Sonntag, 11. Juli 2010

Von konservativen Großmüttern, Moslems und Tonsoldaten

Nach Xi’an zu fahren, anstatt an der Küste zu bleiben, sich in der einst deutschen Bierbrauerstadt Quingdao am Strand zu sonnen und in kurzen Etappen nach Shanghai zu gelangen, hatte gewisse Gründe. Allen voran natürlich den, dass ich erst kurz zuvor einen Artikel über das angeblich so spektakuläre Weltkulturerbe Terrakotta-Armee geschrieben hatte und mir davon angestachelt, die Tonmänner selbst ansehen wollte. Das Wörtchen „angeblich“ dürfte aber schon andeuten, wie der Besuch der riesigen Grabungsstätte wirklich war – eher enttäuschend. Zweitens aber ist China ja längst nicht nur Küste. Zwar ist Xi’an auch noch nicht das absolute Zentrum des Landes, aber immerhin der Beginn der Seidenstraße, neben Ürümqi eines der muslimischen Zentren und – na kulturell halt etwas anders gewickelt wenn man so will. Man kann sicherlich daran zweifeln, ob der kurze Ausflug wirklich 150 Yuan und fünfzehn Stunden Fahrt Wert war, aber einmal im Zug sitzend, gab es sowieso kein Zurück mehr. Außerdem brauchte ich eine Übernachtung und die war mir in Xi’an gewiss – in Beijing nicht. Dort hatte sich eine kleine Familie – typisches Bürokratenpärchen, das für die Regierung arbeitet und daher natürlicherweise nur mit einem Kind gesegnet ist, um nicht ihre berufliche Karriere zu riskieren – dazu bereit erklärt, mich für ein paar Tage aufzunehmen.

Die Gastfreundschaft war riesengroß. Unaufhörlich wurde mir die gesamte Bandbreite der zentralchinesischen Küche aufgetischt und wenn das nicht im eigenen Heim passierte, so musste ich eben in irgendein Restaurant eingeladen werden. Genau das war auch meine erste Amtstätigkeit. Erschöpft von der langen Fahrt, gab es bei meiner Ankunft keine Verschnaufpause. Irgendwie hatte ja auch alles optimal geklappt. Der Zug fährt ein, ich schicke meiner Gastgeberin eine SMS, ich steige in den Bus, komme an, steh vor ihrem Haus und in dem Moment ruft sie mich an. Eine knappe Stunde später sitzen wir bereits in einem muslimischen Gasthaus ganz in der Nähe. Gegessen wird traditionell – zumindest verlangte ich das Traditionellste, was möglich war. Doch statt einer riesigen Portion Fleisch, stehen vor mir eine leere Suppenschüssel und zwei Fladen Brot, zu deren Zerkleinerung ich angehalten werde. Wie jetzt Zerkleinerung? Praktisch für die Küche, ist es in Xi’an üblich, dass die Gäste in stundenlanger Kleinarbeit ganze Brote zerbröseln, zu kleinen Kügelchen formen und sie anschließend in die Suppenschüsseln werfen. Die ganze Prozedur dauert ungefähr so lange, bis die Schale bis zum Rand gefüllt ist – wenn man Gogols Nase im Brote eingebacken findet länger. Meine Bestzeit hielt sich deutlich unter einer Stunde, war meinem Hungergefühl aber gar zu deutlich unbefriedigend. Im Anschluss gibt man das nun volle Gefäß wieder bei der Küche ab, die nun ihrerseits Nudeln, Fleisch und irgendeine Form von Brühe hinzufügt. Um ehrlich zu sein – den Rest hätte ich auch noch alleine zubereiten können. Nichtsdestotrotz eine eigenwillige und doch so zauberhafte Tradition. Da sitzen sie alle und bröseln stundenlang gemeinsam. Wenn das nicht zur Gemeinschaftsbildung beiträgt, dann weiß ich auch nicht.

Über die muslimischen Märkte geht es anschließend weiter. Grillmeister, Straßenfriseure, Händler aller Art beleben dieses Kleinod. Und bisher liefen wir nur über die lokalen Handelsorte. Das wirkliche muslimische Viertel befindet sich direkt im Zentrum von Xi’an hinter dem berühmten Trommelturm versteckt, auf dem fast stündlich Perkussionskünste performt werden. Der dortige Markt ist längst nicht so verworren, wie in Istanbul oder arabischen Städten, hat dafür aber seinen eigenen Charme. Gehandelt werden muss immer. Selbst wenn es ums Essen geht, so sind die Einstiegspreise absoluter Wucher. Genauso dreist muss man sie folglich unterbieten. Wer einem mit 25 Euro kommt, dem wird mit 50 Cent entgegengesetzt und am Ende bekommt man seine Ware für 1 oder 2 Euro: Handelskultur – insofern hat sich die Seidenstraßentradition wohl bis heute gehalten. Apropos, Seide gibt es auch: aber keine Ahnung zu welchen Preisen.

Eigentliches Boomgeschäft sind aber die Terrakotta-Soldaten. Als sie 1974 gefunden wurden, muss eine gesamte Tourismusindustrie in der Stadt aufgejubelt haben. Mit der Ernennung zum Weltkulturerbe in den 80er Jahren kamen die Touristenschwärme – und zwar diejenigen, die sonst nie im Leben auf die Idee gekommen wären, in das zentrale Xi’an zu fahren. Jedem Touristen wird logischerweise auch noch versucht ein kleines Replikat der Tonsoldaten anzudrehen und schon ist das große Business perfekt: erst recht durch clevere Tourismusunternehmen, die sündhaft teure Ausflüge zu der Ausgrabungsstätte organisieren, obwohl man dort bereits für 50 Cent mit einem regulären Bus hingelangt. Für die Reisegruppen muss das, was sie dann wirklich sehen, die reine Enttäuschung sein. Zuerst sieht man Menschenmassen, erst dann die Menge der Terrakotta-Soldaten, welche ihrerseits die Zuschaueranzahl weit unterbietet. Insgesamt gibt es drei Ausgrabungsfelder, die allesamt noch nicht komplett ausgeschaufelt sind. Teilweise sieht man nur bruchstückhaft einige zerbrochene Objekte am Boden liegen. Die große Grube mit ihren aufgestellten Soldaten hat irgendwie auch nichts übermäßig Erhabenes. Gut, sie gesehen zu haben, aber mehr auch nicht. Grund dafür ist wahrscheinlich auch, dass man einfach zu weit weg steht. Im Museum kann man sich die Grabbeigaben wenigstens von Nahen und in Originalgröße ansehen. Leider ist viel zu viel nur in Chinesisch geschrieben, weswegen man gar nicht auf die Hintergründe des Fundes stößt. Aber es gibt ja Wikipedia. Und Wikipedia sag: die Terrakotta-Armee ist die Grabbeilage des ersten chinesischen Kaisers Qin Shihuangdi. 210 v. Chr. errichtet ist das Mausoleum eine der größten Grabanlagen der Welt. Die Tonfiguren sollten eine komplette Armee der damaligen Zeit darstellen, da man daran glaubte, dass der Verstorbene auch im Totenreich all das brauchen würde, was er zu Lebzeiten bedurfte. Und Krieg führen schien dem Herrn Herrscher durchaus Spaß gemacht zu haben.

Wie dem auch sei, ich ging eher enttäuscht wieder nach Hause und traf dort einmal mehr auf meine Pekinger Reisebekanntschaft Karina aus Bulgarien. Dass wir uns in Xi’an treffen würden, war von vornherein abgemacht. Und nun stand sie da und hatte keine Unterkunft. In halbkonspirativer Weise gelang es mir aber, meine Gastfamilie davon zu überzeugen, auch Karina mit bei sich aufzunehmen. Da sie zudem Chinesisch spricht, bekam sie sogleich doppelte und dreifache Portionen an Essen aufgetischt, bevor man uns zur frühen Abendstunde zu Bett schickte. Eine Nacht hatte ich ja schon auf den gemütlichen Matratzen verbracht und nun sollte Karina im Nachbarbett Platz nehmen. Doch plötzlich: ein Aufschrei des Entsetzens. Mitten in der Nacht, von unserem Geflüster geweckt, rappelte sich die Großmutter des Hauses aus dem Nebenzimmer auf und zitierte Sohn und Schwiegertochter zum Rapport. Ausgiebige Diskussionen wurden geführt und man debattierte darüber, wie man entscheiden sollte. Aber über was? Karina war wohl schon angesichts ihrer Sprachkenntnisse im Bilde, doch ich war vollkommen verblüfft, als uns die Großmutter des Schlafens in ein und demselben Zimmer anklagte. In der Tat kein Kavaliersdelikt – sind wir ja nicht einmal verheiratet. Alles Reden nutzte letzten Endes gar nichts. Nachhaltig wurde betont, wie ernst die Großmutter es doch meine und dass sie eine solche moralische Verwerflichkeit in ihrem Hause nicht dulden könne. Was also tun? Blitzhochzeit um des bequemen Bettes Willens, die knochenharte Couch oder Kulturrebellion? Es kam wie es kommen musste: trotz vehementer Gegenwehr führte mein Weg geradewegs auf die Couch. Oh man, was für Konventionen – so verankert immerhin, dass vor nicht einmal zehn Jahren jedes chinesische Hotel einem unverheirateten Pärchen die Übernachtungsmöglichkeit versagt hätte.



Beim Semmel Bröseln


Gebröseles


Meine Gastgeberin


Fahrradfahren auf der Stadtmauer von Xian


Fahrradfahren auf der Mauer


Marktleben


Da wären sie, die Tonmänner


Und nochmal...in Reih und Glied

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