Aber habe ich überhaupt Fieber? Ich wühle in meinen Sachen und finde am Boden liegend: ein Thermometer. Wo kommt das denn her? Zhenya! Ach, die gute Zhenya. Hatte sie mir doch im strengsten Moskauer Winter, den ich je durchlebt hatte Medikamente und ein reiches medizinisches Instrumentarium gebracht, nur um mich für die legendäre Kühlschrankparty aufzupeppeln, auf welche meine Beinahe-Verhaftung und Bestechungsversuche mit aufgemaltem Schnurbart folgten. Aber das ist ein Thema für sich, welches in ruckartigen, filmischen Bildern plötzlich an meinem inneren Auge vorbeizieht (Oh Gott, liege ich etwa im Sterben? Nein, nein – dann müsste noch sehr viel mehr folgen. Mein Leben war doch länger als eine Kühlschrankparty – oder? Verdammt, ich kann mich plötzlich an nichts anderes erinnern!!!). Zhenya jedenfalls muss das Thermometer in meinem Moskauer Zimmerchen gelassen haben, von welchem aus es in mein Rucksäckchen gefallen sein muss. Und das heißt nun ich habe endlich Gelegenheit dazu, mich als Arzt in eigener Sache zu beweisen. All die Folgen Emergency Room, die ich in jungen Jahren gesehen habe, verwandeln sich nun situativ in eine handfeste Währung. Was würden Dr. Green und Dr. Clooney nun machen? Fiebermessen lassen. Ergebnis: Neunund…waaaaaas? Verflixt und zugenäht. Des Rätsels Lösung. Aber die Ursache. WTF. Was nun? Nun, Herr Dr. Müller müsste jetzt langsam eine Diagnose stellen und die schwebt zwischen Malaria, Dengue und irgendetwas dazwischen. Malaria schließt der erfahrene Hobbymediziner freiheraus aus, denn wie könnte es denn sein, dass das gute russische, dem auf verschlungenen bürokratischen Wegen habhaft gewordene Spezialpräparat Lariam seinen Zweck nicht erfüllt. Natürlich tut es das. Schlussfolgerung: ich hab Dengue. Macht Sinn. Dengue-Mücken gibt es überall und Stiche kann ich nicht ausschließen. Dengue ist ohnehin die viel coolere Krankheit. Selbstverständlich nicht im wörtlichen Sinne, da es sich ja um eine Art Fieber handelt. Aber schon der Name klingt viel beeindruckender als Malaria und so freue ich mich endlich die Worte: „Guten Tag, ich habe Dengue“, in den Mund nehmen zu können. Aber wer würde die denn hier hören wollen? Wenn es schlimm auf schlimm käme, müsste ich in irgendeine Großstadt. HCMC, Phnom Penh oder Bangkok – Bangkok!!! Thailand ist ja zweifellos der wirtschaftlich starke Hegemon in der Region. Dort wird es etwas für mich geben.
Der Vollständigkeit halber: mein Kühlschrank in Moskau
Der Vollständigkeit halber: mein Kühlschrank in Moskau
Ebenfalls zur Vervollständigung: meine Verhaftung - nein, nein: das ist unser Okhranik Sasha, nicht die Miliz
Vorher aber eile ich zur weiteren Selbstdiagnose zum nächsten Wi-Fi Punkt. Da mir meine Erinnerung an Emergency Room nur bedingt sagen konnte, was man genau bei Dengue machen muss, frage ich den Net-Doktor, der mir immer mit Rat und Tat zur Seite steht. Zunächst beruhigt er mich: eigentlich sterben nur Kinder an dieser Krankheit – und zu dieser Menschengruppe zähle ich mich nur bedingt. Ansonsten soll man die Symptome bekämpfen und die würden bis zu drei Wochen anhalten. Zur nächsten Apotheke, alles, was nicht blutverdünnend ist bunkernder Weise gekauft: Panadol – eine eigenartige Mischung von Paracetamol und Koffein, die vermutlich in jedem anderen Land der Erde verboten wäre. Egal, rein damit und zurück in meine Fieberkammer. Ausfiebern, mitfiebern, entfiebern. Abkühlen…komm mal runter, du Fieber, denke ich mir und schlucke eine Panadol nach der anderen. Kalte Umschläge, kaltes klares Wasser – ach, was mir nicht alles im Kopf rumschwirrt. Feststeht, wenn der Spaß am Morgen nicht weg ist, muss ein Plan her. Aber oh Wunder, er ist weg. Zwar noch zittrig auf den Beinen und von den Fieberwahnschüben der Nacht, von immerhin farbenfrohen Halluzinationen, die ich sehr zu schätzen weiß, stark irritiert, lese ich auf Zhenkas Thermometer zwanzigtausendmal irgendetwas unter 37°. Solide Ziffer. Auf zum Jachthafen!
Wundersamer Weise wartet der alte klapprige Mann, dessen mir immer noch nicht zu Gesicht gekommener Vater das Gasthaus betreibt, bereits vor dem Eingangsportal auf mich und erzählt mir mit dieser eigenartig sanftmütig, fast allwissend, geradezu göttlich wirkenden Stimme, dass seine Mutter ein kleines Bootsunternehmen betreiben würde und ich dadurch billiger nach Phnom Penh käme. Ich glaube dem Menschen so langsam kein Wort mehr. Und so sind es wahrscheinlich die überbliebenen Fieberwahnzustände, die mich dazu treiben, auf den Kahn seiner locker 50 Jahre jüngeren Mutter zu gehen. Kahn ist wahrscheinlich noch übertrieben ausgedrückt. Die Handbreit Wasser ist bei dieser Gondel nicht nur unterm Kiel. Die braune Mekongsuppe steht uns sogar bis zur Reling. Reling ist natürlich auch schon wieder übertrieben. Nussschalen haben so etwas für gewöhnlich nicht. Muss ich mich dann überhaupt noch darüber wundern, dass dieses kleine Schiffchen mit Außenbordmotor acht Stunden bis nach Phnom Penh braucht? Wenn es da dieses Ausdauerproblem nicht gäbe, ich wäre geschwommen. Schon wenn ich sehe, wie jedes Dreirad an der Uferpromenade schneller unterwegs ist, als unser kleines Boot, kommt vorausschauende Langeweile in mir auf. Es ist ja nicht so, dass es gar nichts Interessantes im Mekongdelta zu sehen gäbe, aber acht Stunden!!! Nein, bitte. Höhepunkte sind rar: die Fischfarm im Grenzgebiet – genial: die Tiere benehmen sich wie Piranhas wenn man ihnen Trockenfutter zuwirft. Die Lagunendörfer der malaysisch-muslimischen Minderheit in Südvietnam – sehenswert: ein alter klappriger Mann, der getrost der Bruder des andere alten klapprigen Mannes sein könnte, verkauft den Dorfkindern Eis wie vor hundert Jahren. Er hobelt es direkt vom Block und übergießt die Späne mit farbenprächtigen Sirupsorten. Doch bevor ich eine Bestellung aufgeben kann, überfällt mich bereits der Dorfälteste, der wie der Dorfjüngste aussieht und nötigt mich zur unverbindlichen Anprobe muslimischer Prachtkleider. Ich staune: diese Männerröcke sind wahrhaft bequem. Doch bevor ich mir davon einen maßschneidern lassen kann, legt auch schon das Boot ab. Ich eile zum Dock, springe in den Einbaum und erblicke einen Mann, der auf einem Wasserbüffel den Fluss überquert. Ich schwöre, das ist der von vorhin – der von Chau Doc. Aber abgesehen davon. Ja, die Wasserbüffel. Überall Wasserbüffel. Was haben die eigentlich so mit dem Wasser? Hocken die gesamte Zeit in dieser dunklen Brühe und sind für die ansässige Bevölkerung lebendige Transportmittel zur Überquerung der Flussläufe. Umso weiter wir nach Kambodscha fahren, desto mehr sieht man, wie jedes Haus über ein eigenes kleines Reisfeld und einen Wasserbüffeltümpel verfügt. Teilweise baden die Tiere sogar direkt in den Reisfeldern. Dann gibt es aber vermutlich eins auf die Hörner und sie müssen wieder mit dem weniger spannenden Tümpel vorliebnehmen. Je näher wir der Grenze kommen, desto zahlreicher werden die Wasserbüffelpatrouillen. Mich würde es nicht einmal wundern, wenn die Grenzkontrolle auf solchen mobilen Einsatztieren angeschwommen kommen würde. Doch leider müssen wir selber vorstellig werden. Der Grenzposten befindet sich nichtsdestoweniger mitten auf dem Wasser. Eine kleine Pontoninsel, auf der wir eine Stunde auf die Ausstellung unserer Visa warten müssen und nach allerlei Ein- und Ausgestempelei schnurgerade Richtung Phnom Penh zischen. Zischen…mal wieder ein Euphemismus. Wir sind so langsam, dass nicht einmal das vom Boot verdrängte Wasser Wellen schlägt, geschweige denn zischende Geräusche von sich geben würde. In einem Wort, spätestens ab Kambodscha nervt die sich nicht verändern wollende Kulisse. Phnom Penh erreichen wir am späten Abend und schnell merke ich, dass man hier noch viel mehr die Westtouristen auf ihre Brieftasche reduziert als in Vietnam. Bei meinem nächtlichen Marsch durch die Hauptstadt begleitet mich eine ganze Traube von Taxi-, Tuk-Tuk- und Motorradfahrern, denen gegenüber man allmählich müde wird, „Nein“ und „Sorry“ und „Dude, fuck, no!!!“ zu sagen. Immerhin hat man im Beisein dieser lästigen Schar nur geringe Chancen überfallen und ausgeraubt zu werden. Kambodscha hat schließlich den Ruf eines Outlaw-Landes, in dem man alles kaufen, aber auch jede Minute beklaut werden kann. Uhhhhhh, ich hab Angst;)
Verrückte Fische auf der Fischfarm
Fischfarm
Instabile Stegkonstruktionen führen vom Wasser zum Dorf
Instabile Stegkonstruktionen führen vom Wasser zum Dorf
Malayisches Dorf im Mekongdelta
Malayisches Dorf im Mekongdelta
Warum ich immer zum Opfer solcher Kostümierungsattacken werde, weiß ich nicht...
...wenig später sah ich aber aus wie ein Malay
Grenzposten
Mekongfahrt: interessant für einen einminütigen Videoclip, für acht Stunden aber...eher langweilig
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