Editorische Notiz: Ich möchte betonen, dass es sich bei dem Titel nach „Markus und die Mechaniker“ um eine weitere Musikreferenz handelt, welche aufgrund der Verwendung der deutschen Sprache nur unzureichend zur Geltung kommt.
Dass die Stunden wie im Fluge vergehen, kann man nicht gerade behaupten. Im Staub von Suong sitzend warte ich und warte ich, lese sogar mein mitgebrachtes Buch zum russischen Mediensystem durch – ja, das sind die Momente, in denen man sich in aller Ruhe der Vorbereitung einer Magisterarbeit widmen kann. Das angesichts der wenigen Autos erstaunlich laute Hupkonzert verschwimmt um einen herum zu einem dumpfen Ton, den man nur noch marginal wahrnimmt. Nur ab und zu schreckt man aus der Lektüre auf, dann nämlich, wenn jemand vorbeikommt und nach Tickets in Richtung Phnom Penh fragt. Ich bin überraschenderweise in die Rolle des Platzkartenverkäufers gerutscht, wobei mir diese Ehre nur deswegen zu Teil wurde, weil man den vermutlich mit vielen hübschen Dollars bestückten Westtouristen auf keinen Fall drei bis vier Stunden lang stehen lassen wollte. Der Busbahnhofsaufseher räumt daher bereitwillig seinen Platz und fordert mich dazu auf, mich hinter den Ticketschalter zu setzen, welcher ein einfacher Bürotisch am Rande einer Straßenkreuzung ist. Könnte ich jetzt Khmer, ich hätte mir die ganzen Ticketvordrucke für den Fall der Fälle unter den Nagel gerissen. Beim späteren Selbstausfüllen wären dann aber Probleme aufgetreten. Dieses Schlängelige dieser Schrift, dieses Undefinierbare, Ornamenthafte – nein, das könnte ich nicht kopieren. Für ein Tramperschild vielleicht, aber auf einem Busfahrschein keinesfalls. Zeit dazu, es zu lernen, hätte ich immerhin gehabt. Denn selbst nach drei Stunden ist von einem Bus weit und breit nichts zu sehen. Ich ärgere mich, dass ich nicht auf einen der vollbeladenen Trucks gesprungen bin und mit den Einheimischen auf dem Führerhaus herum balanciere. Dann wäre gewiss schneller vorangekommen, aber wahrscheinlich auch zum allerersten Todesopfer in der Geschichte des „Trucking“ geworden. Man glaubt gar nicht, wie viel Geschick die Khmer haben, wenn es darum geht auf einem fahrenden Gefährt festen Stand zu halten.
Als mit zwei Stunden Verspätung ein größerer Bus vor meinem Bürotisch anhält, reagiere ich schon gar nicht mehr. Der eigentliche Ticketverkäufer kommt jedoch herangeeilt und drängt mich in den Bus. Alles eingepackt, selbst den vietnamesischen Hut aufgesetzt, den ich mir auf die Schnelle in Siam Riep noch organisiert hatte …noch dreimal nachgefragt, ob der Bus auch wirklich nach Stung Treng fährt, und dann rein in die Kiste. Wir scheppern los und alles sieht einwandfrei aus. Ich schätze, dass es maximal fünf Stunden bis nach Stung Treng sind, womit ich es problemlos noch an die Grenze schaffen sollte. Hinter dem Mekong-Knick wird selbst die Fahrbahn allmählich besser, hinter Kratie nimmt sie geradezu westliche Qualität an und nun weiß ich, dass es sich um die neue, groß angepriesene Nationa-a-a-alstraße 6 handeln muss. Genau diese verbindet Phnom Penh direkt mit Laos und ist eines der wenigen Prestigeprojekte des königlichen Regimes. Erst weit hinter Kratie nimmt die Straßenqualität rapide ab. Abrupt könnte man sagen. Schlagartig verwandelt sich der Untergrund in nichts weiter, als einen rötlichen Staub, der mit Wasser vermischt einen widerlichen Schlamm bildet, welcher wiederum an Scheiben und Karosserie spritzt. Auch das Rattern nimmt erheblich zu, so sehr sogar, dass man aufpassen muss, nicht aus dem Fenster zu fallen. Schöne Nationalstraße, denke ich mir, auf der man nochmals zwei Stunden braucht, um 50 Kilometer hinter sich zu lassen. Das war zumindest die Aussage des Straßenverkehrsschildes, welches kurz bevor der Belag so fatal gewechselt hat quer auf dem Asphalt lag. Über diese verdammte Nationalstraße ärgere ich mich wirklich. Wäre alles normal verlaufen, wäre ich rechtzeitig in Stung Treng gewesen, um nach Laos überzusetzen. Aber so dämmert es schon – bei mir und am Himmel – als ich aus dem Bus aussteige und einen sandbedeckten Marktplatz im orientalischen Stil betrete. Sofort stürzen die Touristenjäger auf uns zu. Einer nach dem anderen unterbreitet den westlichen Ankömmlingen verlockende Offerten: 5 Dollar pro Übernachtung, ruft der eine. Der andere schreit aus dem Hintergrund irgendetwas von 4. So kann man handeln. Langsam beruhige ich die aufgebrachte Menge und frage offiziell nach 3 Dollar. Als einer das Angebot bejaht, frage ich nach 2 Dollar. Aus der letzten Reihe höre ich ein verhaltenes Zeichen der Zustimmung. Soll ich es etwa wagen? 1 Dollar? Deal. So läuft das doch gut in Stung Treng. Zufälligerweise landen letztlich auch noch alle anderen Ausländer an Bord in diesem eigenartigen Gasthaus, das sich direkt im Urwald zu befinden scheint. Mücken plagen uns, ansonsten herrscht Ruhe. Lediglich die Gewehre und Raketenwerfer derer, die auf Elefanten schießen, kann man ab und zu in der Ferne hören, aber sonst ist alles mucksmäuschenstill.
Beim Abendbrot sitzen wir alle zusammen. Es wird nach Reiseplänen gefragt und danach, was einen in diesen touristisch so unattraktiven Ort geführt hat. Ich mache den Anfang, beteuere meine Verwunderung, hier überhaupt Menschen zu finden, die in Stung Treng übernachten. Ich meinte, dass wäre nur ein Umschlagsplatz, bedeutungslos, unschön, dort wo man nur unfreiwillig in Wartestellung geht, um anschließend nach Laos zu fahren. Dass ich am nächsten Morgen früh zeitig zum Nachbarn aufbrechen will führe ich auch bereitwillig aus. Doch noch bevor ich fortfahren kann, spüre ich plötzlich dieses seichte Klopfen auf meiner Schulter. Es ist dieses typische Klopfen, das einem sagen will: hmm, Ärmster…du hast ja keine Ahnung. Ein fast mitleidsvolles Klopfen, welches sich im Anschluss in profane Schadenfreude und daraufhin in ein Gemisch aus beidem verwandelt. Mit Verwunderung und einem Lächeln, das diese auf geradezu asiatische Weise zu verbergen versucht, wende ich mich zu der nur in Umrissen erkennbaren Person um...
BAAAALONG??? Verflucht, was? Wo zum ***? Wie, in aller Welt. Ver*** und *** ** ***** *** ***, aber das kann doch **** nicht *** ***** *** *** ***!!! ********!!! **, **********!!! *****!!! ******!!!!!!! ******!!!!!!!!!!! ****!!!! *** ***!!! ********!!! **, **********!!! *****!!! ******!!!!!!! ******!!!!!!!!!!! ******************************!!! *** *** ******** ** *** **** ***!!! *** *** !!! **** ****!! ****!!!! *** ***!!! ********!!! **, **********!!! *****!!! ******!!!!!!! ******!!!!!!!!!!! ******************************!!! *** *** ******** ** *** **** ***!!! *** *** !!! **** ****!!********!!! **, **********!!! *****!!! ********!!! **, **********!!! *****!!! ********!!! **, **********!!! *****!!! ********!!! **, **********!!! *****!!! ********!!! **, **********!!! *****!!! ********!!! **, **********!!! *****!!! ********!!! **, **********!!! *****!!! ********!!! **, **********!!! *****!!! ********!!! **, **********!!! *****!!! ********!!! **, **********!!! *****!!!
Nachdem ich mich von meinen Fluchtiraden, die ich natürlich auf Russisch geführt habe, da man auf Russisch einfach besser fluchen kann, erholt habe, lasse ich mir alles ganz ruhig und langsam, mit einem nervösen Zucken im Auge erklären. Also…die Sache sei eben die, dass Stung Treng einfach mal 200 Kilometer weit weg ist und wir uns mitten im Dschungel befinden. Nein! Verdammt! Dschungelcamp! Ich will hier raus! Der Ort heißt auch noch Balong und der Abzweig nach Balong wiederum befindet sich 50 KM südlich von Stung Treng. Das ist des Rätsels Lösung, zweifellos. Deswegen hat sich die prestigereiche Nationalstraße 6 plötzlich so mir nichts, dir nichts in ein Schlammmeer verwandelt und war augenblicklich von Bambus- und Mangodickicht umgeben. Deswegen ratterten wir mehr als zwei Stunden durch den Urwald und darum sieht der Marktplatz auch aus wie eine Anlegestation für all diejenigen, die in die Wildnis aufbrechen möchten. Erklärungen leuchten ein und Lichter gehen auf. Doch wie verdammt komme ich nun aus Kambodscha heraus? Die Gegend in der ich bin, ist einfach nur Dschungel und nichts anderes. Konsultation beim Gasthausvorsteher, der es mir dauerhaft schmackhaft machen will mit ihm in die raue Natur zu kommen, um…ich vermute mal Elefanten mit Raketenwerfern zu erschießen. Doch, wenn ich eines von Franka Potente gelernt habe, dann ist es das: nach Fünf darf man nicht mehr in den Urwald gehen. Weil dann die Elefanten Fallschirm springen!!! Da helfen dann auch keine Raketenwerfer mehr. Doch auch wenn es allem Anschein nach viele selbst nach Fünf in dieses Dickicht zieht und auch wenn ich theoretisch Zeit habe, will ich hier raus. Die Übernachtung in Pakse dürfte ohnehin schon flöten sein und die in Vientiane will ich nicht auch noch verlieren. Wir einigen uns also. Ich bleibe diese Nacht und dann werde ich zur Grenze, von dort letztlich auf das Mekong-Eiland Don Det, Bestandteil der sagenumwobenen 4000 Inseln im Grenzgebiet gebracht. Die Reisenden, die gerade von dort kamen, hielten große Stücke auf den Ort. Bungalows und Hängematten – endlose Faulheit: Ein Ort um ganze Magisterarbeiten fertigzustellen. Aber das ist eigentlich gar nicht mein Ziel. Ich habe mich selbst in eine unnötige Hektik versetzt, die mir einzutrichtern versucht, dass ich schnellstmöglich nach Vientiane kommen muss. Unsinn. Hätte ich schon in Balong gewusst, wie langweilig die laotische Hauptstadt ist, wäre ich im Dschungel geblieben und dann noch drei weitere Tage auf der Insel. So aber ging alles etwas schneller, wobei ich meine Hektik wenigstens seit Balong los war. Ein alter weiser Mann, der in einer dunklen Ecke des Speisesaals sein Pfeifchen pafft und lautstark seine Nudelsuppe schlürft, ruft aus dem Off zu mir, fragend: was gibt es denn schon in Thailand zu sehen? Der Dschungel ist viel schöner. Ob das stimmt? Ich kann nichts Schlechtes über Thailand sagen – aber das hat andere Gründe. Don Det und selbst der Kurzaufenthalt in Balong waren aber das kleine Navigationsdesaster wert.
Nach Fünf im Urwald
Die vermeintliche Nationalstraße 6
Die vermeintliche Nationalstraße 6
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen