Dienstag, 17. August 2010

Motorradmädchen

Ausweg Da Lat: die Flucht in die Berge. Wintersachen einpacken und los. Dort oben zittert man bisweilen vor Kälte. Welches Wetterphänomen genau dafür zuständig ist, dass es in dieser Region so viel kühler ist, als in dem sonst so drückend warmen Rest Vietnams – ich weiß es nicht. An der Höhe allein kann es nicht liegen. Denn besonders große Riesen findet man unter den Hügeln im Bergland nicht. Jedenfalls konnten die französischen Kolonialherren, wenn sie von ihrer schweren Administrationsarbeit in Saigon hier her kamen, getrost ihre Tropenhelme absetzen, sich den Schweiß von der Stirn wischen und das milde Klima bei vietnamesischem Kaffee und importierten Baguettes genießen. Kulinarisch ist der Unterschied zwischen Nord und Süd sofort spürbar. Nirgends Suppenstände – nun ja, ein paar natürlich schon –, dafür lauter Sandwichbuden, die eine seltsame, nicht genau definierbare Paste auf das europäische Weißbrot streichen und dann aber auch alles, was man sich vorstellen kann, zwischen die beiden Baguettehälften klemmen. Das ist Abwechslung. Statt des alltäglichen Hin und Her zwischen gebratenem Reis und gebratenen Nudeln oder Reissuppe und Nudelsuppe, tatsächlich mal etwas handfestes zwischen den Zähnen. Etwas an dem man zu knabbern, zu beißen und zu zerren hat. Okay, das klingt jetzt so, als ob das Brot besonders zäh wäre – ist es natürlich nicht. Wir sprechen von dem besten Baguetteangebot in Südostasien.


Blick über das von mildem Klima verwöhnte Da Lat

Selbst was die Art und Weise des Speisens angeht – ab Da Lat ist alles anders. Täglich lädt mich ein Motorradmädchen zum Essen ein. Sie ist die Bekannte einer Bekannten einer Bekannten (das Netzwerk funktioniert!!!) und besitzt ein kleines Studentenapartment im Keller eines Geschäftshauses – dort wo alle vietnamesischen Studenten wohnen. Und zwar in Zuständen, die nicht wirklich toll sind. Dafür bezahlt man wohl maximal 40 Euro im Monat für das Souterrain, was auch gleichzeitig das höchste der Gefühle für vietnamesische Studenten zu sein scheint. Wie dem auch sei…dieses kleine, zierliche Mädchen hat also ein Motorrad und fährt mich auf diesem ständig durch die Stadt…von einem Essensstand zum anderen usw. usf. (ich habe manchmal wirklich keine Idee, wie sie es schafft dieses schwere Gerät in Bewegung zu versetzen). Ich lerne somit die gesamte kulinarische Vielfalt von Da Lat kennen und muss schockiert feststellen, dass man hierzulande geflissentlich auf die sonst so obligatorischen Essstäbchen verzichtet. Routiniert nehme ich sie in die Hand und will schon Schritt für Schritt Nudeln und Fleischklumpen aus der Suppenschüssel picken, sie wie gewohnt zum Abkühlen in hohem Bogen, einer Art Salto Culinare, durch die Luft schleudern, sie mit den Stäbchen feinmotorisch wieder auffangen, um sie dann genüsslich... ...doch schon im Ansatz schaut sie mich verdutzt, ja geradezu mit Unverständnis an und meint erklärender Weise: was’n mit dir los? Es gibt doch Löffel und Gabel. Das ist viel einfacher. Recht hat sie. Und während ich mich so in dieser Kulisse aus Plastikhöckerchen umsehe, fällt mir tatsächlich auf, dass ich mit meinen Stäbchen der absolute Außenseiter bin. Deshalb starren die mich hier also alle so verwundert an. Mit einem erschrockenen Zucken werfe ich die asiatischen Essutensilien von mir und nehme die Gabel in die linke, den Löffel in die rechte Hand. Wo ist das Messer, werde ich mich noch oft auf meinem Weg nach Süden fragen. Antwort: gibt es nicht. Der Löffel ersetzt es quasi und nun wäre es auch wunderschön, wenn alle Gerichte in Südostasien weich genug wären, dass man sie damit schneiden könnte – aber schon beim filetieren von Shrimps fängt die ganze Sache an keinen Spaß mehr zu machen. Aber was beschwere ich mich überhaupt: solange das Essen schmeckt, ist alles gut.

Eines fällt mir übrigens auch noch auf: die Eier. Lange, eigentlich seit China nicht mehr gesehen, werden hier wieder fermentierte Eier in allzu ungewöhnlichen Farbvariationen – meistens irgendetwas zwischen ungesundem Graubraun und Teerschwarz – aus einem mächtigen Bottich gefischt und dem Kunden vorgesetzt. Mir schräg gegenüber sitzt ein Mädchen, auch sie kommt mit dem Motorrad an, auch sie scheint eine dieser ärmlich in den Kellern von Da Lat lebenden Studentinnen zu sein. Ihr Gesichtsausdruck zeigt reine Lethargie. Und genau mit dieser Lethargie bestellt sie ein Ei nach dem anderen, löffelt es mit einer unbeschreiblichen Langsamkeit in sich hinein und fordert das Personal automatisiert dazu auf, ihr ein weiteres vergorenes Ei auf den Tisch zu stellen. Nach geschätzten zehn Eiern legt sie plump ein paar Dongscheine auf den Tisch, schiebt den Hocker zur Seite und fährt hinaus in die Nacht. Ich wette das macht sie jeden Abend. Ich wette sogar, sie ist irgendeine seltene Form vergorene Eier essender Zombies, die sich vielleicht nur in dieser abgeschiedenen Gegend, in dieser isolierten Bergwelt Indochinas behaupten kann. Nachweisen kann ich das allerdings nicht. Wahrscheinlich ist die Szene auch gar nicht einer dermaßen langen Beschreibung wert, aber…ich habe einfach noch nie jemanden so teilnahmslos schwarze vergorene Eier essen sehen, wie dieses Mädchen. Hypnotisch liegt mein Blick auf ihr. Hypnotisch verfolge ich die ungelenke Bewegung des mit einer teerigen Masse beschmierten Löffels hin zu ihrem keine Miene verziehenden Gesicht. Diese absolute Ausdruckslosigkeit lässt mich nicht los. Dieses Dumpfe, Gleichgültige, absolut Phlegmatische und Schwerfällige an ihr. Immer wieder wechsel ich die Blickrichtung während ich mit dem Motorradmädchen spreche. Kann nicht anders. Bin unkonzentriert, verunsichert, nervös. Was ist denn da hinten, fragt sie schließlich mit einem Nachdruck, der mir Angst macht. Ich kann ihr beim besten Willen keine Antwort geben. Kann nicht erklären, was mich genau an diesem Anblick so in seinen Bann zieht. Ein Glück, dass es nur zehn Eier sind, welche sie vor meinen starr gewordenen Augen verzehrt. Dann entschwindet sie. Entschwindet in die ihr wohlbekannte Dunkelheit. Im Schutz der Nacht sucht sie sich aller Wahrscheinlichkeit ihre Opfer aus und verwandelt sie zu ihresgleichen. Zu wesenslosen, stumpfsinnigen Geschöpfen, die Nacht für Nacht durch diese gottverlassene Gegend ziehen – auf der niemals enden wollenden Suche nach frisch vergorenen Eiern und menschlichem Blut. Ein Glück, wie gesagt, dass sie diesmal ungewöhnlich zeitig die kleine Nudelhütte verlässt, sonst wäre ihr apathisches Wesen womöglich noch auf mich übergegangen. Nein, damit ist nicht zu spaßen. Nein, nein, nein…wirklich nicht…aber…wie dem auch sei…


Mit dem Motorradmädchen in der Nudelbar


Ich weiß wirklich nicht, wie sie dieses Motorrad bewegen kann

…zurück zum Motorrad, bei dem wir ja eigentlich noch gar nicht waren. Also eigentlich gibt es zwei Motorradmädchen: die Bekannte der Bekannten und die Bekannte der Bekannten der Bekannten. Beide kümmern sich wirklich herzallerliebst um mich, versorgen mich mit Bett, Moskitonetz, Kultur und Nahrung. Sie beide sind in der medizinischen Ausbildung – wollen Ärztinnen werden. Entsprechend geht es auch stets im weißen Kittel auf das Motorrad und mit mir im Rücken durch die Stadt. Wir sehen: Kreisverkehre, einen trockengelegten See, den Eiffelturm und einen Golfplatz. Der Golfplatz ist groteskerweise das Zentrum der gesamten Stadt Da Lat und scheidet sie in einen Nord- und einen Süd- oder einen West- und einen Ostteil (Leider habe ich die geographische Ausrichtung der Ortschaft nicht mehr ganz im Kopf und ich bin zu faul, um Google Maps danach zu befragen). Der Golfplatz im Zentrum ist bezeichnet. Von Anfang an wurde Da Lat als Erholungsresort französischen Stils angelegt. Und noch heute zieht es die vietnamesische Oberschicht zum Abspannen in die großen Hotelareale in der Innenstadt. Wem diese französische Kurortatmosphäre noch nicht genug ist, der marschiert geradewegs in das verrückte Haus. Ich wusste selber nicht, dass es so etwas, wie vietnamesische Stararchitekten gibt. Hang Nga, ja, genau, die Ex-Präsidententochter (weiß man doch), ist aber eine – sogar mit Auszeichnung: und zwar einer die von der Staatlichen Universität in Moskau kommt. Vielleicht ist auch das der Grund dafür, dass durch ihr doch überdeutlich an Gaudí angelehntes Haus in Da Lat, so unglaublich viele Russen schwirren. Nirgends in Vietnam habe ich so viele russische Pauschaltouristen getroffen wie hier. Jetzt, ja jetzt macht es aber irgendwie Sinn. Sie alle sind hier, um sich diese vietnamesische, auf russischer Lehre aufgebaute Variante eines Park Güell anzusehen. Irgendwie ist das Gebäude tatsächlich gelungen. An Gaudí kommt es trotzdem nicht heran.


Eiffelturmkopie und/oder Sendemast


Das verrückte Haus


Das verrückte Haus


Das verrückte Haus

Nach dem Besuch in den verrückten Hallen, fährt mich das Motorradmädchen wieder durch die Stadt, zurück zu ihrem Kellerquartier und am nächsten Morgen direkt an den Straßenrand. Mein Geldmangel war ja immer noch eine Tatsache. Seit vier Tagen hatte ich lediglich 20.000 Dong, umgerechnet einen Dollar in der Tasche und war bisher, dank des Motorradmädchens wunderbar damit klargekommen. Doch wie nun nach HCMC kommen. Trampen, hatten wir ja schon festgestellt, läuft für gewöhnlich nicht. Dennoch will ich es versuchen, doch die Zweifel der Einheimischen verunsichern mich zusehends. Aber trotz alledem geben sie mir ein rettendes Papier: ein Schein, der mir die Freifahrt sichert. Im Prinzip war es schon klar, dass kein Auto für mich halten würde: es gibt ja schließlich keine. Und ein Motorrad nach Saigon: Keine Chance. Wer aber immer hält, sind Busfahrer. Die denken, dass man einfach nur eine bezahlte Fahrt sucht und verstehen das gesamte Konzept vom Trampen ganz und gar nicht. Und genau vor dem Hintergrund jener Tatsache, wurde mir von dem Motorradmädchen das Papier ausgestellt: Làm on cho toi ai quà giang xe vé thành pho Hó Chi´ Minh tòi hàt tien. Cam on! – heißt so viel wie: fahren sie mich bitte kostenlos nach Ho Chi Minh Stadt, ich bin am Ende meines Geldes. Danke. Das funktioniert auch einwandfrei, nur am Ende ist es trotzdem nicht das wahre Trampgefühl. Schon wieder sitzt man im Bus und schon wieder kommt man seinen Chauffeuren nur bedingt nahe. Die haben viel zu viel damit zu tun irgendwelche unschuldigen Passanten in ihre Busse zu nötigen, als dass sie mit dir ein vernünftiges Gespräch führen könnten. Am Ende habe ich fast eine Woche ohne Geldausgeben überlebt. Meine letzten 20.000 Dong investiere ich in eine Busfahrt ans Westend von Saigon. In strömendem Regen komme ich an, Straßen verwandeln sich in Flüsse, Unterschlupf suche und finde ich spontan…doch dazu mehr in Bälde.


Da haben wir den hilfreichen Zettel

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