Donnerstag, 15. Juli 2010

Indische Verhältnisse im Shanghai-Express

Zugegeben: auch Marlene Dietrichs „Shanghai-Express“ kam nicht gerade pünktlich in der Hafenstadt und Wirtschaftsmetropole an. Die damals in Anspielung auf die biblische Apokalypse als Hure des Ostens und Opiumsumpf bezeichnete Stadt sollte, in dem Film dargestellt, eher hart von den oppositionellen Truppen im chinesischen Bürgerkrieg belagert sein – der Zug ebenso. Mein Wagen dagegen musste sich solcher Gefahren nicht ausgesetzt wissen – dafür war die Strecke von Xi’an nach Shanghai vollkommen überbucht und unverhältnismäßig lang. Indische Verhältnisse: bereits als ich den Waggon betreten wollte, war mir klar, dass die Fahrt eine einzige Horroraktion wird. Wer nämlich keinen Sitzplatz mehr reservieren kann, muss stehen – was angesichts der Bevölkerungszahl Chinas mehr Passagiere machen als Sitzplätze da sind. Zwar ist es nicht ganz so schlimm, wie man sich die indischen Züge, an deren Fenstern und Türen sich je zwei Mitfahrer festklammern, vorstellt, in den Waggon aber überhaupt erst einmal hineinzukommen, ist schier unmöglich. Hier kommt den Chinesen jedoch die Tradition des Drückens, Schubsens und Schiebens zu Hilfe. Es wird einfach solange gestoßen bis alle tiertransportartig im Waggon eingepfercht sind. Kompakt gestapelt steht man dann so da – eine Stunde, zwei Stunden, spätestens nach drei Stunden versucht man zu sitzen. Das geht natürlich nur auf dem Boden oder auf mitgebrachten Klapphockern und Taschen. Insofern kein Problem. Auch das geht noch. Selbst zwanzig Stunden übersteht man so, wenn man sich in einen langen, tiefen, die Tatsachen ignorierenden Schlaf rettet. Aber jetzt kommt’s. An Foltermethoden wohlerfahren, setzen die Staatlichen Eisenbahnen der Volksrepublik auf konsequenten Schlafentzug. Cleverer Weise möchte man schließlich selbst nachts um 3 Uhr noch etwas verkaufen und weckt dafür das gesamte Abteil auf. Mit stählernen Servicewägen rollen sie aller zehn Minuten durch den gesamten Waggon, bieten für den Kommunismus so ungewohnte Südfrüchte, Essen, Spielzeuge, Taschenlampen für was weiß ich für was man die brauchen soll, sonstige technische Geräte und immer wieder Essen, Essen, Essen an. Kurzum, gerade abgenickt, muss man wieder aufnicken. Aller zehn Minuten geht ein gemeinschaftliches Seufzen durch den gesamten Raum, einer tippt den anderen an, alle stehen auf und lassen das Restaurantpersonal mit ihren Schubkarren durch. Und obwohl sie alle genervt sind und Tonnen an Essen unter ihren Sitzen gebunkert haben – die chinesischen Fahrgäste kaufen auch noch was. Man muss sich wirklich an den Kopf fassen. Kaum nach zehn Minuten aufgewacht, geht es wieder ans hemmungslose Fressen. Das macht man in chinesischen Zügen andauernd. Ist ein Instantnudeltopf geleert, kommt der nächste dran. Zwischendurch: Obst, getrocknetes Fleisch, konserviertes Irgendwas, das nach Fleisch riecht aber kein Fleisch ist, sonstige kulinarische Absonderlichkeiten und ein Liter Tee zum Nachspülen. Anschließend wird noch einmal kräftig auf den Boden gespuckt und alles wieder von vorn bis die Zwanzigstundentortur vorüber ist.

Aber um fair zu sein, ich musste ja gar keine zwanzig Stunden stehend verbringen. Schon nach achtzehn Stunden wurde ein Sitzplatz frei und ich konnte die gesamte Strecke von Nanjing nach Shanghai gemütlich dahindämmern – was allem Anschein nicht ausreichend war: in Shanghai angekommen ging der gesamte Tag für ein tiefgreifendes Schlaferlebnis drauf. Sightseeing, Visumsantrag für Vietnam…Fehlanzeige. Nur die bittere Gewissheit, dass ich drei Tage länger als geplant in der größten chinesischen Stadt bleiben müsste, weil Visum zu spät beantragt.


Indische Verhältnisse - und das ist nicht einmal der überfüllteste Zustand


Die nervigen Servicewägen kommen aller zehn Minuten durch den Waggon

1 Kommentar:

  1. Nett zu lesen, wie immer!
    Viel Spaß im nächsten Land! ;)
    Jens

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