Mittwoch, 28. Juli 2010

Absolute Banalitäten

Die chinesische Kultur bietet ja so allerhand Überraschungen. Gerade im Alltag gibt es hunderte Kleinigkeiten, über die man sich einfach nur wundern kann und anstatt sie alle einzeln aufzuführen – was man in ellenlangen Artikeln natürlich machen könnte und eigentlich auch sollte – fasse ich mal die wichtigsten Banalitäten hier zusammen. Und sie fangen ganz klar an mit…

...bauchfreien Männern

Das ist eine Eigenheit, die mir wirklich nicht in den Kopf kommen will und einem sofort auffällt wenn man in ein vor Hitze und Smog kochendes China fährt. Gut, mag man meinen, wer’s tragen kann…aber grundsätzlich schieben alle Chinesen ihre T-Shirts bei großer Hitze über den Bauchnabel, klemmen den hochgerollten Stoff lässig unter die Arme und tragen dann ihre gigantischen Wampen zur Schau. Allem Anschein nach trägt das zur Luftzirkulation bei heißem Wetter bei. Und natürlich habe ich es mir nicht nehmen lassen, diese sonderbare Angewohnheit probehalber nachzuahmen. Fakt ist: Luft kommt an den Bauch. Warum aber nicht gleich die gesamte Oberbekleidung ablegen!?! Vielleicht weil es einfach zu cool ist, sein Hemd schlichtweg hochzuschieben und einfach mal Bauch zu zeigen. Diese Einstellung tragen die Chinesen zumindest in ihren Gesichtern, während ihre Taillen freiliegen. In Wirklichkeit sieht es natürlich vollkommen uncool aus, aber die Art und Weise, wie sie auf diese unübersehbare Tatsache pfeifen, macht es fast schon wieder cool. Weniger cool ist…


und hier hätten wir schon ein gutes Beispiel

…das Spucken

Während es in dezentem Ausmaß unter europäischen Jugendlichen ja noch trendy zu sein scheint, ist es in China Volkssport Nummer 1. Und wir sprechen hier nicht über ganz gewöhnliches Spucken, wie man es eben so macht, wenn man diesen unbedingten Drang dazu verspürt. In China gibt es keine décence: In einer unfassbar ignoranten Beiläufigkeit werden Töne und Speichelklumpen produziert, die an Widerwärtigkeit alles übertreffen, einen plötzlich in unerwarteten Situationen zusammenzucken lassen und letzten Endes auf den gewienerten Böden von Zugabteilen, Restaurants und anderen öffentlichen Einrichtungen landen. Die Chinesen spucken angeblich so viel, um gesund zu bleiben – es sei das Geheimnis ihrer langen Lebenserwartung: das vor fett triefende Essen kann es jedenfalls nicht sein. Entsprechend muss man umso kräftiger spucken. Und dafür ist es einfach unabdingbar den ganzen Rotz lautstark aus Hals und Nase in den Rachen befördern und das dabei entstehende Geräusch geradezu als Ansage für alle Mitmenschen verwenden, was diesen wiederum wenigstens die Chance gibt in Deckung zu gehen. Das machen aber nur Europäer. Chinesen stören sich an dem Ritual ganz und gar nicht – und wenn direkt auf ihre Füße gespuckt wird. Dann verreibt man es eben routiniert und die betroffene Stelle glänzt dafür umso mehr. Oh man, und ich dachte, Singapur wäre irgendwie ein bisschen komisch, als ich gehört habe, dass Spucken verboten ist und mit einem saftigen Bußgeld bestraft wird. Wenn dort genauso viele spuckende Chinesen herumlaufen, wie in China, dann ist das Gesetz absolut notwendig. Andernfalls würden die wohl noch von ihrer eigenen Speichelflüssigkeit flutgefährdet sein. Oder man stelle sich nur mal vor, dass man an der Ampel stünde, auf einem Speichelsee ausrutscht und direkt auf die Fahrbahn geschleudert wird. Im…


Verbotsschilder gibt es immerhin - dem Volkssport kommt man dennoch nicht bei

…chinesischen Verkehr

würde dann Folgendes passieren: Auto gibt noch mehr Gas, um dem am Boden liegenden Fußgänger mit Nachdruck zu signalisieren, dass er sich schnellstmöglich von der Straße machen soll und alles endet naturgemäß in der Massenkarambolage. Verkehr in China ist schließlich rücksichtsloser und gefährlicher als irgendwo anders in der Welt. Und nein, nicht einmal Russland reicht da heran. Selbst da halten die Autos an roten Ampeln oder weichen Fußgängern aus. Wer in China bei grünem Lichtsignal auf die Straße geht, muss trotzdem aufpassen. Selbst dann kommen sie angerast und wollen abbiegen und hupen einen noch von der Fahrbahn, wenn man sie überqueren will. Auf die europäische Fußgängerdreistigkeit, die den nicht-motorisierten Verkehrsteilnehmer einen Freibrief für alles einräumt, sollte man sich in China wirklich nicht berufen. Das geht grundsätzlich tödlich aus. Aber selbst wenn man sich selber in einem Fahrzeug befindet, hat man keine Ruhe vor den Gefahren des chinesischen Verkehrs. In…


Verkehr in China ist gefährlich

…Metro und Bus

geht der ganze Stress weiter. Nun stelle man sich einmal vor, dass Millionenstädte wie Xian nicht einmal eine U-Bahn haben und Shanghai gerade einmal eine Handvoll Linien unter der Erde betreibt. Die sind zwar supermodern, aber logischerweise maßlos überfüllt. Gut, gut, dafür können ja die Passagiere nichts. Für Gedränge und Schubsen aber schon. Das ist ebenfalls ein wahrer Volkssport, der gleich früh morgens auf dem Weg zur Arbeit und abends auf dem Weg nach Hause betrieben wird. Eigentlich ist es fast genauso wie beim American Football. Die Einsteigenden Fahrgäste sammeln sich traubenartig vor den Türen der Metrowaggons und begeben sich in eine kraftvolle Startposition. Etwas geduckt laufen sie sobald das Signal der Türöffner ertönt los und versuchen mit ihren Ellenbögen so viele aussteigende Fahrgäste wie möglich zu treffen. Im Bus ist das quasi das gleiche, nur das dort noch mehr um die freien Plätze gerannt wird – die Hardcorevariante der Reise nach Jerusalem ohne Musik sozusagen. Ja, was für europäische Ohren eher peinlich klingt, ist in China Standard: man rennt wirklich, drückt und schiebt und das nur, um sitzen zu können. Ein absolut lächerliches Ritual, was in den absolut lächerlich überfüllten Bussen wahrscheinlich noch eher Sinn macht. Selbst wenn kein Mensch mehr in das Gefährt passt, werden die Leute immer noch hineingeschoben. Ich für meinen Teil habe mir diese Stopfszenen in Xian ganz gemütlich hühnerartig auf einer Haltestange sitzend angeschaut. Und, auch das möchte ich stolz berichten, ich habe es geschafft während der schaukligen Fahrt eine ganze Standardportion Reis mit Stäbchen zu essen. Andererseits würde das auch jeder Chinese hinbekommen…


Und da ist er...aus dem Fenster hängend, weil der Bus so voll ist


Menschenmassen in der Metro

…dem Fresswahn

sind sie hier nämlich scheinbar alle verfallen. Zumindest wenn sie sich in öffentlichen Verkehrsmitteln und vor allen Dingen im Zug befinden. Zunächst wundert man sich ja einfach nur, wie viele Koffer, Beutel und Pakete sie auf die Fahrt mitnehmen und denkt sich nur, dass sie irgendwas Wichtiges transportieren müssen: Geschäfte und so. In Wirklichkeit verlassen sie den Zug aber letztlich nur mit einem leichten Gepäckstück. Der Rest diente nur als Tarnung und Verpackung der Unmengen an Essen. Den meisten Platz nehmen natürlich die Instantnudelsuppen weg. Ohne Frage in einem Packungsformat, dass alle europäischen Maßstäbe vollkommen in Frage stellt. Diese riesigen Papptöpfe werden fast minütlich durch den Waggon getragen, mit heißem Wasser aufgefüllt und dann genussvoll weggeschlürft. Anschließend landen alle Abfälle auf dem Boden und der ganze Spaß fängt von vorn an. Wo wir aber gerade beim…


Der berüchtigte Nudeltopf

…Schlürfen

waren. Ich sag mal so, man gewöhnt sich daran. Und Asiaten scheinen es regelrecht aus Höflichkeit zu praktizieren. Wenn ein Ausländer in der Nähe ist, scheinen sie sogar noch lauter als sonst zu schlürfen, um ihm das Höchstmaß an Respekt entgegenzubringen. Ich für meinen Teil fühle mich dann mehr als geehrt, nur kann ich diesen Respekt beim besten Willen nicht zurückgeben. So sehr ich es versuche: ich leide unter der ultimativen Schlürfblockade und halte mich dann auch noch für kultiviert, wenn ich meine Nudelsuppe geräuschlos verspeise. Das ist natürlich alles andere als kultiviert, nur dass man darüber wohlwollend hinwegsieht. In Europa würde man sich dagegen schockiert aufrichten, wenn man irgendjemanden auf diese unfassbar laute Weise essen sehen/hören würde. Wenigstens kann man bei…


Schlürfer in Aktion

…Erbseneis und anderen kulinarischen Verfehlungen

nur wenig in die Schlürfbredouillie kommen. Dafür wird man manchmal mit ganz unerwarteten Aroma konfrontiert. Klar, Geschmack ist Ansichtssache. Ab und zu überraschen einen in China aber ganz gewagte Kombinationen. Als Faustregel kann man sagen, dass alles, von dem man denkt, dass es süß schmeckt, auf jeden Fall herzhaft und alles was herzhaft aussieht auf jeden Fall süß ist. Beispiele: eines Tages gehe ich durch die Straßen von Peking. Brütende Hitze und ich auf dem Weg zum Tiananmen. Quasi jeder auf der Straße ist Eis und ich will das natürlich auch. Nur logisch, dass man in den nächsten Laden geht, sich irgendetwas Zusagendes aussucht und genüsslich drauf los isst. Mir ist nach Apfelgeschmack oder irgendetwas Fruchtig-Grünem zumute. Doch beim ersten Biss das Entsetzen. Was um Himmels Willen ist das denn, denke ich mir, jetzt selber geräuschvoll auf den Boden spuckend. Ich betrachte mir noch einmal die Verpackung…lauter kleine grüne Kügelchen auf der Hülle. Sind das etwa Erbsen? Oh man, wie kann man nur. Um fair zu sein, es schmeckt gar nicht soooo schlecht, aber wer das Gegenteil erwartet, hat irgendwie keinen Spaß daran. Andere Beispiele gibt es in Mengen. Vor Zuckerguss glänzende süße Brötchen entpuppen sich bisweilen als fleischig gefüllt – da beißt man rein, schaut entsetzt auf und denkt sich so, dass das also der Semmel Kern war. Was nach Kokoskuchen ausschaut, ist zumeist eine profane Pressung von gekochtem Reis. Man bekommt also fast immer etwas anderes als das, wofür man bezahlt. Immerhin wird es dadurch nicht langweilig. Ebenso nicht-langweilig scheint das Straßenleben in China zu sein. Da…


Schön grün aber kein Apfelgeschmack


...das Etikette hätte es aber auch vermuten lassen können

…singen und tanzen die Chinesen doch tatsächlich in der Öffentlichkeit

und das nahezu die ganze Zeit. Am Abend sind ganze Plätze und Fußwege mit Tanzgruppen jeder Altersklasse gefüllt. Überall wird nach Anweisung fast synchron getanzt. In Diskotheken geht man diesbezüglich allem Anschein nach nicht – nun ja, wer will es ihnen verdenken: mein Clubbesuch in Nanjing hat mir die Augen bezüglich asiatischer Musik geöffnet. Dabei hätte mir schon eher ein Licht aufgehen sollen. Die bekannten Lieder werden ja die ganze Zeit und überall gesummt und gesungen. Diese Situation kommt immer wieder vor. Man sitzt irgendwo, alles ist still oder jeder ist mit irgendetwas beschäftigt – plötzlich eine Gesangsstimme. Irgendein chinesisches Lied wird in unbekannten Melodien aus dem Nichts heraus dargeboten, dann abgebrochen und irgendwann fängt der nächste an zu singen. Und keinen stört’s. Es stört ja auch nicht, aber es scheint ja nicht einmal irgendjemand zu bemerken. Spontanes Lossingen ist in China genauso normal, wie das Tragen von…


Tanzvergnügen

…Sonnenschirmen im Sommer

Ja, welchen Sinn das wohl wieder macht. Gerade an den sonnigeren Tagen sieht man eine ganze Schar von Mädchen mit ausladenden Schirmen herumstolzieren. Okay, diesen Trend gab es ja in Europa auch mal: Hauptsache blass. In China fühlt man sich diesbezüglich ein wenig in die frühe Neuzeit zurückversetzt. Blass ist so etwas von in, das jedes Mädchen an jedem sonnigen Tag lieber im Schatten stehen möchte, als sich leidenschaftlich in der warmen Sonne zu räkeln. Und so sind die Straßen auch wenn es nicht regnet voll mit Schirmen. Weiße Haut um jeden Preis heißt die Devise. Selbst Weißcreme gibt es zu verkaufen, mit der sich die Mädchen fast bis zur Transparenz blass schminken. Dabei würden doch einfache Bleichverfahren schon ausreichen. Michael Jackson hat es vorgemacht. Wer die Anzahl der chinesischen Schirmträgerinnen übrigens an einer Hand abzählen möchte, kommt in China nicht nur wegen der Menge in Probleme…


Mädchen mit Sonnenschirmen

…die Finger werden für Zahlen vollkommen anders verwendet

Nein, es macht für Chinesen keinen Sinn, dass ein Finger eine Eins, drei Finger dementsprechend eine Drei und sechs Finger eine Sechs sind. Warum auch. Bei den ersten fünf Ziffern hat man mit Glück vielleicht noch ganz gute Karten, doch schon bei der Drei gibt es Probleme, wenn man Daumen und Zeigefinger nicht gleichzeitig zum Kreis formt. Ich schaue mir das Zeichen dann beim Taxifahrer an und denke mir: oh, gut…Gratisfahrt. Ist ja ne Null. Aber in Wirklichkeit schweben drei weitere Finger vollkommen unauffällig neben dem Kringel. Es kommt halt darauf an, wie man den Fokus setzt. Alles, was die Fünf übersteigt, übersteigt aber auch gleichzeitig jeden handfesten Zusammenhang zur Zahl an sich. Für die Sechs nutzt man eine Art Telefonhörer bzw. das internationale Lass-uns-einen-trinken-Zeichen. Die Sieben ist eine lediglich zum Kegel geformte Hand und die Acht…ja, ohne jede Logik halt: sieht aus wie ne Pistole. Erst bei der Neun macht alles irgendwie wieder Sinn. Die sieht nämlich wie eine figurale Nachbildung der Zahl selber aus. Die Zehn ist dann wieder unlogisch: Faust oder gekreuzte Zeigefinger. Eins von beiden. Und wenn man das nicht weiß, hat man in China einen gigantischen Nachteil.


Chinesisches Fingerzählsystem

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