Mittwoch, 11. August 2010

Cat Ba Teil 3: ein Tag und zehn Verkehrsmittel

Zählen wir einmal zusammen…machen wir die Rechnung auf! Einschließlich des Schiffes, das mich durch den Halong Bay führt, sind es zehn Verkehrsmittel, die ich in kurzen Abständen hintereinander nutzen muss, um die Haiphong Region zu verlassen und nach Süden zu gelangen. Nach dem Kutter kommt das Motorrad, zehn Minuten später der Bus zur anderen Anlagestelle, nämlich der für die Schnellboote. Ich werde wieder „just in time“ angeliefert, wechsel das Fortbewegungsmittel und schaue mir aus nächster Nähe an, wie die Fähre zwar an die zehn Motorräder mitnimmt, deren kreischende Besitzer aber an Land zurücklässt. Was für ein Debakel. Wenigstens bin ich an Bord. Ob das die Hauptsache oder nicht ist, ist relativ egal – zumindest bin ich weiterhin meiner strengen Logistik hinterher und springe, um diese einzuhalten, sogar früher aus dem Bus, um auf das stauresistentere Motorrad zu steigen. Schnellstmöglich geht es wieder zu den Staatsbediensteten, denn dort liegt ja ein Großteil meines Gepäcks. Eine Stunde noch – ich muss zum Bus. Ziel der Reise soll Hue, die alte Kaiserstadt der Nguyen-Dynastie sein. Ein vielversprechender Reiseort. Lonely Planet würde Hue wahrscheinlich als das absolute Nonplusultra, den Pflichtbesuch, das Weltkulturerbe bezeichnen. Und alle Lonely Planet-Leser zieht es logischerweise dort hin. Mich auch. Nur, dass ich von Hue irgendwo anders gelesen habe. Gelesen habe ich auch, dass Busse dorthin fahren. Zu spottbilligen Preisen und zu spotthaft langen Fahrzeiten versteht sich. Einen dieser Busse möchte ich erwischen, doch…doch…doch. Als das Motorrad in den Busbahnhof einfährt, ahne ich schon Schlimmes. Warum – keine Ahnung. Aufgrund meiner ersten Busfahrt in Vietnam hätte ich eigentlich davon ausgehen müssen, dass Bestechung in diesem Land ausgezeichnet funktioniert. Dass der Bus voll ist – na gut. Aber wieso kann man denn nicht für ein kleines Trinkgeld an den Fahrer auf dem Boden hocken? Was ist denn euer Problem? Wir bieten ausschließlich Komfort, heißt es. Ich will aber ausschließlich Beförderung. Bloße Beförderung – nicht mehr und nicht weniger. Das Spiel spielen sie aber nicht mit. Erst am nächsten Tag geht irgendeine Fahrt nach Hue. Aber Alternativen muss es doch geben. Muss es. Was liegt denn noch auf dem Weg? Ich wühle die Karte heraus und finde auf halbem Wege die Industriestadt Vinh. Nicht schön anzusehen, nichts zu machen da – aber eben auf der Strecke. Ich spekuliere: wenn ich 5 Uhr morgens dort ankomme, fährt doch bestimmt irgend…na mal sehen…irgendwas fährt halt schon weiter. Notfalls wird versuchsweise der Daumen rausgehalten. Wir werden sehen. Ich springe in den Bus und zuckele mit ihm gemächlich durch die Nacht nach Süden. Mit zwei/drei anderen Leuten teile ich mir das hintere Bett des Busses. Irgendwann weckt mich ein seltsames Geratter auf. Wir sind da: industriell ist in Vinh auch der Busbahnhof. Fahrzeuge fahren von hier aus geradezu überall hin. Ein Kleinbus wird mich nach Hue mitnehmen, doch die Kontrolleurin versucht mich gehörig über den Tisch zu ziehen. Mal wieder den doppelten Preis für den Westtouristen – ist ja klar. Ich streite mich herum – sie setzt ein ernstes Gesicht auf, als ob sie mir wirklich erzählen wollte, dass das der echte Preis ist. Kurze Verunsicherung bei mir, dann Kopfschütteln: hier, nimm das, was ich dir gebe, ich will nach Hue.

Wir sind damit bei Fahrzeug Nummer…noch mal nachzählen: Schiff, Motorrad, Bus, Schiff, Bus, Motorrad, Motorrad, Bus, Kleinbus…wir sind bei Vehikel 9 und es ist immer noch kein ganzer Tag vergangen. Vehikel Nummer 9 ist ein besonderes. Grund dafür ist aber weniger das Fahrzeug, als der Fahrer. Der ist absolut durchgeknallt. Durch eng verschlungene Straßen fährt er ständig in den Gegenverkehr hinein. Der Gegenverkehr macht aber dasselbe: Im Ergebnis Linksverkehr – es funktioniert. Trotzdem bekommt man es bisweilen mit der Angst zu tun. Man versucht zu schlafen. Müde ist man ja. Doch kurz nachdem man ein klein wenig auf dem Knie des Nebenmannes eingenickt ist – das hängt einem nämlich automatisch im Gesicht, wenn sich zehn Leute auf eine Sitzbank im Kleinbus zwängen – kommt wieder dieses Geräusch. Hupen, in allen Varianten. Einmal gibt es das melodische Warnhupen. Wirklich ein bisschen wie Musik. Es soll die vorfahrenden Fahrzeuge und speziell die Motorräder von dem Kommen des Kleinbusses in Kenntnis setzen. Es gibt aber auch andere Hupgeräusche. Ein Fahrzeug hat mindestens drei. Das erschütterndste, ins Mark dringendste ist dieses laute, grobe, einen abrupt aus dem Schlaf reisende Hupen, welches man in Europa sonst nur wenige Sekunden vor dem Zusammenprall mit einem 10-Tonner hört. In Vietnam ist es aber auch in einem Kleinbus allgegenwärtig und lässt entweder das Knie des Nebenmannes in das eigene Gesicht zucken…oder andersherum. Ein Spaß ist das vielleicht. Und dann sitzen auch noch Leute in dem Bus herum, die einen die gesamte Zeit anstarren und lange Monologe halten, von denen ich vermute, dass sie unfassbar interessant sind, aber…die Sprachbarriere. Und ich sage noch, dass ich nichts verstehe und denke, dass ich eigentlich nur schlafen will. Doch sie reden weiter. Wenigstens bei der Vorbeifahrt an den Vinh-Doc-Tunneln der nordvietnamesischen Armee kann ich mir bruchstückhaft vorstellen, was mein Nebenmann erzählt. Ich notiere mir den Namen der Sehenswürdigkeit und nehme mir fest vor, in Hue mehr darüber zu erfahren. Die schrecklich holprige Fahrt endet nach fünf Stunden. Wir haben 12 Uhr. Wir sind am Busbahnhof in Hue. Von Weitem ist die berühmte Zitadelle der Stadt mit der maßlos übertrieben großen kommunismusroten Fahne mit goldenem Stern in der Mitte zu sehen. Moto-Taxis stürzen auf mich zu. „Where do you go?“ „Moto, Moto – very cheap.“ I – don’t – know. Sage ich und verschwinde in die dunkelste Ecke des Busbahnhofs. Dabei habe ich es bereits auf ein bestimmtes Gästehaus abgesehen, in dem man für einen Dollar pro Nacht ein Moskitonetz mit Bett oder vice versa bekommt. Und so stehe ich nun da. Habe mal wieder die Auswahl der Verkehrsmittel. Moto oder Fahrrad-Tuk-Tuk. Ich weiß, dass das Fahrrad Ewigkeiten brauchen wird, doch eines steht auch fest. Das zehnte Fahrzeug an diesem Tag muss etwas Außergewöhnliches sein. Und so setze ich mich mit meinem schweren Rucksack auf die Sitzpritsche und lasse mich von den zitternden Waden des Fahrradtaxifahrers voranschieben. Der Reisetag endet somit in absoluter Langsamkeit. Fast schlafe ich sogar auf dem „Cyclo“ ein. Aber nur fast. Den allertiefsten Schlaf hebe ich mir für das Hotel auf, in dem ich ruhig und gemütlich von meiner Geldkarte träume, die immer noch in irgendeinem Automaten auf Cat Ba steckt.


Das Video zeigt die Fahrt als das meiste schon überstanden war.


Zitadelle von Hue


So weltbewegend ist das Weltkulturerbe von Hue nicht


In der Zitadelle

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