Dienstag, 31. August 2010

Lao Lao Ladyboys

Auch Inselzeiten müssen irgendwann mal enden. Mit der Hoffnung auf eine spannende, boomende Hauptstadt fuhr ich nach zwei, drei Tagen auf Don Det Richtung Norden. Wieder auf das Festland, wieder in den wackeligen Kahn, der bei jeder Bewegung zu kentern schien – an Bord eine ganze Menge an Europäern und grinsende Beförderungsbeauftragte, die sich über die Untergangsangst der Passagiere insgeheim kaputtlachen. Stundenlang dauerte die Fahrt in den Minibussen bis zur Provinzhauptstadt Pakse, die fast genauso verschlafen wirkt wie der Dschungelort, an dem ich zuvor gewesen war. Nichts als Staub und ein paar Märkte. Am Busbahnhof gibt es immerhin Internet. Dahinter zerhacken grobschlächtige Metzger frisches Elefantenfleisch oder zumindest irgendetwas, das übel riecht und übel aussieht, von den Pakseanern aber mit strahlenden Augen gekauft wird. Es ist natürlich kein Elefantenfleisch, andererseits hat Laos ja an Dickhäutern mehr als genug: ursprünglich ist Laos das Land der Millionen Elefanten. Heute sind es wohl nur noch knapp 1000, die durch die Urwälder des Binnenlandes stapfen. Ob die Franzosen schuld daran sind, dass sich die Anzahl so dezimiert hat oder irgendjemand anderes, weiß ich nicht. Falls es die Franzosen waren, so haben sie im Austausch zumindest Baguettes und Paté gebracht. Laos ist auch unter der seit 1975 regierenden Kommunistenmacht ein frankophiles Sandwichland. So ausgezeichnete Riesenbrote bekommt man sonst nirgends auf der Welt. Und dann noch für umgerechnet einen Dollar. Dazu gibt es Papaya-Shake und Papaya-Salat (Som Tam). Letzterer schmeckt aber bestimmt nicht so wie man annimmt – süß, fruchtig. Das Zeug ist eher sauscharf und manchmal nicht ganz frisch. In 50% der Fälle zieht man sich eine wunderbare Magenverstimmung zu, 10 weitere Prozent müssen mit Lebensmittelvergiftung ins Krankenhaus, für noch einmal 10% hat nach dem berüchtigten Papaya-Salat das letzte Stündchen geschlagen – der Rest kommt heil davon. Und da will nochmal einer behaupten, der japanische Fugu sei das adrenalingeladenste Essen der Erde. Alles Un-Fugu: wer kulinarisches Roulette spielen möchte, muss nach Laos gehen. Der Papaya-Shake ist übrigens weniger riskant. Wer aber unbedingt den Kick braucht…hier ist das Som Tam-Rezept zum Nachkochen:

- 1 grüne unreife Papaya
- 5 Cocktailtomaten oder eine mittelgroße Tomate
- 4 Knoblauchzehen
- 5-10 Vogelaugenchilli (die gestampften Papayastreifen saugen viel Schärfe auf, bei 5 ist der Salat sogar relativ mild)
- 4 - 5 Knoblauchzehen
- 50 g getrocknete Garnelen
- 50 g ungesalzene Erdnüsse, frisch in einer Pfanne ohne Fett geröstet
- 4 EL Fischsauce
- 2-3 EL zerstoßener Palmzucker
- Saft von 1 Limette

Nur so viel: nach der Einnahme von Som Tam brennen mir noch zwei Stunden lang die Schleimhäute. Immerhin hört die Vogelaugenchilliwirkung rechtzeitig zu meiner Weiterfahrt auf. Ein doppelstöckiger so genannter VIP-Bus fährt in den heruntergekommenen Busbahnhof von Pakse ein. Innen alles schön und außen auch und komfortable Betten und so…nur, an den Straßen ändert natürlich auch der VIP-Status nichts. Selbst der beste Bus der Welt kommt auf dem durchlöcherten Asphalt der laotischen Straßen zum Schaukeln. Kein Wunder, dass man die gesamte Nacht braucht, um von Südlaos bis nach Vientiane, in die Hauptstadt mit diesem eleganten französischen Namen zu kommen. Immerhin etwas, was in diesem Land so wunderbar kommunistisch anmutet: die vollkommen zerfledderte Infrastruktur ist mir auf meiner kleinen „Länder, die den Kommunismus in Südostasien aufgebaut haben wollen“-Tour nicht nur in Laos aufgefallen. Allemal fühlt es sich nach diesem anarchistischen Kambodscha gut an, wieder in einem dieser kuschlig-warmen, für alles und jeden Sorge tragenden Staaten des internationalen Sozialismus zu sein. Aber eigentlich ist das Politische in Laos fast egal. Die Leute leben abseits von Politik, wie es scheint. Entspannt in ihrer eigenen Welt und Sphäre. Selbst Vientiane, die Hauptstadt, ist so unfassbar kleinstädtisch. Ich wohne hier in einem zierlichen Haus – nicht ganz so zierlich, eher groß: deutscher Stil. Wenn ich mich recht entsinne hat es irgendein Münchener hier hergesetzt und ist dann verschwunden. Jedenfalls irgendein Deutscher. Mit dem Verschwinden muss das auch nicht so ganz stimmen. Zumindest wohnt er jetzt nicht mehr da, sondern an seiner statt eine französische Diplomatenfamilie, deren Mitglieder ich so ganz und gar nicht überblicken kann und ein deutsches Mädchen laotischer Herkunft, die in Vientiane ihren Freiwilligendienst absolviert.

Die französische Hausherrin schätzt das ländlich anmutende Leben. Tagsüber fahren die Familienmitglieder quer mit dem Motorrad durch die Stadt, welche zu großen Teilen aus Huckelpisten, Schlammpfaden und Dreckwegen besteht. Der einzige Höhepunkt, den Vientiane eigentlich zu bieten hat, ist der goldene Stupa, das Nationalsymbol des Landes. In der Tat ist das buddhistische Heiligtum eindrucksvoll. Unweit davon steht der Arche de Triumph – eine Eins-zu-eins-Nachbildung des Triumphbogens in Paris zuzüglich einigen asiatischen Krimskrams. Hier haben die französischen Kolonialherren ähnlich wie mit der Kirche von Notre-Dame in Saigon auch architektonisch ihre Spuren hinterlassen. Und durch diese winzige Mekongmetropole, die selbst auch erst seit 1975 Hauptstadt ist, fahren wir jeden Tag mit den Motorrädern. Einer französischen Motorradgang gleichend düsen wir durch die Stadt auf der Suche nach…mm…gute Frage, nach was eigentlich? Abenteuer? Attraktionen? Sensationen? Von alledem gibt es denkbar wenig. Und so rasen wir von einem bedeutungslosen Ort zum anderen, besuchen die deutsch-laotische Stiftung zur Entwicklungshilfe, in der eine erstaunlich große Anzahl deutscher Freiwilliger schafft und fleißig laotisch lernt. Viele, die meisten eigentlich frisch von der Schulbank auf der Suche nach Sinn und Überbrückungsjahr. Meine Gastgeberin hat auch hier gearbeitet, jedoch endet ihr Vertrag noch vor Wochenabschluss. Abschlussfeiern stehen zwangsläufig bevor. Doch letzten Endes landen wir nur auf einer ziemlich bizarren Geburtstagsfeier, welche sich typisch asiatisch rund um Karaokemusik dreht. Und verdammt nochmal, sie alle können singen. Ich sitze mit den Franzosen von den Sangeskünsten eingeschüchtert am Tisch und lasse mir ein Bier nach dem andern von den Bardamen auffüllen. Das ist das tolle am laotischen Service. Wenn das Bierglas auch nur halbvoll/leer ist, tritt sofort die Bedienung an den Tisch und füllt nach. Serviert wird Beerlao – die Nationalmarke mit deren Emblem geradezu jeder Tourist auf dem T-Shirt herumrennt. Es gilt unter Backpackern allem Anschein nach als kultig, die Brauereiinsignien zur Schau zu tragen. Und auch mir bleibt dieses Schicksal nicht erspart. Einige Tage später will ich mir eine umfangreiche Dusche in einem Gasthaus in der alten Hauptstadt von Laos Luang Prabang gönnen – und was liegt dort zusammengeknüllt in der Ecke: ein Beerlao-Shirt. Ich kann nicht widerstehen – reiße es mir unter den Nagel.


Pha That Luang


Triumphbogen - Lao Style

Dummerweise machen die meisten Kneipen in Laos um Mitternacht zu. Firmenkodex oder offizielle Richtlinie – eins von beiden. Und so bekam ich gar nicht erst die Gelegenheit, das Mikrophon in die Hand zu nehmen und meine stimmlichen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Nach Hause? Nein. Doch? Na vielleicht. Zumindest müssen viele der Anwesenden am nächsten Tag früh raus: Visaflucht. Das ist in Vientiane sowieso ein Klassiker: über den Mekong führt eine Brücke, die den plumpen Namen „Freundschaft“ trägt. Wie das eben so bei grenzüberschreitenden Brücken ist…alles megadiplomatisch und gefühlsbetont. Von Kanada ins amerikanische Buffalo heißt das z. B. Peace-Bridge, wer von Kehl nach Strasbourg möchte, der muss über die Europabrücke und hier wird eben auf die Thai-Lao-Freundschaft angespielt, die nicht zu selten mit dem Beerlao und dem Lao Lao Schnaps besiegelt wird. Nach Vientiane kommen wirklich unheimlich viele Thais, da sie ihre Einkäufe hier viel billiger erledigen können. Hinzu gesellt sich eine illustere Menge an Touristen, die sich seit Jahren in Thailand aufhalten und aller drei Monate über die Freundschaftsbrücke nach Laos müssen, dann zur thailändischen Botschaft stiefeln, ihr neues, kostenloses Visum für weitere zwölf Wochen beantragen, den ganzen Spaß am Abend mit ein paar Tropfen Lao Lao besiegeln oder sich kurz zum Opiumkonsum nach Vang Vieng aufmachen und dann die Rückreise antreten. Auf der Brücke werden sie dann schön im Zickzack fahren. Nicht des Restalkohols wegen – oder vielleicht auch. Auf der Freundschaftsbrücke wechselt schlichtweg nur der Rechtsverkehr zum Linksverkehr – da ist ganz offiziell Spurwechsel angesagt.

Trotz der Schlafwilligkeit einiger Geburtstagspartygäste, finden sich doch noch einige Leute, die weiterfeiern möchten. Ich lande letztlich in einem protzigen Jeep der geradewegs in die Innenstadt in den angeblich einzigen noch offenen Club von Vientiane fährt. Und dann auch noch ein Ladyboys-Schuppen. Ja, und da hüpfen sie betont feminin hüftenschwingend herum: zehn Ladyboys vs. fünf Franzosen, mich und meine Gastgeberin. Woher kommt eigentlich dieser ausgeprägte, gesellschaftlich so stark akzeptierte Transvestismus in Südostasien bzw. in Thailand und Laos? Erster Verdacht wäre natürlich die buddhistische Gelassenheit gegenüber anderen Lebensansätzen und Lebensweisen. Dann müsste man sagen, dass überall auf der Welt genau dasselbe Bedürfnis an Verkleidungsspielen besteht wie hier, nur stärker von der gesellschaftlichen Norm unterdrückt wird. Oder führt die thailändische/laotische Prägung dazu? Die Idee scheint nicht ganz falsch zu sein. Musste ich doch einst ca. zwanzig Interviews mit in Thailand lebenden Deutschen rauf und runter transkribieren – für Geld versteht sich. Und dort wurde immer wieder davon geredet, dass Transsexualität in Thailand auch eine Form von Individualitäts- nicht nur Identitätssuche ist. Kurzum, Ladyboys wollen aus der gesellschaftlichen Masse bewusst hervorstechen und verwenden die Verkleidung als Ausdrucksmittel, um sich gegenüber der Norm zu profilieren. Ob es nun daran liegt, dass es in Südostasien so viele Ladyboys gibt oder nicht – ich mag es nicht behaupten. Ist nur eine interessante These, die ich mal irgendwo aufgeschnappt habe. Mehr wissen die Leute von den Gender Studies.

Aber um zu dieser Klubfeier zurückzukommen – entsprechend verrückt musste sie letztlich enden. Kaum versieht man sich, und es fliegen lustige Perücken durch die Menge. Eine bleibt auf dem einen Franzosen kleben, die eine auf dem nächsten, die andere auf dem anderen, eine weitere auf einem weiteren, die Französin bekommt auch eine, ebenso wie das deutsche Mädchen und meinen Kopf ziert nun auch irgendetwas Wischmoppartiges, was mir zugegebenermaßen durchaus gut zu Gesicht steht. Letztlich platziert sich unsere europäische Fraktion auf der Bühne und stiehlt der Ladyboytruppe gehörig die Show. Bis die uns natürlich wiederum herunter schieben und zu „battlen“ anfangen. Und so geht es den gesamten Abend hin und her, bis zum Morgengrauen und einer wackeligen Motoradheimfahrt.


Franzosengang und ich und Dee, meine Gastgeberin


Mit Perücke und Beerlao-Shirt


Zu 90% würde ich darauf tippen, dass da neben mir ein echtes Mädchen steht


Party Party


Party Party


Party Party


Trotz des lustigen Abends wird der kommende Tag mein letzter in Vientiane sein. Ohne wirklich einen Plan zu haben, wohin es als nächstes gehen soll, entschließe ich mich dazu, diese etwas trostlose Stadt irgendwohin zu verlassen. Zwei Orte schweben mir im Kopf: Vang Vien und Luang Prabang. Jedenfalls sind das die beiden Orte, die bei fast jedem Laosreisenden auf dem Programm stehen. Luang Prabang ist die alte Hauptstadt des Elefantenreiches, Vang Vieng die durchgeknallte Partyhochburg, ein Mallorca Südostasiens, ein Lloret de Mar, an dem alle Visaflüchtlinge sowie Thais gehörig einen drauf machen. Welche Ausmaße das annehmen kann, darf man den Getränke- und Speisekarten der Kneipen von Vang Vieng entnehmen. Der Lao Lao Schnaps ist natürlich der preisgünstige Klassiker, der in kleinen Eimerchen ausgeschenkt wird. Dass man sogar Joints im offiziellen Angebot findet – nun gut: Amsterdamniveau – alles noch wenig schockierend. Aber dass man sich selbst Opiumshakes bestellen kann – meine Güte. Klar wird das alles im Norden des Landes angebaut, aber auch die laotische Regierung verbietet Drogenhandel offiziell. Inoffiziell stört es sie jedoch eher wenig, dass man Opiumcocktails auf jeder Getränkekarte in Vang Vieng findet. Immerhin zieht das eine erstaunliche Menge an Touristen und Backpackern an, die berauscht so einiges an Geld hier lassen. Ich entscheide mich dafür mein Geld in eine Fahrt nach Luang Prabang zu investieren. Ein kleiner, beschaulicher Ort im Dschungel und am Mekong, an dessen Ufer ich mich ja seit Vietnam aufhalte. Umständlich hin zu kommen: Schaukeltouren mit klapprigen Bussen oder turbulente Flüge mit zweimotorigen Maschinen und holpriges Herunterkommen auf versteckten Urwaldlandebahnen. Mir ist der Bus ganz recht – denn der ist sehr viel billiger, auch wenn die Fahrt geschätzte 15 Stunden dauert, Berge rauf und Berge runter geht – umgeben von all den Asiaten mit ihren schwachen Mägen. Doch all dem Plastiktüten füllenden „Arghhh“ und „Roaaaar“ zum Trotz. Ich wage es und stehe noch am Tag 1 nach der Ladyboyparty ohne Perücke am Busbahnhof.


mal im internet recherchiert - Opium Shakes für nur 5 Euro, und im Hintergrund auch noch Beerlao


Auf allen Getränkekarten von Vang Vieng wird Opium angeboten


...und hier auch schon wieder

Sonntag, 29. August 2010

Die Möglichkeiten einer Insel/La possibilité d'une île

Zwei Tage schon unterwegs und immer noch nicht Laos erreicht. Mein stetes Drängen wird von den restlichen Dschungelgästen mit Naserümpfen missbilligt. Nimm mal den Speed raus, sagen sie mir dreist ins Gesicht. Musst doch was sehen – und entspannen. Und recht haben sie irgendwie, weswegen ich ja sogar die Empfehlung nach Don Det zu fahren gründlich durchdenke. Als mir der Dschungelwirt dann auch noch erzählt, dass die Hälfte aller Busse sowieso nicht in Pakse, meinem eigentlichen Ziel, ankommt, ist die Entscheidung gefallen. Zwar versucht man mich weiterhin mit Lianenfesselspielen und Elephantenerschießungen zu locken, doch ich verdrück mich lieber. Schon um 6 Uhr in der Früh sitze ich in einer klapprigen Marshrutka, die quer durch die Trampelpfade des Urwaldes rast. Auf der losen Rückbank muss man sich direkt darüber wundern, dass der Kleinbus nicht bei der nächsten Unebenheit im nächsten Baumwipfel landet, doch irgendwie scheint der Fahrer die Blechkiste auf der Horizontalen zu halten. Wie er es macht – ein einziges Rätsel. Doch am Ende bringt er uns tatsächlich wohlbehalten in die Provinzhauptstadt Stung Treng, in der ich ja schon vor zwei Tagen ankommen wollte.

Einmal mehr diese Klüngelgeschäfte. Der Fahrer kennt einen anderen Fahrer oder hat einen Bruder oder Vater oder was weiß ich nicht, der den Fortgang der Reise nach Laos organisiert und hierfür wiederum seinen Bruder, Vater, Onkel etc. etc. etc. anheuert. Bei einem angeblich kostenlosen Frühstück wird mit größter Dramatik verkündet, dass das Visum nach Laos unheimlich teuer sei und man den genauen Preis bezahlen müsse: 45 Euro plus Stempelgeld. Unfassbarer Weise glaube ich diesen Trug auch noch. Ja, Markus ist leicht übers Ohr zu hauen, wenn er müde ist. In den Morgenstunden sollte er daher lieber das Bett hüten und bloß nicht mit Betrügern in Kontakt kommen. Mindestens 10 Euro landen somit in der Hemdtasche des schmierigen Gasthausbesitzers, der seinen Bruder beauftragt uns an die Grenze zu Fahren. Und der Bruder, als er erfährt, dass ich 45 Euro statt 32 bezahlt habe, kriegt sich nicht mehr vor Lachen. Wer mag es ihm verdenken. Er zeigt unentwegt auf seine Brusttasche und deutet mir somit mit grinsendem Gesicht an, dass ich durch kambodschanischen Kakao gezogen wurde. Wenigstens erlässt er mir das Stempelgeld. Auf weitere Gerechtigkeit kann ich wohl kaum pochen. Auch wenn ich ihm sage, dass er sich das Geld gefälligst von seinem Vetter in Stung Treng wieder holen soll, liegt es bereits auf der Hand, dass der Zehner verloren ist. Ein schöner Auftakt für Laos. Im Nachhinein lese ich mal wieder den Wikitravel-Abschnitt über Scams an der laotischen Grenze und erfahre, dass es sich um gängige Praxis handelt. Ja, hätte ich mich mit dem Thema mal vorher beschäftigt – ich hätte Tricks und Preise gewusst. So aber stehe ich mit 10 Euro weniger auf der laotischen Seite eines farblich doch sehr blassen Schlagbaums und werde in den nächstbesten Kleinbus zu den 4000 Inseln verfrachtet.

Grenzübertritt

Ja, die 4000 Inseln. Nun, die befinden sich direkt im Grenzgebiet von Kambodscha und Laos und stellen eine erstaunlich große Anhäufung von Inseln direkt im Mekong dar. 4000 sollen es sein – sagt ja schon der Name. Und da ich es selber nicht glauben wollte, habe ich einmal Google Maps befragt und erstaunlicherweise herausgefunden, dass die Zahl ungefähr hinkommen könnte. Wer will kann selbst nachzählen. Also ich kam in einer ruhigen Minute auf 3732 Inseln:
Fast genau 4000 Inseln

Das ich Zeit für solche Sinnlosigkeiten, wie Inselnzählen hatte, gründet sich übrigens auf der Tatsache, dass ich auf Don Det die ruhigste Zeit meiner gesamten Reise erleben und verleben durfte. Seit dem Anlegen mit einem wackeligen Boot von dem gerüchtehalber seitens aller Passagiere behauptet wird, dass unsere Chancen nicht umzukippen 50:50 stünden, habe ich fast keine Menschenseele mehr gesehen. Okay, so einsam ist es auf Don Det nun auch wieder nicht. Aber in meinem Bungalow wohnt ja sonst niemand. Und auf meiner Terrasse treibt sich sonst auch niemand rum. Und in meiner Hängematte liege nur ich und unter mir – ja da legen jeden Morgen die Fischerkähne an. Ein ganzer Bungalow am Wasser nur für mich. Fünf Minuten weiter durch die stockdustere Mekong-Dunkelheit marschiert, erreicht man so etwas wie eine Ortschaft, welche von einer eher kleinen Anzahl an Touristen besetzt gehalten wird. Bars, Restaurants, Internet gibt es hier. Für meine Zwecke optimal. So kann ich unter Menschen wenn es mir beliebt und mich zurückziehen, wenn ich einmal die seltsame Idee habe, mich um meine Magisterarbeit zu kümmern. Erstaunlicherweise mache ich das sogar. Nebenbei wird mit Artikelschreiben übers Internet 20 Euro am Tag verdient – Ausgaben: ein Dollar pro Nacht für den Bungalow, ein Dollar pro Mahlzeit, 50 Dollarcent für das Internet. Meine Bilanz stimmt: ich mache gut und habe Ruhe und habe Konzentration. Am besten gleich hier herziehen: mein Abschlusssemester einfach in der Abgeschiedenheit verbringen. Dann wäre ich wahrscheinlich schon in zwei Wochen mit diesem ellenlangen Text fertig. Jedenfalls kommt die Idee ins Notizbuch und mal schauen, was sich da so ergibt.

Mekong-Überfahrt

Markus auf der Überfahrt nach Don Det

Mekong-Überfahrt

Der Bungalow

Der Bungalow

Weil er an Geld ne Menge hatte, lag er gern in der Hängematte

Der Bungalow

Freitag, 27. August 2010

Willkommen im Dschungel

Editorische Notiz: Ich möchte betonen, dass es sich bei dem Titel nach „Markus und die Mechaniker“ um eine weitere Musikreferenz handelt, welche aufgrund der Verwendung der deutschen Sprache nur unzureichend zur Geltung kommt.


Dass die Stunden wie im Fluge vergehen, kann man nicht gerade behaupten. Im Staub von Suong sitzend warte ich und warte ich, lese sogar mein mitgebrachtes Buch zum russischen Mediensystem durch – ja, das sind die Momente, in denen man sich in aller Ruhe der Vorbereitung einer Magisterarbeit widmen kann. Das angesichts der wenigen Autos erstaunlich laute Hupkonzert verschwimmt um einen herum zu einem dumpfen Ton, den man nur noch marginal wahrnimmt. Nur ab und zu schreckt man aus der Lektüre auf, dann nämlich, wenn jemand vorbeikommt und nach Tickets in Richtung Phnom Penh fragt. Ich bin überraschenderweise in die Rolle des Platzkartenverkäufers gerutscht, wobei mir diese Ehre nur deswegen zu Teil wurde, weil man den vermutlich mit vielen hübschen Dollars bestückten Westtouristen auf keinen Fall drei bis vier Stunden lang stehen lassen wollte. Der Busbahnhofsaufseher räumt daher bereitwillig seinen Platz und fordert mich dazu auf, mich hinter den Ticketschalter zu setzen, welcher ein einfacher Bürotisch am Rande einer Straßenkreuzung ist. Könnte ich jetzt Khmer, ich hätte mir die ganzen Ticketvordrucke für den Fall der Fälle unter den Nagel gerissen. Beim späteren Selbstausfüllen wären dann aber Probleme aufgetreten. Dieses Schlängelige dieser Schrift, dieses Undefinierbare, Ornamenthafte – nein, das könnte ich nicht kopieren. Für ein Tramperschild vielleicht, aber auf einem Busfahrschein keinesfalls. Zeit dazu, es zu lernen, hätte ich immerhin gehabt. Denn selbst nach drei Stunden ist von einem Bus weit und breit nichts zu sehen. Ich ärgere mich, dass ich nicht auf einen der vollbeladenen Trucks gesprungen bin und mit den Einheimischen auf dem Führerhaus herum balanciere. Dann wäre gewiss schneller vorangekommen, aber wahrscheinlich auch zum allerersten Todesopfer in der Geschichte des „Trucking“ geworden. Man glaubt gar nicht, wie viel Geschick die Khmer haben, wenn es darum geht auf einem fahrenden Gefährt festen Stand zu halten.

Als mit zwei Stunden Verspätung ein größerer Bus vor meinem Bürotisch anhält, reagiere ich schon gar nicht mehr. Der eigentliche Ticketverkäufer kommt jedoch herangeeilt und drängt mich in den Bus. Alles eingepackt, selbst den vietnamesischen Hut aufgesetzt, den ich mir auf die Schnelle in Siam Riep noch organisiert hatte …noch dreimal nachgefragt, ob der Bus auch wirklich nach Stung Treng fährt, und dann rein in die Kiste. Wir scheppern los und alles sieht einwandfrei aus. Ich schätze, dass es maximal fünf Stunden bis nach Stung Treng sind, womit ich es problemlos noch an die Grenze schaffen sollte. Hinter dem Mekong-Knick wird selbst die Fahrbahn allmählich besser, hinter Kratie nimmt sie geradezu westliche Qualität an und nun weiß ich, dass es sich um die neue, groß angepriesene Nationa-a-a-alstraße 6 handeln muss. Genau diese verbindet Phnom Penh direkt mit Laos und ist eines der wenigen Prestigeprojekte des königlichen Regimes. Erst weit hinter Kratie nimmt die Straßenqualität rapide ab. Abrupt könnte man sagen. Schlagartig verwandelt sich der Untergrund in nichts weiter, als einen rötlichen Staub, der mit Wasser vermischt einen widerlichen Schlamm bildet, welcher wiederum an Scheiben und Karosserie spritzt. Auch das Rattern nimmt erheblich zu, so sehr sogar, dass man aufpassen muss, nicht aus dem Fenster zu fallen. Schöne Nationalstraße, denke ich mir, auf der man nochmals zwei Stunden braucht, um 50 Kilometer hinter sich zu lassen. Das war zumindest die Aussage des Straßenverkehrsschildes, welches kurz bevor der Belag so fatal gewechselt hat quer auf dem Asphalt lag. Über diese verdammte Nationalstraße ärgere ich mich wirklich. Wäre alles normal verlaufen, wäre ich rechtzeitig in Stung Treng gewesen, um nach Laos überzusetzen. Aber so dämmert es schon – bei mir und am Himmel – als ich aus dem Bus aussteige und einen sandbedeckten Marktplatz im orientalischen Stil betrete. Sofort stürzen die Touristenjäger auf uns zu. Einer nach dem anderen unterbreitet den westlichen Ankömmlingen verlockende Offerten: 5 Dollar pro Übernachtung, ruft der eine. Der andere schreit aus dem Hintergrund irgendetwas von 4. So kann man handeln. Langsam beruhige ich die aufgebrachte Menge und frage offiziell nach 3 Dollar. Als einer das Angebot bejaht, frage ich nach 2 Dollar. Aus der letzten Reihe höre ich ein verhaltenes Zeichen der Zustimmung. Soll ich es etwa wagen? 1 Dollar? Deal. So läuft das doch gut in Stung Treng. Zufälligerweise landen letztlich auch noch alle anderen Ausländer an Bord in diesem eigenartigen Gasthaus, das sich direkt im Urwald zu befinden scheint. Mücken plagen uns, ansonsten herrscht Ruhe. Lediglich die Gewehre und Raketenwerfer derer, die auf Elefanten schießen, kann man ab und zu in der Ferne hören, aber sonst ist alles mucksmäuschenstill.

Beim Abendbrot sitzen wir alle zusammen. Es wird nach Reiseplänen gefragt und danach, was einen in diesen touristisch so unattraktiven Ort geführt hat. Ich mache den Anfang, beteuere meine Verwunderung, hier überhaupt Menschen zu finden, die in Stung Treng übernachten. Ich meinte, dass wäre nur ein Umschlagsplatz, bedeutungslos, unschön, dort wo man nur unfreiwillig in Wartestellung geht, um anschließend nach Laos zu fahren. Dass ich am nächsten Morgen früh zeitig zum Nachbarn aufbrechen will führe ich auch bereitwillig aus. Doch noch bevor ich fortfahren kann, spüre ich plötzlich dieses seichte Klopfen auf meiner Schulter. Es ist dieses typische Klopfen, das einem sagen will: hmm, Ärmster…du hast ja keine Ahnung. Ein fast mitleidsvolles Klopfen, welches sich im Anschluss in profane Schadenfreude und daraufhin in ein Gemisch aus beidem verwandelt. Mit Verwunderung und einem Lächeln, das diese auf geradezu asiatische Weise zu verbergen versucht, wende ich mich zu der nur in Umrissen erkennbaren Person um...

BAAAALONG??? Verflucht, was? Wo zum ***? Wie, in aller Welt. Ver*** und *** ** ***** *** ***, aber das kann doch **** nicht *** ***** *** *** ***!!! ********!!! **, **********!!! *****!!! ******!!!!!!! ******!!!!!!!!!!! ****!!!! *** ***!!! ********!!! **, **********!!! *****!!! ******!!!!!!! ******!!!!!!!!!!! ******************************!!! *** *** ******** ** *** **** ***!!! *** *** !!! **** ****!! ****!!!! *** ***!!! ********!!! **, **********!!! *****!!! ******!!!!!!! ******!!!!!!!!!!! ******************************!!! *** *** ******** ** *** **** ***!!! *** *** !!! **** ****!!********!!! **, **********!!! *****!!! ********!!! **, **********!!! *****!!! ********!!! **, **********!!! *****!!! ********!!! **, **********!!! *****!!! ********!!! **, **********!!! *****!!! ********!!! **, **********!!! *****!!! ********!!! **, **********!!! *****!!! ********!!! **, **********!!! *****!!! ********!!! **, **********!!! *****!!! ********!!! **, **********!!! *****!!!

Nachdem ich mich von meinen Fluchtiraden, die ich natürlich auf Russisch geführt habe, da man auf Russisch einfach besser fluchen kann, erholt habe, lasse ich mir alles ganz ruhig und langsam, mit einem nervösen Zucken im Auge erklären. Also…die Sache sei eben die, dass Stung Treng einfach mal 200 Kilometer weit weg ist und wir uns mitten im Dschungel befinden. Nein! Verdammt! Dschungelcamp! Ich will hier raus! Der Ort heißt auch noch Balong und der Abzweig nach Balong wiederum befindet sich 50 KM südlich von Stung Treng. Das ist des Rätsels Lösung, zweifellos. Deswegen hat sich die prestigereiche Nationalstraße 6 plötzlich so mir nichts, dir nichts in ein Schlammmeer verwandelt und war augenblicklich von Bambus- und Mangodickicht umgeben. Deswegen ratterten wir mehr als zwei Stunden durch den Urwald und darum sieht der Marktplatz auch aus wie eine Anlegestation für all diejenigen, die in die Wildnis aufbrechen möchten. Erklärungen leuchten ein und Lichter gehen auf. Doch wie verdammt komme ich nun aus Kambodscha heraus? Die Gegend in der ich bin, ist einfach nur Dschungel und nichts anderes. Konsultation beim Gasthausvorsteher, der es mir dauerhaft schmackhaft machen will mit ihm in die raue Natur zu kommen, um…ich vermute mal Elefanten mit Raketenwerfern zu erschießen. Doch, wenn ich eines von Franka Potente gelernt habe, dann ist es das: nach Fünf darf man nicht mehr in den Urwald gehen. Weil dann die Elefanten Fallschirm springen!!! Da helfen dann auch keine Raketenwerfer mehr. Doch auch wenn es allem Anschein nach viele selbst nach Fünf in dieses Dickicht zieht und auch wenn ich theoretisch Zeit habe, will ich hier raus. Die Übernachtung in Pakse dürfte ohnehin schon flöten sein und die in Vientiane will ich nicht auch noch verlieren. Wir einigen uns also. Ich bleibe diese Nacht und dann werde ich zur Grenze, von dort letztlich auf das Mekong-Eiland Don Det, Bestandteil der sagenumwobenen 4000 Inseln im Grenzgebiet gebracht. Die Reisenden, die gerade von dort kamen, hielten große Stücke auf den Ort. Bungalows und Hängematten – endlose Faulheit: Ein Ort um ganze Magisterarbeiten fertigzustellen. Aber das ist eigentlich gar nicht mein Ziel. Ich habe mich selbst in eine unnötige Hektik versetzt, die mir einzutrichtern versucht, dass ich schnellstmöglich nach Vientiane kommen muss. Unsinn. Hätte ich schon in Balong gewusst, wie langweilig die laotische Hauptstadt ist, wäre ich im Dschungel geblieben und dann noch drei weitere Tage auf der Insel. So aber ging alles etwas schneller, wobei ich meine Hektik wenigstens seit Balong los war. Ein alter weiser Mann, der in einer dunklen Ecke des Speisesaals sein Pfeifchen pafft und lautstark seine Nudelsuppe schlürft, ruft aus dem Off zu mir, fragend: was gibt es denn schon in Thailand zu sehen? Der Dschungel ist viel schöner. Ob das stimmt? Ich kann nichts Schlechtes über Thailand sagen – aber das hat andere Gründe. Don Det und selbst der Kurzaufenthalt in Balong waren aber das kleine Navigationsdesaster wert.


Nach Fünf im Urwald


Die vermeintliche Nationalstraße 6



Die vermeintliche Nationalstraße 6

Donnerstag, 26. August 2010

Markus und die Mechaniker


Kambodscha: Siemreab = Siam Riep = Angkor; Khracheh = Kratie; Stoeng Treng = Stung Treng; Suong befindet ich ungefähr im Mekongknick östlich von Kampong Cham.

Irgendwie sollte ich ja so langsam mal in Richtung Laos aufbrechen, denke ich mir noch an diesem sonnigen Sommermorgen in Angkor. Doch kostenloses Internet und unbeschreibliche Faulheit lassen mich unter dem gemütlichen Moskitonetz verweilen und bis weit nach Mittag schlafen. Irgendwas wird schon fahren, denke ich mir, die Landkarte betrachtend. Richtung Pakse, die nächste laotische Stadt, in der ich Unterkunft habe, ist es eigentlich nicht weit. Kein Katzensprung sicherlich, aber zwei oder drei und damit wohl problemlos in einem Tag machbar. Doch natürlich bemerkt man einmal mehr den dicken, fetten, blauen Strich nicht, der sich quer durch Kambodscha zieht und eigentlich ockerfarben sein sollte. Ein Fluss, ein großer Fluss, der Mekong – und keine Chance ihn nördlich von Kampong Cham auf halbem Weg nach Phnom Penh zu überqueren. Westlich des Mekong gibt es natürlich auch noch eine Grenze, die nach Laos führt, doch ungünstiger Weise kann man dort keine Visa kaufen. Nur auf der östlichen Mekong-Seite sei das möglich – sagen alle: und das auch nur seit Neustem. Immerhin seit Neustem. Das bedeutet aber erst einmal übersetzen und die einzige Idee, die ich zunächst habe, ist es irgendwie mit dem Bus nach Stung Treng – die grenznahste Stadt auf kambodschanischer Seite zu fahren. Na dann los: auf zum Busbahnhof, von dem aus ich eigentlich trampen wollte. Aber man ist ja wie gesagt faul und fragt sich zumindest einmal durch. Und dann bekommt man entgegengeworfen, dass um Mittagsstunden doch kein Bus auf die andere Mekongseite fahre. Na gut, wo dann hin? Sie zerren an einem, wollen einen in Busse nötigen und das auch noch in alle möglichen unbrauchbaren Richtungen. Nach Phnom Penh zurück? Nein, niemals. Ein mich heranwinkender Busfahrer verspricht mir immerhin eine Fahrt zum nationalen Verkehrsknotenpunkt Kampong Cham, wenn man so will. Dort müssen sie alle durch: die bis zum Brechen überladenen Trucks und die Busse und die wenigen Prachtkarren. Die sind aber allemal gut, weil sie Leuten gehören, die sich auf Staatskosten bereichern oder Glücksspiel organisieren oder mit Raketenwerfern auf Elefanten schießen lassen. Ach, auch wenn ich gerne auf einen dieser zehn Meter hoch mit Menschen bestapelten Trucks gestiegen wäre, um voran zu kommen. Es hilft nichts. Mit dem Bus schaffe ich es immerhin bis zum Einbruch der Dunkelheit, sogar noch davor zu dieser großen Kreuzung, die sich im Nichts befindet. Staub auf den Straßen und unzählige Tankstellen. Das mit den Tankstellen ist wirklich etwas Besonderes in Kambodscha. Normal ist es nämlich, aus Fässern und Flaschen zu tanken – nicht aus großen Zapfanlagen. Hier aber gibt es so etwas, weil sie hier wie gesagt alle durch müssen und weil sie hier alle halten. Auch ich.


Kambodschanische Standardtankstelle

Weiterfahrt unmöglich. Auf den nächsten Tag werde ich vertröstet. Keines der tausend Busbahnhofbüros der Stadt möchte mich auch nur in irgendeiner Art und Weise an ein vierrädriges Gefährt vermitteln. Als ich sage, dass ich dann eben den Daumen heraushalten werde, schütteln sie alle den Kopf. Und so falsch liegen sie mit der ganzen Schüttelei ja gar nicht. Die Brücke in Kampong Cham zieht sich kilometerweit über den Mekong und ich, ermüdet vom vielen Wandern entschließe mich sogar dazu, direkt auf der Brücke zu trampen. Läuft!!! Zehn Minuten und ein Kleinbus mit abgekratztem Lack, zwei Besatzungsmitgliedern zweifelhafter Herkunft und alle – Kleinbus wie Besatzung – innen hohl, hält an. Na gut, sage ich mir, zweifelhaft oder nicht…mal schauen, wo die hinfahren. Weit geht es zugegebenermaßen nicht. 100 Kilometer Maximum. Das ist nicht mal Kratie, der irgendwie beliebte Urlaubsort am östlichen Mekongufer. Das wäre zumindest halbwegs nah an Stung Treng gewesen, aber so geht es gerademal in ein, ja, man kann schon sagen Kaff: Suong. Allemal auch und unbedingt einen Tagesausflug in Kambodscha wert, wie mir ein in Phnom Penh lebender Amerikaner versicherte: ländliche Armut, die eigentlich einen Großteil der Bevölkerung gängelt. Als wir in diesem seltsamen Suong, wo sich die Nationalstraße in zwei spärlich ausgebaute Asphaltpfade spaltet, ankommen bricht gerade die Dunkelheit herein. Trampen bei Nacht in Kambodscha? Was bleibt mir anderes übrig. Sonst fährt ja nichts und die nächste Übernachtung ist erst in Laos angedacht.

Mit welcher Freude ich also aus dem weißen Minibus aussteige und dann auch noch zu hören bekomme, dass die Fahrt nun 200 Dollar gekostet hätte, kann man sich vorstellen. Ich nehme diesen seltsamen Fahrer zunächst gar nicht ernst. 200 Dollar? Die Fahrt mit dem Bus hierher kostet vielleicht 2 Dollar und du bist ja nicht nur wegen mir nach Suong gefahren, du wohnst doch hier!!! Vollkommen illusorisch. Hätte er irgendetwas Realistisches gesagt, hätte man vielleicht noch sprechen können, aber 200 Dollar. Wo lebt der Mensch denn? Kambodscha! Um meine Aussage noch einmal zu untermauern, presse ich meinen Zeigefinger auf die Karte. Von dort bis hier – ist nichts. Keine Strecke. Nicht mal ein Katzensprung, sondern ein Mäusefurz und du willst…mein Zeigefinger schlittert plötzlich weit auf der Karte nach oben. Irgendwo bei Vietnam verlässt er sie und ich realisiere, dass dieser dreiste Dorfmensch meine Karte geklaut hat. Die ist zwar keine 200 Dollar wert und eigentlich habe ich schon so oft Blicke auf sie geworfen, dass mein Hirn sie regelrecht abfotografiert hat – aber trotzdem. Mit Karte navigiert es sich besser. Die Diskussion geht also weiter und das halbe Dorf versammelt sich nun um uns herum, um zu schlichten oder zu schauen oder um eine öffentliche Steinigung vorzubereiten. Wäre er vielleicht etwas entschlossener gewesen, hätte ich die Karte ganz aufgegeben. So aber beginnt dieses lächerliche Gezerre und der Versuch das bisschen Papier so weit wie möglich aus meiner Reichweite zu halten. Irgendwann aber habe ich die Karte wieder und marschiere schnurstracks davon. Was für eine Aufregung für dieses mit Staub bedeckte Dorf Suong. Staub auf den Straßen, Staub auf den Gehwegen, Staub überall. Staub durch den ich auf der verzweifelten Suche nach einer Weiterfahrt laufe. Staub, in dem ich stehe, während ich mit der Hand wedele, um Autos zum Anhalten zu bewegen. Diejenigen die anhalten, wollen genauso wenig realistische Summen von mir haben. Die Einheimischen sorgen sich allmählich um mich. Raten mir an, mich irgendwo schlafen zu legen und am Morgen weiterzufahren. Doch wo? Und außerdem gehen mir schon wieder die Dollarscheine aus. Verfluchtes Angkor Wat hat 20 USD für den Tag gekostet. Und nun müsste ich glatt um den Erwerb eines Tickets für den nächsten Bus bangen. Hunger hab ich zu allem Unglück auch noch. Was soll’s – Standardtaktik: Fraternisierung mit der lokalen Bevölkerung.

In irgendeinem Straßenlokal, in dem Einheimische eigentlich nichts anderes machen, als fermentierte Eier zu verspeisen, lerne ich einige Arbeiter kennen: endlich habe ich das Proletariat gefunden. Und so wie ich mich mit der mittelkambodschanischen Arbeiterklasse verbrüdere, wird mir auch sofort ein Ei hinübergereicht, welches ich während meines Reiseberichtes langsam und nach gewohnter südostasiatischer Art und Weise auslöffele. Mit der Eiübergabe werde ich quasi direkt in ihren elitären Kreis aufgenommen. Die braun-schwarz-grün-grau schleimige Masse wandert in meinen Mund und heraus aus ihm kommt ein gleichsam farbenfroher Schwall an Worten, die hier kein Mensch versteht. Immerhin gibt man mir zu verstehen, dass man mich gesehen habe, vorhin, an der Ecke, im Gezerre mit dem Landkartendieb. Man informiert sich weiter. Und zum Glück, es findet sich einer der Englisch kann. Der wahrscheinlich komplizierte Khmer-Name ist mir bereits nach einer Sekunde entfallen. Jedenfalls sieht der ungefähr 30-jährige Mann in etwa genauso vertrauenswürdig aus, wie der Kleinbusfahrer. Da er mir aber bereitwillig ein gegorenes Ei nach dem anderen hinüber reicht, lasse ich mich auf Gespräche ein. Er sei also Mechaniker, so seine Aussage und er wohne nur wenige Minuten mit dem Motorrad vom Stadtzentrum Suongs entfernt. Da das Geld heutzutage knapp sei, mietet er die Werkstatt seines Chefs auch für private Zwecke. Nachts verwandelt sich die Arbeitsstelle komplett in ein Nachtlager. Die Wände sind mit Hängematten für die Kinder bestückt, die Eltern besitzen das einzige Bett des Hauses, welches erstaunlicherweise sogar mit einem Fernseher ausgestattet ist. Der Mechaniker selber schläft auf einer riesigen Werkfläche, die nachts profan mit einem Moskitonetz überdacht und mit dünnen Matten bedeckt wird. Dann schlüpft man – er teilt sich die Arbeitsfläche mit seinem besten Kumpel – in die Schlafsäcke und am nächsten Morgen werden auf dem improvisierten Bett wieder Eisenspäne gehobelt.

Für mich wird die Arbeitsplatte nun ebenfalls zum Nachtlager. An Gästehäusern arm, hatte ich bereits verzweifelt überlegt, wo ich in dieser gottverlassenen Gegend hausen soll. Im Staub, im dürren Gras, irgendwo das Zelt hin krachen? Besser nicht – denn diese Reisetradition habe ich schon lange hinter mir gelassen. Heutzutage quatscht man sich einfach irgendwo hinein und irgendwie kommt man schon unter. Sei es auch nur in einer lausigen Werkstatt mit einfachen Arbeitern. Der Mechaniker hat immerhin großes vor. Während seine beiden Schwestern angeblich in der nächstgrößeren Stadt Medizin studieren, widmet er sich Abend für Abend der englischen Sprache. Das wird ihn irgendwann einmal so richtig reich machen, sagt er. Selber gibt er sich maximal fünf Jahre, dann will er mich in Deutschland besuchen und fragt mich deswegen nach meiner Telefonnummer. Und ich soll mich revanchieren und ihn beherbergen. Als ich ihm versuche meine E-Mail-Adresse zu notieren, lehnt er zunächst dankend ab. Warum? Er habe kein Internet. Na aber wenn du reich bist, wirst du doch welches haben. Fast eine Stunde lang muss ich ihm erklären, dass Reichtum quasi gleichbedeutend mit Internet, ja geradezu der Inbegriff dessen ist. Obwohl er ja recht hat. In fünf Jahren sind E-Mail-Adressen wahrscheinlich ohnehin schon längst altmodisch, wir kommunizieren alle über Facebook und Mark Zuckerberg lacht sich ins Fäustchen.


Markus und die Mechaniker


Markus und die Mechaniker

Stolz zeigt mir der Mechaniker am Abend auf seiner Arbeitsplatte seine von seinem mickrigen Lohn zusammengekratzten Arbeitshefte, die monotone Aufgaben und Schemata der englischen Sprache beinhalten. Alles muss ich durchblättern. Die Kinder amüsieren sich darüber nicht schlecht und sein Kollege verdreht nur die Augen über die Begeisterung des zielstrebigen Mannes. Die Idee unfassbaren Reichtums durch Englischkenntnisse ist aber auch wirklich ein bisschen naiv. Natürlich hat man Vorteile, gerade wenn man es in Kambodscha darauf anlegt, den Touristen das Geld aus den Taschen zu ziehen. Westreisende werden hier zuweilen als die Menschwerdung eines Dollarzeichens angesehen. Kontakte jenseits dieser personifizierten Geldebene sind schwierig, funktionieren jedoch wie in diesem Fall manchmal doch. Dass dieser kleine Mechaniker aber ein großes Handels- und/oder Betrugsimperium aufbauen wird, daran glaubt in dieser Werkstatt niemand: nicht die hypnotisch auf den Fernseher starrenden Eltern, nicht die wild umher hampelten Kinder, die sich hinter den wuchtigen Maschinen verstecken und erst recht nicht die adoleszente Riege der Familie, welche ganz entspannt in den geschätzten fünfzehn Hängematten an Wand und Decke liegen. Aber gut, ich erkläre mich gerne dazu bereit, den Unwissenden zu spielen und den Mechaniker in seinem Glauben zu bestärken. Im Tausch zur Unterkunft gibt es an diesem Abend den seltenen Moment einer Praxisstunde für den Bald-Reichen. Und wie oft kommt es schon vor, dass sich ein Europäer in diese Gegend verirrt? Und so reden wir und reden wir und auch etwas zu Essen gibt es. Ein großer Reistopf wird auf die vorbereitete Arbeitsplatte gehievt, dazu gibt es irgendetwas, das wie zerkochtes Gemüse aussieht. Selbst Fleisch ist drin. Nach dem Essen wird alles feinsäuberlich abgeräumt, abgewaschen und ich werde dazu eingeladen mit ihm zu duschen. Wie, was, wie, wie…habe ich da gerade etwas falsch verstanden? Ich hake nach – es muss an der Sprachbarriere liegen. Doch nein, er sagt tatsächlich „have a shower with me.“ Nun ja, ich schau ihn mir an und denke mir schon, dass er da irgendetwas verwechselt. Denn erstens: eine Dusche in dieser Region – unvorstellbar!!! Zweitens sollte man nach dem Essen auf keinen Fall unters Wasser gehen. Aber tatsächlich hat er genau das vor. Immerhin hatte ich mit der Dusche recht: im Hinterhof steht lediglich ein riesiges Fass mit Wasser bereit, das ständig von einem Brunnen aus befüllt wird. In kräftigen Zügen wird der Flaschenzug aus der Tiefe hochbewegt. Der Inhalt des Eimers ergießt sich in das große Fass und aus diesem wiederum müssen wir uns nun mit Wasser beschütten. Schöpfkellen dienen als Hilfsmittel und komplett durchtränkte Handtücher werden zum Abtrocknen verwendet. Und so reiben wir uns – glücklicherweise nicht gegenseitig, wie seine Einladung grammatikalisch korrekt zunächst vermuten ließ – landestypisch mit Waschpulver ein und schütten Wasserschwalle über unsere Köpfe. Dann geht es zurück auf das harte Arbeitsbrett, tiefer Schlaf und eine Motorradfahrt zum Busbahnhof am nächsten Morgen. Und wie ich dort so auf einer staubbedeckten Kreuzung auf einem vollkommen deplatzierten Bürostuhl hinter einem genauso fehl am Platze seienden Bürotisch sitze und drei bis vier Stunden auf meinen Bus in den Norden warte, bin ich mir sicher, dass ich es bis zum Abend nach Laos, mindestens aber nach Stung Treng schaffen werde. Auch denke ich mir, dass dieses furchtbare Suong ja gar nicht so furchtbar ist. Dann rauscht ein riesiger Massentransport an Menschen vorbei, eine Motorradfahrerin legt sich mit ihrer Maschine in den Trockendreck und die Polizei verfolgt irgendwelche Kinder auf Diebeszug. Wunderschön – faszinierender Mikrokosmos.


Drei Stunden auf der Hauptkreuzung von Suong


Menschen auf Trucks


Das wunderschöne Suong: Staub, Trucks und Hupgeräusche

Mittwoch, 25. August 2010

Die Brüste von Angkor: eine wissenschaftliche Abhandlung über die ikonoplastische Kryptopornographie in der ostasiatischen Spätantike am Beispiel...

...der Tempelreliefs hinduistischer und buddhistischer Palastruinen der altkambodschanischen Königsstadt Angkor

(Blogger sucks: man kann nicht mal eine vollkommen normal bemessene Überschrift in die Titelzeile setzen!!!)


Angkor – ich will es mal so sagen: das, was wir uns heute aus historischer Perspektive anschauen, ist ostasiatischer Antikenporno pur. Wer sich einmal den gesamten Stil dieser Tempelanlagen anschaut, merkt schnell, dass Angkor komplett pornographisch konzipiert ist. Phallussymbol da, Phallussymbol dort – und dazu noch in Lotusblütenform. Eine Symbolik die Bände spricht. Und zwischenzeitlich wurde sie wohl sogar Lingapura genannt – also die Stadt zu Ehren von Shivas Phallus. Ursprünglich kommt die ganze Angkorsymbolik aus dem Hinduismus, der auch die Altgeschichte von Kambodscha nachhaltig geprägt hat. Das vermischt sich dann mit dem Buddhismus und zack: schon haben wir diese ganzen Lingas, welche die Hindus anbeten, überall auf dem Staatsgebiet von Kambodscha. Wobei, so absolut als Phallus von Shiva wird das Linga auch wieder nicht angebetet. Während die Tantra-Lehre darauf pocht, dass es sich um das gigantische Gottesgemächt handelt, bestehen die strengen Hindus auf die Wesenslosigkeit von Shiva. Das Linga steht dabei aber immer noch für die männliche Schöpferkraft des Angebeteten – und genau als solche wollten sich die Khmer-Herrscher in der Frühphase des Reiches verewigen. Kurz um, jeder König musste unbedingt seinen eigenen Phallus auf die staubtrockene kambodschanische Erde setzen und einer musste natürlich größer als der andere sein. Das erklärt letzten Endes, wieso es in Angkor nicht wie in vielen anderen Hauptstädten nur einen Palast, einen Tempel, ein Herrschaftszentrum gibt, sondern so viele, dass man es an einem Tag, nicht mal in einer Woche schafft alles komplett zu sehen (andererseits wurde der Palast eines Khmer-Herrschers nach seinem Tod auch zu seinem Grabmal, was ein anderer Erklärungsansatz wäre...aber, ach…meine Version ist schlüssiger und, was noch viel wichtiger ist: unterhaltsamer).


Phalli von Angkor Wat


Seitenphallus von Angkor Wat


Phallus-Türme der klassisch hinduistischen Angkor-Periode


Phallus-Türme der klassisch hinduistischen Angkor-Periode

Um das 13. Jahrhundert bekommen die phallischen Türme, namentlich die des Bayon-Tempels, übrigens Gesichter: kurzum, sie sind keine Phalli in dem Sinne mehr. Zumindest symbolisieren sie nicht mehr Shivas Glied, sondern Buddhas Kopf. Die Khmer beginnen sich vom hinduistischen Linga abzuwenden und orientieren sich zunehmend am Buddhismus, was endlich auch die Brüste ins Spiel bringt (so halbwegs – oder auch gar nicht: ich brauche jedenfalls eine Überleitung!!!). Die befinden sich in Angkor überall!!! Nicht so sehr am Haupttempel, denn der stammt ja noch aus der phallischen Phase. Aber an allen anderen Palästen. Doch wenn ich sage: nicht so sehr am Haupttempel, dann spreche ich immer noch von über 1.700 Frauenfiguren im Angkor Wat, die allerdings allesamt weniger nackt sind, als in den anderen Komplexen. Eher sehr bauchtänzerisch und wohlgestaltet – also Geschmack hatten diese Khmer: aber der ist ja was die reine Form betrifft evolutionär universell. Gesellschaftlich wichtige Persönlichkeiten sollen diese Relieffrauen von Angkor jedenfalls nicht abbilden, auch wenn es Forscher gibt, welche die Schnitzereien als Promi-Facebook der kambodschanischen Antike bezeichnen. Bei Angkor Wat könnte man mit der Facebook-These vielleicht noch mitgehen: die Frauen sind ja angezogen abgebildet und allem Anschein auch noch irgendwie unterschiedlich aussehend. Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens? Die Hindu-Ära war gewiss emanzipatorischer als das später vom Buddhismus dominierte Khmer-Reich. Es gab Königinnen und Hohepriesterinnen, die sich weit weg vom Zentrum des hinduistischen Kults in Indien sehr viel unabhängiger verwirklichen konnten als andernorts. Das spräche für die Abbildung von Personen. Aber die barbusigen Damen an der aus buddhistischer Zeit stammenden Lepraterrasse, die ihren Namen von einer geschlechtslosen (dem Mythos nach leprakranken) (Königs-)Figur haben soll? Oh nein, nein, nein…wenn wir schon in Internetmetaphern sprechen, so sind die Brüste von der Lepraterrasse eher ein altertümliches YouPorn nur ohne Motion. Irgendeine gleichermaßen bedeutsame Rolle müssen die Reliefs jedenfalls gehabt haben, denn es werden wirklich ausschließlich Brüste dargestellt, um die sich rein zufällig noch ein Restkörper anzuordnen scheint. Warum? Zu was? Ob nun zu Fruchtbarkeitszeremonien, zur Yoni-Anbetung im Gegensatz zur Linga-Verehrung oder zu welchen Ritualen auch immer, die sich in den heiligen Hallen abgespielt haben mögen!?! Mit dem Sexismus haben es die Buddhisten jedenfalls schon ein wenig, auch wenn die Lehre gleichberechtigtes Suchen und Finden von Erleuchtung vorgibt. Aber als Religion muss man es ja nicht immer ganz genau nehmen. Außerdem wurde in der frühbuddhistischen Lehre alles Weibliche per se stets als Ausdruck von Weltleiden und Begierde, als teuflischer Weg in die qualvolle Reinkarnation, also in die nicht enden wollende Wiederkehr des ewig Gleichen, um mal wieder den guten alten Nietzsche hervorzuholen, verstanden: "Wenn du zum Weibe gehst, vergiss die Peitsche nicht!"


Phallisch anmutendes Eingangsportal zum Angkor Thom Areal, wo sich auch der Bayon-Tempel befindet


Gesichter über Gesichter an der Hauptmagistrale zum Bayon


Bayon-Tempel aus der buddhistischen Phase: jetzt bekommen die Phalli Gesichter

Frühbuddhistische Epoche: Phalli mit Nase, Mund und Ohren


Frühbuddhistische Epoche: Phalli mit Nase, Mund und Ohren


Frühbuddhistische Epoche: Phalli mit Nase, Mund und Ohren


Frühbuddhistische Epoche: Phalli mit Nase, Mund und Ohren


Frühbuddhistische Epoche: Phalli mit Nase, Mund und Ohren


Noch zünftig gekleidet: Frauenreliefs am Angkor Wat


Hier geht es endlich mit den nackten Frauen los: An der Terrasse des Leprakönigs, der ganz gemächlich da herumsitzt


toll


wunderschön


atemberaubend


fantastisch


Die hier auch: einfach nur super


gebieterisch


ausgezeichnet


etwas nachdenklich

Eine der buddhistischen Tempelanlagen mit den vielen hübschen Mädchen an den Wänden hat es mir, wenn auch unabsichtlich, besonders angetan: Preah Khan. Sie befindet sich fast ganz im Norden und ist so ein kleines bisschen kreuzartig aufgebaut. Im Zentrum des ganzen Komplexes befindet sich ein Stupa, von dem lange Gänge in alle vier Himmelsrichtungen gehen. Von Norden her komme ich und schreite zielsicher auf den altertümlichen Palast zu, muss gleichzeitig noch die Horde an Kindern abwimmeln, die mir seit meiner Ankunft in Angkor selbstgebastelte Armreife verkaufen wollen: 10 Stück für einen Dollar. Was soll ich denn mit zehn Stück? Und warum überhaupt ich? Ach ja, zum verschenken. Aber an wen denn alles? Würde ich bei jedem Kind zehn Armreife kaufen, würde ich mit geschätzten 200 nach Hause gehen, was immerhin einen nicht enden wollenden Vorrat an Geschenkmaterial für etwaige Freundinnen bedeuten würde. Ich hätte das vielleicht doch noch einmal genau durchrechnen und mich von den gewaltigen Vorteilen eines solchen Lagers überzeugen sollen. Notfalls könnte man die von kambodschanischen Kinderhänden gefertigten Armreife ja noch für einen Dollar pro Stück in Deutschland verkaufen und darauf pochen, dass es Unikate aus Indochina wären. Zu spät, zu langsam gedacht. Die Kinder bringen mich jedoch so durcheinander, dass ich gleich zweimal in den Tempel laufe. Einmal von Norden nach Süden und zurück und dann erneut von West nach Ost. Die Sache ist einfach die: der Komplex ist wirklich groß und als ich schon wieder mein Fahrrad erklimme und gen Westen fahre, dauert es gut und gerne zehn Minuten bis ich an der nächsten Abbiegung mit dem Hinweis auf irgendeinen Tempel vorbeikomme. Ich denke natürlich angesichts der Entfernung: das muss doch jetzt ein anderer sein. Und bevor ich mich des Namens vergewissern kann, kommen schon wieder die kleinen Verkäufer an und laufen mir bis zum reichgeschmückten Eingangsportal hinterher, auf das riesige bengalische Feigenbäume einfach mal so drauf gewachsen sind. Das hatte ich vorher nicht gesehen und beeindruckt von diesem Anblick laufe ich hypnotisch die Ost-West-Magistrale entlang. Als ich in der Mitte beim Stupa ankomme, denke ich mir noch so: Mensch, sehr einfallsreich waren die Khmer bei der Strukturierung ihrer Tempel aber auch nicht. Immer dasselbe Prinzip. Himmelsrichtungstangenten und ein Stupa in der Mitte: LANGWEILIG!!! Ja, und jetzt wird es wirklich peinlich. Erst als ich an meinem eigentlichen Ziel, der Tempelanlage Ta Prohm, wo Angelina Jolie als Computerfigur und gut aussehende, passenderweise auch noch vollbusige Archäologin Lara Croft im gleichnamigen Film nach verlorenen Grabschätzen sucht, ankomme, merke ich, dass ich zweimal durch dieselben Ruinen gelaufen bin. Was für ein Spaß. Wenigstens habe ich andere Wege genommen und mir dadurch etwas Abwechslung gesichert. Für die restlichen Angkorgebäude bleibt wegen meines Intensivausflugs in den Preah Khan aber leider kaum noch Zeit. Wenig später versagt auch noch mein Fotoapparat – und somit auch meine Erinnerung an die fortfolgenden Geschehnisse. Von mehr kann ich erst wieder berichten, wenn die Batterie geladen ist.


Feigenbaum vs. Tempel


Feigenbaum vs. Tempel



Ja, hier sehen die Mädels schon wieder ganz anders aus: hochbuddhistische Phase in Preah Khan


Markus mit strengem Archäologenblick zwischen den Frauenbildnissen in Preah Khan


Ewig lange Gänge in Preah Khan und ein Buddha, der seinen Kopf verloren hat


Echte Nervensägen - aber ein günstiges Angebot: only one Dolla-a-a-ar


Preah Khan