Montag, 5. Juli 2010

Die Teefalle - Scamming the Scammers

China, zumindest das urbane China ist erstaunlich modern. Natürlich ist das längst kein Kommunismus mehr, was die hier machen…das ist es wahrscheinlich schon seit Deng Xiaoping nicht mehr, aber gerade hierin liegt der Grund dafür, dass man in China in hochmodernen Luxuszügen sitzen kann, durch strahlend moderne Universitätsgebäude stolziert und dort in blank gewienerten Marmormensen zum Preis von 25 Cent pro Portion isst. Nach fast einem Jahr in Moskau frage ich mich nun wirklich – warum geht das in Russland nicht? Auch wenn Russen China gerne als rückständig sehen, ist vieles, zumindest an der Oberfläche weitaus eleganter und zeitgemäßer gelöst. Die U-Bahn scheint keine fünf Jahre alt zu sein: Züge wie Stationen sind modern ohne Ende. In Russland rollen dagegen Waggons, die problemlos aus den 80er Jahren stammen dürften. Marmor gibt es in der Moskauer Metro auch. Dem sieht man aber seine 75 Jahre an – im März hatte der Moskovskij Metropoliten Geburtstag. Immerhin ist die Moskauer Metro effektiver als jedes andere urbane Transportmittel auf dieser Erde. Im Minutentakt rasen die Waggons durch die historischen Tunnel. Das schafft nicht einmal Peking. Dass sich aber in China selbst eine Provinzuniversität, wie die von Harbin, in besserem Zustand befindet als die Moskauer Staatliche Universität als Aushängeschild der Russischen Föderation, ist doch eine Überraschung. Ich hab die Wohnheimzimmer zwar nicht mit eigenen Augen, sondern nur auf Fotos gesehen, aber zu unseren kleinen Kammern an der MGU – kein Vergleich. Und bisher ist wohlgemerkt nur von der chinesischen Provinz die Rede. Man will gar nicht wissen, wie gut dann dementsprechend die Pekinger Universität ausgestattet sein muss. Die Züge, zumindest die schnelleren, düsen mit 300 Km/h über die Gleise, sind gut klimatisiert und auch ansonsten gemütlich. Klar, in russischen Zügen, kann man auch gut schlafen, aber mal ehrlich: für denselben Preis bekommt man in China viel mehr geboten.

Die Chinesen selber scheinen diesen Luxus gar nicht schätzen zu wissen: in der Sitzreihe neben mir befindet sich eine alte Frau – 70+. Und was macht sie…sie widmet sich einer kulturellen Angewohnheit, die unter Europäern eher für Naserümpfen und Unverständnis sorgt. Lauten Tones, fast so posaunenartig, wie sich Pawel Iwanowitsch Tschitschikow in Gogols Toten Seelen schnäuzt, zieht sie einen großen Nasenschleimklumpen in den Rachen, manövriert ihn dann ebenso geräuschvoll in den Mund und spuckt ihn mit allergrößter Widerwärtigkeit auf den Boden. Dann verreibt sie den Brei mit ihren Schuhen gekonnt auf dem Laminat. Das glänzt jetzt zwar, aber…Moment…vielleicht ist das ja des Rätsels Lösung. Deswegen glänzen die Fußböden in den öffentlichen Gebäuden von China immer so. Die Regierung hält ihre Staatsbürger einfach dazu an, das Volkseigentum mit ihrer volkseigenen Spucke blank zu polieren. Tja, da können die Russen noch etwas von den Chinesen lernen. Hier funktioniert das kommunistische Aktivbürgertum noch. Ich für meine Begriffe stehe dieser Form von Volksbeteiligung mit offenem Mund und konsterniert gegenüber…aber, aber, aber…will ich sagen…man kann doch nicht. Doch bevor ich mich überhaupt zu Wort melden kann, kommen wir schon in Peking an: Machtzentrum, Hauptquartier der kommunistischen Partei, einstige Kaiserstadt – doch die ersten, denen ich mich widmen muss, sind wie immer die Taxifahrer.

Die Metro war natürlich schon fest verschlossen und so musste ich wieder einen dieser kleinen Betrüger um Hilfe bitten. SCAM!!! Seit langem habe ich mir zwar schon vor genommen die Scammer zurückzuscammen, doch irgendwie klappt das nie. Ihr Einstiegsangebot für eine poplige Strecke von 10 Kilometern liegt schon fast natürlicherweise bei 200 Yuan – 25 Euro. Lächerlich. Sofort nenne ich die 20 Yuan, die ich bereit bin zu zahlen, was auf ein seltsames Unverständnis stößt. Und am Ende fahren sie ja doch für den Preis. Wozu also der ganze Aufwand. Wahrscheinlich falls doch mal irgendjemand auf den Betrug hineinfällt – und das werden nicht wenige sein. Die Betrugsserie, der ich mich in Peking ausgesetzt fühle, steigert sich aber noch. Die üblichen Marktgeschichten sind quasi nur der Anfang. Für vollkommenen Schrott wollen die Leute 120 Yuan haben – selbst für Postkarten, die man sogar im Tourigeschäft des Kaiserpalastes für 15 Yuan bekommt (und das dürfte nicht das denkbar günstigste Geschäft sein). Angesichts dessen, sind 120 Yuan schon absolute Dreistigkeit. Wenn man dann 10 Yuan oder weniger in ihre Taschenrechner eingibt, lächeln sie nur verlegen, weil sie wissen, dass man sie enttarnt hat. Trotzdem geht das Spiel weiter und man muss noch 30mal Nein sagen und sich drei Mal umdrehen, um endlich einen normalen Preis zu ergattern – und selbst der ist wahrscheinlich über Wert.

Der Höhepunkt der Scammer kommt aber noch. Und das war ein gewaltiger, den ich eigentlich hätte voraussehen können – doch Unbedachtheit und Langeweile trieben mich irgendwie dazu, dass Spielchen mitzuspielen. Man stelle sich diese Szene vor: ein Ausländer schleicht um den Tiananmen, auf einmal zwei Mädchen, die Hallo sagen und fragen ob man Englisch kann. Von Anfang an war mir klar, dass da etwas nicht stimmt, doch irgendwie interessierte mich, was genau. Ich komme mit den beiden also ins Gespräch, sie seien aus Harbin und Businessstudentinnen – sagen sie. Im Business kennen sie sich auf jeden Fall aus. Zumindest in dem ihren. Hände in den Taschen, alle Wertgegenstände gut geschützt habe ich natürlich nichts dagegen, dass sie mich ein Stückchen begleiten. Zweifel kommen auf – wirklich Scam oder nur Touristen? Bisher versuchen sie mich in keinster Weise über den Tisch zu ziehen und wir laufen immerhin schon fast eine halbe Stunde durch die Gegend. Bis dahin alles gut, doch nun mein Fehler. In der Annahme, ich würde mir ja sowieso nur das billigste Getränk für mich selber bestellen, schreiten wir in die scheinbar nächstbeste Teestube hinein. Und ich sag noch, 30-Yuan-Tee und sie bestellen ganze Kannen. Das Desaster war perfekt. Natürlich kostet das letzten Endes 65 Euro und ich, der neuen Währung noch nicht ganz bewusst, lege ein Viertel dessen auf den Tisch: 100 Yuan. Ist ja eh nur 1 Euro denke ich, doch dann der innere Schreck – verdammt, das ist das Dreizehnfache und die wollen, da sie ja selber nicht so viel mit haben noch mehr. Wahhhhh…warum in aller Welt konnte ich nicht gleich sagen, dass nur 30 Yuan in meinem Portmonee sind. Wahhhhhh. Ausweg…Ausweg…wo ist der Ausweg. Wir sitzen in einer dieser dämlichen Teekabinen, das Zeremoniell war recht nett, doch längst nicht diesen Preis wert. Das Teemädchen wartet…die Scammädchen auch, denn sie haben angeblich nur 200 Yuan. Der Klassiker muss her – die Toilette. Das gute an den Kabinen ist, dass man hinausgehen kann, die Tür hinter sich zu macht und draußen keiner merkt, ob man bezahlt hat oder nicht. Während man sich also dem ultimativen Ausgang nähert, denken die Betrüger in der Teekabine, dass ich nochmal wiederkomme. Die Betrüger draußen nehmen an, dass ich die Rechnung schon beglichen habe. In Wirklichkeit aber bin ich auf und davon. Trotzdem, 100 Yuan für nichts verprasst – und das passiert mir…dem Meister im Erschleichen kostenloser Dienstleistungen. Ne, das war echt nicht mein Tag. Wenigstens ist die Sache noch halbwegs glimpflich ausgegangen.

Auf dem Heimweg promeniere ich auf einer der Touristen anziehenden Shoppingmeilen von Peking. Und als ich da so laufe und laufe höre ich auf einmal schon wieder: „Hello, Mister. Do you speak English?“ Ich bleib stehen und frag was die beiden Mädchen am Wegesrand wollen. Sie sagen, dass sie nicht aus der Hauptstadt, sondern aus der nordöstlichen Provinz seien. Oh, was für ein Zufall sage ich, aus Harbin etwa? Voll ins Schwarze getroffen: aus Harbin. Und studiert ihr denn etwa auch Business-Englisch? Ja, genau das studieren sie auch. Und wollt ihr denn irgendwo was trinken gehen? Oh, na logo! Ich lehne ab und ärgere mich anschließend darüber. Die Scammer sind eigentlich selber so naiv. Nächstes Mal gehe ich wieder mit, bestelle Unmengen an Essen und Getränken und lasse sie dann mit der kompletten Rechnung sitzen. Scamming the Scammers! Warum ich übrigens so unachtsam war, hatte noch eine andere Bewandtnis. Gerade als ich den Abschnitt über Scams in Peking auf Wikitravel lesen wollte, ging die Batterie des Netbooks flöten. Als ich zu Hause ankam, war der Akku wieder komplett geladen. Aus reinem Interesse scrollte ich wieder auf den Scamartikel und da hatten wir es – in detailliertester Beschreibung. Ich war in eine klassische Pekinger Teefalle geraten. Nicht nur ich. Als wir einige Tage später zur Großen Mauer aufbrachen, konnte ich mit einigen Reisenden Erfahrungen austauschen. Ich saß auf der hinteren Sitzbank mit einem Deutschen und einem Kanadier zusammen. Dieselben Geschichten. Exakt dieselben.


Die Teefalle


Besagtes Teehaus

1 Kommentar:

  1. Schön geschrieben, mach weiter so!
    Gruß aus Berlin,
    Jens

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