Mittwoch, 21. Juli 2010

Je t'embrasse

Nanjing liegt eigentlich gar nicht so weit von Shanghai entfernt und einmal das vietnamesische Visum in der Tasche stürmte ich regelrecht zu dem Zug, der mich in die einstige Republikhauptstadt bringen sollte. Ort der Revolution, Sturz der Quing-Dynastie, Ende der chinesischen Kaiser – Massaker. Und zwar ein japanisches. Das aber kam erst 30 Jahre später. So gesehen war mein Zielort mehr als historisch und das wiederum Grund dafür dorthin zu fahren. Alle umliegenden Kleinstädte auslassend stieg ich die hohen Stufen in den Waggon hinein. Wieder ein Zug, wieder hemmungslos überfüllt, doch diesmal wehre ich mich gegen das Tiertransportartige an der chinesischen Eisenbahn. Ich stelle mich trotzig ins Schlafabteil, werde zunächst vorsichtig zurückgewiesen, dann mit Nachdruck – und das in jedem Waggon. Bleibt die Küche. Klar, dass die mich auch nicht wollen, doch ich stelle auf Durchzug. Ein brüllender Koch versucht mich eine halbe Stunde lang zu vertreiben, doch egal, Widerstand, Resistance…am Ende liege ich auf der Küchenpritsche, die wohl gleichzeitig die Arbeitsfläche ist und dämmere bis zu unserer Ankunft dahin. Und die geschieht wie selbstverständlich bei Nacht. Taxifahrer – das Übliche und vom Motorradfieber erfasst nehme ich natürlich die nächste Maschine in Richtung Stadtzentrum. An einer einsamen Straßenkreuzung werde ich herausgelassen. Zwei/drei chinesische Autos rasen vorüber – sonst nichts. Augenscheinlich konspirativ sitze ich im leichten Nieselregen herum und warte auf das Auftauchen einer Person: Studentin, geboren in Xian, 22 Jahre alt. Nach einer halben Stunde taucht auf einem klapprigen Damenfahrrad eine weibliche Gestalt am Horizont auf, welche alles in allem genau auf die Beschreibung passt. Sie führt mich in irgendeinen dunklen Hinterhof – es wird immer konspirativer. Jetzt ein dunkles Treppenhaus, dann eine Wohnung – ihre alte Wohnung. Schließlich geht sie – wiederum in ihre neue – und mir bleibt die freie Auswahl zwischen Matratze, Bett oder Bürostuhl.
Ich entscheide mich für den Stuhl, denn dort befindet sich ein Computer. Informationen werden benötigt. Irgendwas muss ich ja in Nanjing machen. Museumsbesuche sind in Planung – aus den meisten wird jedoch nichts werden. Immerhin schaffe ich es am nächsten Morgen, der verdächtig nach Nachmittag aussieht, zum Präsidentenpalast zu gehen, der ebenso verdächtigerweise schon geschlossen ist. Und auch am Memorial zum Nanjing-Massakers keine Warteschlangen mehr. Alle sind nach Hause gegangen. Nichts anderes bleibt auch mir übrig und mit einer seltsamen Logik sitze ich bereits zwei Stunden später in irgendeiner Bar im Universitätsviertel von Nanjing und warte erneut auf diese Person. Mit Verspätung kommt sie – und nicht nur mit Verspätung: im Schlepptau hat sie eine ganze Gruppe von Menschen, die sich hier in Nanjing mit irgendetwas beschäftigen. Studenten, Lehrer, Arbeiter, die mir alle Empfehlungen über die Stadt aussprechen. Da und dort müsse ich hingehen. Ein Deutscher und eine Amerikanerin haben während des Nanjing-Massakers so und so viele Leute gerettet, sagt mir ein Australier, bei einem Glas formaldehydverseuchten Biers. Nur eine Person stellt sich als wirklich interessant und hilfreich dar: ein Mädchen am anderen Ende des Tisches spricht erstaunlich gut Englisch. Warum frage ich mich und sie antwortet mir auf Französisch, dass sie in Paris wohnt. Pourquoi frage ich dieses Mal auf Französisch und sie antwortet mir auf Englisch, dass sie an der Sorbonne irgendetwas mit Literatur studiere. Französische Literatur? Nein, nur Literatur. Aber in Paris läuft das wohl letzten Endes ohnehin auf das Gleiche hinaus. Gibt es denn irgendeine andere Literatur neben Balzac und Moliere? Unwahrscheinlich, denkt man sich an der Sorbonne.

Bis zum Morgen bleiben wir in der Kneipe bzw. vor ihr an einer kleinen Imbissbude sitzen. Weitgehend sinnlose Gespräche ergeben sich und alles endet in einer kleinen, leergefegten Nudelbar zehn Meter weiter. Mit ihrer Telefonnummer in der Tasche geh ich schlafen. Ihr Angebot: Stadtführung – und darauf geh ich gerne ein. Zwar schaffe ich es immer noch nicht zu irgendwelchen Museen, aber immerhin besteigen wir gemeinsam den erstaunlich bergartigen lila Hügel, wie sich der Hausfelsen von Nanjing nennt. Auf dem befindet sich auch das Heiligtum der Republik China: Dr. Sun Yat-sens Mausoleum. Der Mensch war erster Präsident des republikanischen Chinas und hat jahrelang in der Stadt residiert. Doch auch hier geh ich nicht rein. Ich folge dem Mädchen bis auf den Gipfel des Berges, wir schauen herab und kokettieren mit unserem Französisch: die Stadt in Smog gehüllt und trotzdem wunderschön – c’est incredible. Und nun den ganzen Weg auch noch zurück – arriere. Den Photos nach zu urteilen eine eindrucksvolle Wanderung auf jeden Fall, die mit der Entscheidung endet, direkt in den nächsten Nachtclub zu fahren. Endlich feiern auf Chinesisch – das heißt: ein Bier irgendwo trinken und dann sturzbetrunken nach Hause zu straucheln. Als Beobachter der asiatischen Alkoholnichtresistenz ein herrliches Schauspiel. Eingerahmt in furchtbarste Popmusik vom Schlage eines Rain (koreanischer K-Pop-Sänger, der asienweit beliebt ist und schreckliche Lieder produziert), die man sonst nur 14jährigen vorsetzt, macht eine Horde chinesischer Jugendlicher seltsame Bewegungen auf der Tanzfläche. Wäre das Bier nicht so teuer gewesen – man muss ja auch für die Qualitätsmusik bezahlen – wäre ich noch weitaus länger geblieben. Angesichts der Preise aber, mussten wir am Kiosk weitertrinken. Stunden vergehen und verschwimmen. Immer mehr französische Begriffe schwirren mir durch den Kopf…je suis allemande, j’adore, j’habit. Verben sammeln sich wahllos in meinen Gedanken und was mir nicht einfällt, ergänzt das Mädchen routiniert. Gegen 2 steigen wir ins nächste Taxi, ich lerne den Satz „je t’embrasse“ und zum Frühstück gibt es 1A Koreanisch.


Blick auf Nanjing


Blick auf Nanjing


Bis heute ist der Gipfel des Hausberges von Nanjing militärisches Sperrgebiet - für den Fall das die Japaner zurückkommen


Eine etwas wacklige Seilbahn ins Tal


Das meine ich furchtbarer Popmusik vom Schlage eines Bi Rain...gibt noch viel mehr davon. Den aller schlimmsten Clip, in dem er als Engel verkleidet Bailando singt, habe ich leider nicht gefunden. Ich musste ihn mir aber drei Stunden lang auf einer Busfahrt anschauen. Übrigens darf ich mich stolzer Kleindarsteller im Zusammenhang mit Bi Rains Film Ninja Assassin nennen. Auf einem reich belebten Markt in Istanbul, der eigentlich in einer Berliner Kirche nachgebaut wurde, flüchtet er vor seinen brutalen Verfolgern. Ich habe die Aufgabe irgendwelche Süßspeisen auf dem Basar zu essen und renne dann direkt in Bi Rain hinein, der mich in seiner Todesangst zur Seite schiebt. Blöd nur das die Szene herausgeschnitten wurde.

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