Wir sind damit bei Fahrzeug Nummer…noch mal nachzählen: Schiff, Motorrad, Bus, Schiff, Bus, Motorrad, Motorrad, Bus, Kleinbus…wir sind bei Vehikel 9 und es ist immer noch kein ganzer Tag vergangen. Vehikel Nummer 9 ist ein besonderes. Grund dafür ist aber weniger das Fahrzeug, als der Fahrer. Der ist absolut durchgeknallt. Durch eng verschlungene Straßen fährt er ständig in den Gegenverkehr hinein. Der Gegenverkehr macht aber dasselbe: Im Ergebnis Linksverkehr – es funktioniert. Trotzdem bekommt man es bisweilen mit der Angst zu tun. Man versucht zu schlafen. Müde ist man ja. Doch kurz nachdem man ein klein wenig auf dem Knie des Nebenmannes eingenickt ist – das hängt einem nämlich automatisch im Gesicht, wenn sich zehn Leute auf eine Sitzbank im Kleinbus zwängen – kommt wieder dieses Geräusch. Hupen, in allen Varianten. Einmal gibt es das melodische Warnhupen. Wirklich ein bisschen wie Musik. Es soll die vorfahrenden Fahrzeuge und speziell die Motorräder von dem Kommen des Kleinbusses in Kenntnis setzen. Es gibt aber auch andere Hupgeräusche. Ein Fahrzeug hat mindestens drei. Das erschütterndste, ins Mark dringendste ist dieses laute, grobe, einen abrupt aus dem Schlaf reisende Hupen, welches man in Europa sonst nur wenige Sekunden vor dem Zusammenprall mit einem 10-Tonner hört. In Vietnam ist es aber auch in einem Kleinbus allgegenwärtig und lässt entweder das Knie des Nebenmannes in das eigene Gesicht zucken…oder andersherum. Ein Spaß ist das vielleicht. Und dann sitzen auch noch Leute in dem Bus herum, die einen die gesamte Zeit anstarren und lange Monologe halten, von denen ich vermute, dass sie unfassbar interessant sind, aber…die Sprachbarriere. Und ich sage noch, dass ich nichts verstehe und denke, dass ich eigentlich nur schlafen will. Doch sie reden weiter. Wenigstens bei der Vorbeifahrt an den Vinh-Doc-Tunneln der nordvietnamesischen Armee kann ich mir bruchstückhaft vorstellen, was mein Nebenmann erzählt. Ich notiere mir den Namen der Sehenswürdigkeit und nehme mir fest vor, in Hue mehr darüber zu erfahren. Die schrecklich holprige Fahrt endet nach fünf Stunden. Wir haben 12 Uhr. Wir sind am Busbahnhof in Hue. Von Weitem ist die berühmte Zitadelle der Stadt mit der maßlos übertrieben großen kommunismusroten Fahne mit goldenem Stern in der Mitte zu sehen. Moto-Taxis stürzen auf mich zu. „Where do you go?“ „Moto, Moto – very cheap.“ I – don’t – know. Sage ich und verschwinde in die dunkelste Ecke des Busbahnhofs. Dabei habe ich es bereits auf ein bestimmtes Gästehaus abgesehen, in dem man für einen Dollar pro Nacht ein Moskitonetz mit Bett oder vice versa bekommt. Und so stehe ich nun da. Habe mal wieder die Auswahl der Verkehrsmittel. Moto oder Fahrrad-Tuk-Tuk. Ich weiß, dass das Fahrrad Ewigkeiten brauchen wird, doch eines steht auch fest. Das zehnte Fahrzeug an diesem Tag muss etwas Außergewöhnliches sein. Und so setze ich mich mit meinem schweren Rucksack auf die Sitzpritsche und lasse mich von den zitternden Waden des Fahrradtaxifahrers voranschieben. Der Reisetag endet somit in absoluter Langsamkeit. Fast schlafe ich sogar auf dem „Cyclo“ ein. Aber nur fast. Den allertiefsten Schlaf hebe ich mir für das Hotel auf, in dem ich ruhig und gemütlich von meiner Geldkarte träume, die immer noch in irgendeinem Automaten auf Cat Ba steckt.
Das Video zeigt die Fahrt als das meiste schon überstanden war.
Zitadelle von Hue
So weltbewegend ist das Weltkulturerbe von Hue nicht
In der Zitadelle
Schön zu lesen. Hoffe auf mehr Storys in Bälde.
AntwortenLöschenJens