In Zentralvietnam soll man dreimal halten – sagen alle Reiseführer. Hue – Stopp 1 und dann Da Nang und dann Hoi An. Was es genau in Da Nang zu sehen geben soll, weiß ich um ehrlich zu sein nicht. Es soll ein nettes Fischerstädtchen sein, doch das ist Hoi An ebenfalls – wenn nicht beschaulicher und zudem mal wieder von der UNESCO in den Rang eines Weltkulturerbes gesetzt. Und, dass man mit der Bahn nach Da Nang fahren muss, weiß ich auch. Eine der schönsten Strecken – sagt man. Direkt am Meer. Wunderschön. Kommt man letztlich an und weiß nicht wohin, so ist das aber schon blöd. So in etwa erging es mir. Das Gasthaus, welches ich ins Auge gefasst hatte, war schon seit zwei Jahren zwangsgeschlossen worden. Die anderen Hotels – meines Erachtens über meinem Budget. Und so weiß und weiß ich nicht was ich machen soll, lass mich von einem dieser Easy Rider Taxifahrer auf einen Tee in seinem Hause einladen und mir Vorschläge unterbreiten. Natürlich will er, dass ich eine Tour mit ihm buche. Hinunter nach Da Lat, ins Paris Indochinas. Ins südliche Bergresort der französischen Kolonialherren – wo man Baguette isst und Café au lait trinkt. Doch natürlich verneine ich. Zum einen will ich ja noch Hoi An sehen, zum anderen sind die Easy Rider alle viel zu teuer. Das Konzept hat allemal etwas. Für eine Pauschale fahren sie einen durchs gesamte Land, organisieren Übernachtungen und kulturelle Programme. Wer das Geld dafür hat, warum nicht...ich empfehle es gerne:
http://www.easy-riders.net. Besser wäre es aber irgendwo im Norden selber ein Motorrad zu kaufen, nach Süden zu fahren und es in Saigon zum gleichen Preis zu verscherbeln. Warum man auch nicht eher auf so etwas kommen kann. Nachdem der letzte Schluck Tee meinen Hals hinuntergelaufen ist, überrede ich den Easy Rider wenigstens dazu mich kostenfrei zur nächsten Bushaltestelle zu bringen. In Da Nang habe ich irgendwie nichts zu tun, keine Ziele, keine Ideen…ich will nach Hoi An. Also springe ich in den Bus, lasse mich nach bestem Wissen von den Ticketverkäufern über den Tisch ziehen und komme in strömendem Regen in dem kleinen Fischerdörfchen an. Monsun…ja, da muss ich durch. Es regnet aus Gießkannen, ach was sage ich: es sind Wasserfälle, die sich auf den gar nicht mehr so staubtrockenen Boden werfen. Mit Müh und Not kann ich mich noch in die überdachte Bia Hoi retten und nun, ja nun erweist es sich als Glück, dass ich nur noch Badelatschen bei mir habe – das ich meine richtigen Schuhe irgendwo in Hanoi verloren habe, hatte ich schon erwähnt, oder? Auf den kleinen Plastikhockern sitzend steigt mir das Wasser allmählich knöchelhoch. Und höher, höher, höher bis es fast die unterste Kante der Sitzfläche erreicht, die ohnehin relativ niedrig ist. In meiner Zwangslage flüchte ich mich selbstverständlich in Alkohol und Konversation. Mit einem erstaunlich gut deutsch sprechenden Vietnamesen trinke ich die Biervorräte des Bia Hoi betreibenden Großmütterchens leer und philosophiere darüber, wie schön doch die vietnamesischen Mädchen sind. Eines sitzt mir gegenüber und schaltet sich schüchtern in das Gespräch mit ein. Sie ist des Bia Hoi betreibenden Großmütterchens Enkeltochter und ist die hilfsbereiteste Person weit und breit. Informationen unterbreitet sie, bietet mir an die Stadt zu zeigen, meine Sachen unterzustellen etc. etc. Doch letztlich hört es ja immer noch nicht zu regnen auf und das Wasser steigt mir zwar nicht bis zum Hals, aber Schwimmbadbeckenqualität hat der Pegel schon. Aber was soll’s. Irgendwas muss man ja von Hoi An sehen, auch wenn ich theoretisch schon in einer Stunde wieder im Bus zurück nach Da Nang sitzen müsste – aus welchen Gründen auch immer. Ich habe mir während meiner Phase der Unentschlossenheit nämlich etwas überlegt. Keine Lust auf Da Nang, keine Ahnung, wo ich in Hoi An schlafen soll. Warum also nicht gleich den Nachtbus nach Da Lat nehmen, wo ich bereits weitverzweigte Bekanntschaften geknüpft habe, welche mir eine Unterkunft verschaffen können. Die Bekannte einer Bekannten einer Bekannten hat sich dort bereit erklärt mich für ein paar Tage aufzunehmen. Und da ich nebenbei auch gar kein Geld mehr habe, ist das wohl die beste, rettendste Variante, die ich wählen kann. Und genau deswegen muss ich nach Da Nang zurück, zum Busbahnhof, zum Busbahnhofticketschalter, zum Nachtbus – so es diesen überhaupt gibt.
Über das Bia Hoi Mädchen bekomme ich eine kleine Stadtrundfahrt auf dem Moto durch Hoi An. Weniger als eine Stunde bleibt mir, um mir das Städtchen, das voll mit europäischen Touristen ist anzuschauen. Und so entsteht die ausgezeichnete Fotoserie: Markus mit Helm an verschiedenen Orten in Hoi An. Der Motoradfahrer ist übereifrig dabei Bilder von mir zu schießen. Ich weiß nicht einmal vor welchen Sehenswürdigkeiten ich da posiere. Erst retrospektiv kann ich in etwa nachvollziehen, was ich da gesehen habe. Eine Brücke, ein Hafen, ein Meer, eine Stadt, ein paar Tempel…und wieder zurück zur Bia Hoi, hinein in den Bus, nur dieses Mal weigere ich mich, den doppelten Fahrpreis zu bezahlen. Ich bin immer wieder erstaunt mit welcher felsenfesten Miene die Vietnamesen einem einzureden versuchen, dass es sich schon um den regulären Preis handele. Während jeder im Bus die Hälfte bezahlt, verlangen sie von einem schamlos ein kleines Trinkgeld. Man sagt nein. Sie sagen, das ist aber der Preis. Man dreht sich um, schaut sich um, fragt Sitznachbarn, die bestätigen einem, dass man gerade ordentlich betrogen wird. Man schaut den Ticketverkäufer an, will „f**k you“ sagen und sagt es auch und drückt ihm das Geld in die Hand. Dann geht es schnurstracks zurück nach Da Nang. Endstation: Busbahnhof. Doch was muss man sich da schon wieder anhören. Alle Pläne werfen sich von selber über einen großen Haufen an Nichtkooperation. Bus mal wieder voll und Bestechung scheint ausnahmsweise keine Option zu sein. Man muss sich mal wieder herumstreiten…und angelockt von einer heftigen Diskussion nähert sich ein entzückendes vietnamesisches Mädchen, beginnt Vermittlungsversuche und scheitert trotzdem an dem Busbahnhofspersonal mit seiner busbahnhofstypischen Busbahnhofspersonalssturheit. Am nächsten Morgen, ach was: Mittag würde vielleicht mal ein Bus kommen, der irgendwie in die Berge fährt. Wer will denn da schon hin, bekommt man zu hören. „Ich“, sage ich und ich werde das Gefühl nicht los, dass ich das auch wirklich will. Da Lat soll super sein und das Essen sehr speziell. Französischer Einfluss. Mehr noch als im stets abtrünnigen Norden. Baguette, Paté und französische Kreisverkehre. Eiffeltürme und Boulevards – eine Art Alpendorf im Stile eines Kleinparis. Macht doch Sinn, dass man da hin möchte. Das vermittelnde Busbahnhofmädchen versteht das auch. Nur das Busbahnhofspersonal eben nicht. Und so bleibe ich weiterhin dem Gespräch mit ihr treu, anstatt mich mit dem Ticketschalter herumzustreiten. Thuy heißt sie und kommt aus Hue. In Da Nang hat sie studiert, ist nur gerade in der Gegend, um sich ihr Diplom abzuholen und danach geht es ab nach HCMC – Ho Chi Minh City: der Ernst des Lebens soll dort beginnen. Vorerst aber entschärft sie etwas, nein sogar gehörig den Ernst meines Lebens in dieser konkreten Situation. Anstatt am Busbahnhof zu schlafen, organisiert mir das Busbahnhofmädchen eine Liege bei ihrem besten Freund. Und so wandelt sich binnen Minuten Nicht-Komfort in Komfort und obendrein bekomme ich noch eine freie Motorradfahrt zurück zum Busbahnhof am Morgen. Dass dort immer noch kein Bus auf mich wartet, sondern ich meinerseits auf diesen warten muss – nämlich geschätzte acht Stunden…passiert, und ist vor allem deswegen kein Problem, weil es im naheliegenden Busbahnhofshotel Wi Fi gibt. Dann wird sich eben schlichtweg auf die Straße vor dem Hotel gehockt und Geld verdient. Artikelschreiben im Akkord. Die Straße ist mein Büro, der Park ist mein Büro, der Strand ist mein Büro – Internetarbeit ist toll. Bis der Busbahnhofsbus in den Busbahnhof eintrudelt, habe ich den Preis für den Fahrschein bereits um das Dreifache wieder herein geholt. So macht man das heutzutage: onlinegestützte Echtzeitreisen.
Aus der preisgekrönten Fotoserie: "Markus mit Helm vor bekannten Sehenswürdigkeiten der vietnamesischen Stadt Hoi An":








Er hat sein Deutsch bestimmt in der DDR gelernt?
AntwortenLöschenJens
Überraschenderweise nicht. Vietnamesische Schule. Ich dachte auch DDR.
AntwortenLöschen