Donnerstag, 29. Juli 2010

Malaria – eine Moskauer Episode

Nun bin ich ja beinahe in den Monsungebieten Südostasiens angekommen. Gleich bei der Grenzüberschreitung nach Vietnam heißt es damit Klimawechsel und Mückengefahr. Das Wort Malaria schwebt wie ein Damoklesschwert über mir und wird wohl nur an einem durchlöcherten Moskitonetz hängen werden. Beziehungsweise habe ich ja noch eine Schutzmaßname im Ärmel. Aus diesem rutscht hervor: die Chemoprophylaxe. Die Packung, auf der mit kyrillischen Buchstaben Lariam geschrieben steht, fällt in meine Hand. Lange betrachte ich mir das Präparat und zwangsläufig denke ich während des Herunterschluckens daran, wie ich den Wirkstoff nach wochenlangem Hin und Her in Moskau organisiert habe. Eine Episode, die das ganze russische Amts- und Verwaltungssystem auf einen Punkt bringt. Sie beginnt damit, dass ein junger, in der Blüte seines Lebens befindlicher Mensch, namens Markus M. eines Morgens aufwacht und sich ohne das er wusste, wie und warum das passiert war, in einem Kafka-Roman wiederfand. Unser Held ist selbstverständlich verwirrt, doch ein Ziel vor Augen, muss er alles daran setzen, bis zu einem verträglichen Ende, einem Prozess, einem Schloss, einer Packung Lariam zu gelangen. Er informiert sich also im Internet darüber, wo sich die für Tropenmedizin und Tropenschutzimpfungen zuständige Behörde in Moskau befindet, schreibt sich sogar Telefonnummern, Adressen und Öffnungszeiten vollkommen korrekt auf und begibt sich zum angegebenen Termin zur dreizehnten Poliklinik der Stadt Moskau. Öffnungszeiten sind in Russland aber nicht allzu ernst zu nehmen. Sie dienen nur einer groben Orientierung, welche bisweilen so grob ausfallen kann, dass sie sich um ganze Tage verschieben. Die erste Anlaufstelle ist damit selbstverständlich geschlossen und an der Informationstheke, die sich seltsamerweise irgendwo unter einem Treppengerüst befindet, weiß man nicht einmal, dass es Tropenmediziner in diesem Hause gibt. Dass sich unter allen Treppengerüsten aber Informationstheken befinden – das weiß man ja. Letztlich wartet Markus M., wie sich das für einen anständigen Bürger gehört. Er wartet, geht umher und sammelt Informationen, darüber, wann die Zuständigkeiten denn im Hause sein werden. Oha, sie sind es ja, stellt sich heraus. Man müsse nur in den dritten Stock des Westflügels gehen und dort befinde sich ja ein Büro, in welchem sich zwei Impfärzte ausgiebig mit dem Thema Tropenkrankheiten auseinandersetzen. Dass die besagte Tür natürlich zu ist, versteht sich von selbst. Die Experten abpassend gelingt es ihm aber dennoch die entsprechenden Ärzte zur Rede zu stellen. Malariamittel? Hier? In der tropenmedizinischen Impfstelle der Stadt Moskau? Wie in aller Welt kommen Sie darauf, dass wir so etwas hätten? Sie müssen zu einem Virologen gehen, der ihnen ein Rezept ausstellt, mit dem Sie dann zum Internationalen Institut für Tropologie gehen. Tropologie? Spinnen jetzt alle.

Was soll’s, ein Virologe muss allem Anschein nach her und den wird es ja in einer Poliklinik für Tropenkrankheiten auf jeden Fall geben. Zurück zur Information unter dem Treppengestell also, doch die sagen unserem Helden, dass sie keine Information im eigentlichen Sinne sei, sondern nur eine Halbinformation – was dieses Mal eine komplett wahre Aussage zu sein scheint. Über die Ärzte, die sich in diesem Haus befinden, weiß man selbstverständlich nichts. Woher auch? Man arbeitet ja nur seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion im selben Gebäude und verwaltet seit jener Zeit die Lagepläne des Hauses. Markus M. muss kafkaesker denken. Das ist klar – es nicht zu machen war sein grundlegender Fehler bisher. Also rast er blitzartig von einem Geistesblitz erfasst hinauf in das Dachgeschoß, weil nur das Sinn macht, dass sich die Virologen dort oben verbergen, doch er findet nur Anwaltskanzleien vor. Wie immer. Er rast also wieder hinunter, zurück zur Information, die sich ihrerseits weiterhin in Desinformation ergibt. Den einzigen Hinweis, den sie ausstreuen kann, ist es in eine Apotheke in der Nähe zu gehen. Gesagt, getan…wider den ärztlichen Ratschlägen aus dem dritten Stock, bräuchte man ja ohnehin kein Rezept, sagt die Information – und Markus M. glaubt felsenfest daran. Haben Sie da was gegen Malaria, fragt er die Apothekenfachangestellte und die rüttelt bereits am Medikamentenkasten, bis Markus M. auf die selten dumme Idee kommt, danach zu fragen, wie man den Stoff denn einnimmt. Das müssen Ihnen die Impfärzte im dritten Stock der dreizehnten Poliklinik sagen, meint die Frau. Außerdem bräuchten Sie ein Rezept, für welches Sie wiederum ein spezielles Formular A48 benötigen. Erhältlich bei der Information unter dem Treppengerüst. Zurück also ins Haupthaus und dort sieht Markus M. nur, wie sich die Köpfe schütteln. Formular A48? Rezept? Aber mein lieber Herr, ich verstehe ja, dass man es bei Ihnen in Deutschland etwas genau nimmt, aber hier in Russland brauchen Sie doch kein Rezept. Außerdem gibt es am Bahnhof genügend Menschen, die Ihnen in Nullkommanix jedes beliebige Medikament besorgen können.

Oh man. Markus M. geht wieder in den dritten Stock, doch die Experten verweisen ihn erneut auf den sich im Haus befindlichen Virologen. Alles Mist, aus, vorbei…besser Malaria als Irrenhaus und nur aus lauter Trotz fragt er noch einmal im Hinausgehen, bei einer kleinen Apothekenabteilung in einer winzig kleinen Gebäudenische nach, wo man denn nun Malariamittel herbekomme. Na rezeptfrei aus jeder Apotheke, sagt ihm die Angestellte. Dann her damit! Na nur nicht bei uns. Sie würde aber selbstverständlich herausfinden, wo man die entsprechende Prophylaxe bekäme, nur muss die im selben Haus befindliche Zentrale für tropenmedizinische Impfpräparate die genaue Bezeichnung des Medikamentes wissen, da sie ja selber nicht wissen kann, was gängiger Weise gegen Malaria eingesetzt wird. Ein altes Medizinlexikon mit dem Hammer-und-Sichel-Emblem auf dem Kuvert wird also zur Beratung herangezogen. Zwanzig Jahre alte Begriffe schweben durch den Raum, bei denen sich die Apothekerin ein um das andere Mal fragt, ob diese Stoffe überhaupt noch wirksam sind. So ist sie nun einmal, die gewissenhafte Pharmazie in Russland. Trotz veraltetem Handwerkszeug immer noch verantwortungsbewusst. Letztlich tauchen zwei Namen auf: Fansidar und Lariam. Und welches nun? Nehmen Sie Fansidar. Aber…vielleicht sollte ich doch lieber den Virologen…sagt Markus M. schluckend, während die Apothekerin ihm ins Wort fällt: Nein, nein, das ist schon richtig. Fansidar habe sie mal gehört. Markus M. hat aber auch mal etwas gehört. Nämlich, dass je nach Region andere Wirkstoffe zum Einsatz kommen und afrikanische Moskitos gegen die einen Präparate und ihre südostasiatischen Verwandten wiederum gegen die anderen Präparate resistent seien. Was?, sagt die Pharmaziebeauftragte. Das habe sie aber wiederum noch nie gehört. Und auch, dass der körperliche Zustand des Patienten eine Rolle spielen würde, sei vollkommen aus dem Nichts gegriffen. Sie nimmt also den Hörer ab und meldet sich bei der Zentrale. Die wiederum gibt ihr Namen und Adressen diverser Lagerapotheken der Stadt. Eine kleine Kellerapotheke neben der Universität wird schließlich ins Auge gefasst, welche selbstverständlich – und das hätte Markus M. eher wissen können – alle Malariamedikamente vorrätig hat. Wie naiv von ihm zur staatlichen Tropenpoliklinik zu gehen. Fachmännisch weist die in der Apotheke für Tropenmedizin arbeitende Frau, die vor Kurzem noch in einem zwanzig Jahre alten Medizinlexikon nach den geeigneten Wirkstoffen gegen Malaria geblättert und die einfachsten Laienkenntnisse über die Krankheit nicht wusste, Markus M. den Weg. Und ein Rezept? Sie sind in Russland, ist die Antwort. Und wenn Sie doch Probleme haben sollten, kritzeln Sie den Wirkstoff auf ein Blatt Papier und sagen Sie, dass Ihnen das der Arzt gegeben habe.

Und genauso funktioniert es auch. Drei Busstationen von M.‘s Wohnung findet sich eine kleine Apotheke im Keller eines Wohngebäudes versteckt. Über den Hinterhof gelangt Markus M. in das besagte Haus, bestellt mit unterschwellig auf Rezeptfreiheit pochenden Selbstbewusstsein nicht Fansidar, sondern Lariam – denn das haben ihm die deutschen Ärzte gesagt. Und zwei Minuten später hält er zwei in der Schweiz gefertigte Packungen mit russischer Aufschrift für nicht einmal 30 Euro in den Händen. Von oben bis unten betrachtet er sich die fragile Papphülle, als er sich in der Marshrutka auf die üblich wacklige Heimfahrt begibt. Nur unter der Anweisung eines Facharztes für Tropenmedizin zu verkaufen und anzuwenden steht dort betont zweisprachig und ist wohl der einzige Satz, der extra noch einmal in Englisch darunter geschrieben wurde. Markus M. grinst und lacht und kein Mensch in dem gelben Kleinbus weiß warum. Sie drehen sich um und wundern sich. Und das Lustige ist: selbst wenn Markus M. ihnen sagen würde warum er lacht, so würden sie sich immer noch wundern.


Das sind sie - Objekt meines Begehrens

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen