Und so ging es auch ins Nachtleben...Ninja, Kult der Roten Hose...oder wie auch immer man es nennen mag
Hanoi bzw. ganz Vietnam kennt eine wunderbare Tradition: nämlich die der Bia Hoi. Ja, was heißt das? Also prinzipiell ist es in Vietnam so, dass jedes Haus, jeder Hauseingang bzw. jede Hausecke und eigentlich überhaupt alles, was an einem Haus dran ist, ein potenzielles Restaurant und/oder eine Kneipe ist. In der jungen, boomenden Stadt Hanoi ist vor allem letzteres der Fall und natürlich, war das auch mein erster Schritt zur Resozialisierung nachdem ich fast drei Tage abseits jeder sagen wir modernen Form von Zivilisation – abzüglich Satellitenfernsehen – unter den Mong verbracht habe. Und letztlich dauerte es ja auch nur zehn Stunden um von diesen Bergvölkern wegzukommen. Nun ja…alles in allem wahrscheinlich mehr, aber die reine Busfahrt, die verführerisch mit ihren 5-Euro-Tickets lockte, dauerte der Stunden 10 und stellte mit ihrer Durchschnittsgeschwindigkeit von 30 Km/h einen neuen Langsamkeitsrekord auf. Ankunft: Mitten in der Nacht und es geht sofort in die Bia Hoi. Ich und der einzige weitere Westtourist im Bus stehen ziemlich dumm an der Außengrenze zur Stadt da. Und wie ich meine aus England stammende Gastgeberin kontaktiere, sagt die mir doch, dass sie glattweg in der Kneipe sitzt und auf mich mit frisch gezapften Bier - Bia - wartet. Ich springe auf, winke das nächste „Moto“ ran, schaue auf den verwirrt wirkenden englischen Mit-Touristen – und erbarme mich. Kann er auch in deinem riesigen, vier Stockwerke plus Dachterrasse zählenden Häuschen im französischen Kolonialstil bleiben, frage ich sie und als Antwort bekomme ich ein unverständliches Gebrabbel, was man irgendwie als Ja interpretieren kann. Dann also los…zu zweit machen wir uns auf den Weg in die Innenstadt. Der Taxifahrer versucht uns eindeutig an der Nase herum zu führen, aber gut…es ist trotzdem billig. Und man ist ja letztlich froh irgendwo anzukommen. Sei es auch nur eine mittelklassige Bar im Zentrum von Hanoi.
Schmale, hohe Häuser...Standard und jeder hat eines. Und auf der Bodenebene gibt es meist eine Bia Hoi.
Doch was heißt mittelklassig. Konsumkultur – sprich alles, was oben rein kommt – findet in Vietnam grundsätzlich auf der Straße statt. Nicht nur Restaurants findet man dort, sondern ganz einfache Leute, die Tische, Stühle und Gaskocher vor ihr Wohnhaus zerren und den ganzen Abend dinieren. De facto macht das jeder. Und es passt auch zur gesamten Architektur der Gebäude. Ein riesiges Garagentor wird nach oben geschoben und eröffnet etwas, das halb Wohnraum, halb Verkaufsort sein möchte. Teilweise schlafen die Leute dort, teils schauen sie Fernsehen, teils verkaufen sie oder bieten ihre Speisen an. Was das Essen angeht, so gibt es meistens nur ein Gericht. Üblicherweise bereitet das ein Großmütterchen am Straßenrand oder im Hauseingang zu. Wenn man etwas abhaben möchte, setzt man sich einfach stillschweigend hin (vielleicht nickt man dabei noch bedeutungsvoll – aber so ganz habe ich das nicht begriffen) und bekommt das, was es eben gibt buchstäblich vorgesetzt. Nur hinein quälen muss man es sich nicht, denn diese Großmütterchen sind meistens wahre Meister der asiatischen Cuisine. Die vietnamesischen Nudelsuppen sind einfach unübertroffen und man erwischt sich trotz der riesigen Portionen oft dabei noch eine weitere Schüssel zu bestellen. Kostet ja nicht die Welt – außer die Welt kostet 50 Dollar-Cent. Und so sitzt man schließlich da – auch wir, nach Ende unserer Taxifahrt. Man sitzt und schlürft und hockt auf Stühlen, die wahrscheinlich aus der Kinderabteilung von IKEA kommen. Mit den Tischen ist es im Prinzip nicht anders, aber irgendwie scheint es auch egal, beinahe schon wieder hip zu sein. Eine Art Ess- und Trinkkultur, mit der man in den Berliner Szenevierteln wahrscheinlich Millionen machen könnte. Die Leute im Prenzl‘ Berg würden wahrscheinlich voll auf die kleinen Straßenrestaurants abfahren. Wer den Mauerpark liebt, liebt auch solche Sachen. Verdammt: Geschäftsidee, notieren!
stilecht - Bia Hoi
Am günstigen steht die Bilanz wahrscheinlich bei den vietnamesischen Grillhäusern. Prinzipiell das gleiche Konzept mit kleinen Hockern und Tischen – nur, dass die sich die Köche sparen. Was man für vielleicht 2 Dollar pro Person bestellt, ist eine riesige Schüssel mit rohem Fleisch, dass man dann mal schön selber zuzubereiten hat. Aber warum auch nicht. Mit einer Mischung aus Chili, irgendeinem Pulver, das wie brauner Zucker aussieht, aber aller Wahrscheinlichkeit Glutamat ist und limettenfarbenen Orangen erlebt man absolute Geschmackshöhepunkte. Zusammenfassend kann man also sagen, dass Hanoi für mich ein kulinarisches Highlight war. Im Vergleich zu China war das womöglich auch keine Kunst. China: Fett, Öl, Knochen, Affenhirn. Vietnam: muaahhahahuuahhuauhhua. Und wenn man gerade nicht isst, sitzt man wie gesagt in der Bia Hoi. Jede Straßenecke hat eine – jede. Und jede Bia Hoi hat ein Großmütterchen, das einen halben Liter Bier für 20 Cent ausschenkt – jede. Kein Wunder, dass so viele Menschen Abend für Abend an den Bia Hois sitzen. Und weil es ja da auch so furchtbar eng zusammengestellte kleine Höckerchen und Tischchen gibt, kommt man mit seinen Nachbarn ungemein schnell ins Gespräch und von Zeit zu Zeit stellt sich heraus: Moment, die kennt man ja. So auch bei uns. Neun Monate zuvor war der Engländer, dem ich die Übernachtung verschafft hatte in Neuseeland und trifft doch ausgerechnet jetzt seine alten Bekannten von da an der Bia Hoi. Das Abendprogramm steht damit für die nächsten Tage fest: Bia Hoi, Club Mao, Bia Hoi, Club Mao, Bia Hoi, Bia Hoi…nach Hause – Aufstehen, Kaffee, Sightseeing. Moment, Moment, Moment…habe ich da gerade Kaffee gesagt? Ja, das ist auch so eine Sache. Neben Bia Hois gibt es auch Kaffee Hois. Und die sind…ohne Worte, sündhaft gut. Was die genau mit dem Kaffee machen – abgesehen davon, ihn auf den alten amerikanischen Militärstützpunkten in den Bergen anzubauen – weiß ich nicht – das er süchtig macht, steht aber fest. Selbst wenn man ihn mit literweise Eis streckt, schmeckt er immer noch unfassbar gut. Ob nun die ebenso sündhaft süße Kondensmilch oder die vietnamesische Kaffeebohne den Hauptanteil daran trägt, weiß ich nicht. Der hohe Koffeinanteil belebt auf jeden Fall. Und so motiviert stürze ich mich die nächsten Tage auch in die hektische, von Motorrädern und Marktmenschen überfüllte Innenstadt. Für 20 Cent kaufe ich den besten vietnamesischen Hut der Welt, der eigentlich für meine Nichte vorreserviert sein sollte, doch Wochen später in einem laotischen Bus ein tragisches Ende findet (ein amerikanischer Pauschaltourist hat sich drauf gesetzt). In Hanoi habe ich ihn aber auf…und stürze mich unabsichtlich in echter Ninja-Kostümierung in die Nächte der vietnamesischen Hauptstadt.
Grill Hoi

Kaffee aus Vietnam
Die Fähigkeit der Vietnamesen an jedem nur erdenklichen Ort zu schlafen, finde ich beneidenswert. Auch wenn uns dieser Taxifahrer eigentlich nach Hause schaffen sollte.
Die Fähigkeit der Vietnamesen unter eindeutigen Verbotsschildern trotzdem Souvenirs zu verkaufen, finde ich beneidenswert
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