nur der Rest wollte einfach nicht in meinen Mund fallen. Was man bezüglich des Geschmacks sagen kann – eigentlich schmeckt alles ein wenig nach Kartoffelchips. Knusprig, leicht gesalzen, nur weniger kartoffelig. Warum man stattdessen also nicht gleich Kartoffelchips isst, dürfte eines der großen Rätsel der Chinatouristen sein, die sich hier in Massen auf das frittierte Ungeziefer stürzen. Ich für meinen Teil habe die so wunderbar widerlichen Unköstlichkeiten letztlich auch nur gegessen, weil sie mir Karina unbedingt vorsetzen musste. Männlichkeit stellt man ja heutzutage bekanntlich am besten damit unter Beweis, indem man knusprige Skorpione möglichst genussvoll herunterschlingt. Knack machte es einmal, als ich leidenschaftlich den Stachel des Spinnentiers abbiss. Zugegeben, der war gar nicht so schlecht. Als nächstes kam der Rumpf mit seinen kleinen wuseligen Beinchen dran. Die grieseligen Skorpioninnereien rundeten den Geschmack irgendwie ab und das kleine Skorpionköpfchen war ohnehin der Höhepunkt. In diesem Sinne zufrieden machte ich mich auf den Weg nach Hause, fand dort eine unbezahlte Stromrechnung an der Tür klemmend vor und wusste nun die Ursache der Wirkung, die ich bereits vorher leidlich in Erfahrung gebracht hatte. Meine Gastgeberin für ihren Teil, kam erst am nächsten Morgen wieder. Auf Dienstreise sei sie gewesen, ohne mir ein größeres Sterbenswörtchen davon zu sagen. Als Entschuldigung gingen wir am nächsten, meinem letzten Abend zu irgendeiner Geburtstagsparty und im Anschluss auf der Kneipenmeile pikante Schalentiere essen.
und da zappeln sie...die leckeren Skorpione
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen