Mittwoch, 4. August 2010

Auf einem einsamen Planeten

Und da ist es...das Buch, das ganz Südostasien "on a shoestring" bringt. Die Bibel des Konformismus.

Vietnam ist für mich der Einstieg nach Südostasien. Wobei, sicherlich nicht so sehr die Provinzialität Sa Pa’s als das Laisser-Faire von Hanoi. Eine Busfahrt, wie sie länger hätte nicht sein können bringt mich in die vietnamesische Hauptstadt und was mir in den engen verworrenen Straßen der Altstadt begegnet sind in aller erster Linie diese typischen Backpacker, die Südostasien in Beschlag genommen haben. Das schlimme ist: ich kann mich ja gar nicht von ihnen abgrenzen. Den Rucksack trage ich ja schließlich auch, den Konformismus ihrer Lonely Planet Bücher teile ich aber nicht. Man sieht sie überall. Du gehst in eine Bar in Hanoi – am wahrscheinlichsten ins Mao oder zur Bia Hoi –, triffst auf eine Gruppe von Menschen, die für gewöhnlich aus Australien, Großbritannien oder Frankreich kommt und zwischen ca. zwanzig leer getrunkenen Cocktailgläsern (weil das ja so billig ist) liegt demonstrativ dieser Lonely Planet, der ihnen ganz genau sagt wohin sie gehen müssen und was sie sehen sollten und wo sie am besten übernachten. Dabei versuchen viele Bars und Gasthäuser in Hanoi sogar nicht in den Lonely Planet zu kommen, um überhaupt noch Teil einer eigenständigen urbanen Kultur abseits von Backpackern zu bleiben. Die Lonely Planet Journalisten werden dann, so man denn weiß, dass es einer oder eine ist, besonders grob behandelt oder gleich des Lokals verwiesen. Andere Kneipen wiederum drücken sich das Lonely Planet Etikett am liebsten gleich selber auf und schreiben sich aufs Label, dass dieses dumme kleine Büchlein sie empfohlen hat – ob Tatsache oder nicht, sei dahingestellt.

Selbst Tony's Fahrradladen wird von Lonely Planet empfohlen. Solange es Kunden lockt.

Aber um nicht ganz so gegen den Lonely Planet zu schreiben. Qualitätsjournalismus ist es ja schon – im Gegensatz zu der Seite für die ich schreibe mit Sicherheit. Aber, dass sich alle danach richten, macht es einfach langweilig. Außerdem hat Rucksackreisen mit Lonely Planet so gar nichts Abenteuerliches mehr. Adventure leicht gemacht – die gemütliche Art und Weise off the beaten track zu gehen. Dass der aber von den Backpackern komplett zertrampelt ist, zeigt die Grundeinstellung, welche die Einheimischen hier den Touristen entgegenbringen. Es scheint wirklich nur ums Geld zu gehen und es ist manchmal richtig schwierig abseits geschäftlicher Beziehungen mit den Leuten in Kontakt zu treten. Mir gelingt das natürlich trotzdem – als erfahrener Reisender wohl Ehrensache. Der klassische Backpacker aber bleibt unter seinesgleichen, grast alle Travellerclubs von Städten wie Hanoi ab und freut sich darüber, dass man hier dasselbe machen kann wie zu Hause, nur billiger. Prachtexemplar ist das Backpacker-Pärchen: und wie oft muss ich mir diese leidliche Szene anschauen. Da sitzen sie in irgendeiner Bar oder auf irgendeinem Boot oder irgendwo halt…er, liebevoll den Arm um sie geschlungen, schielt Interesse vorheuchelnd in den Lonely Planet, welchen sie wiederum eifrig studierend auf ihren Oberschenkeln balanciert. Die nächste Destination will ja ausgemacht werden oder wo heute Nacht geschlafen werden soll ist die brennende Frage oder welcher Club gerade in ist oder, oder, oder. Und wenn ich sie dann so sehe, dann kann ich mir richtig vorstellen, wie sie daheim auf die Idee gekommen sind hier herzufahren. Eine Reise nach Südostasien peppt so eine Beziehung ja schon auf und dann auch noch die kontrollierte Abenteuerlichkeit daran – ein Traum. Und da ja heutzutage jeder mit Hilfe seines Reiseführers zum echten Desperado werden kann, kaufen sich die Backpackerpärchen den Lonely Planet, der ja alles, was man über ein Land wissen muss auf einen in sich abgeschlossenen Punkt bringt und ziehen aus in die ferne weite Welt, die sich in 90% der Fälle Südostasien nennt.

In Vietnam kommen die Backpacker bzw. Reisende an sich im Übrigen meistens aus zwei Ländern: England und Frankreich. Amerikaner trifft man eher selten…die Schande des Vietnamkriegs hat sie wohl doch allzu sehr vor diesem Land abgeschreckt. Außerdem wird ihnen die Kriegssünde überall in dem kommunistischen Land aufgedrückt. Nicht so sehr die einfache Bevölkerung bringt das Thema zur Sprache, als die staatlichen Museen des Landes. Da wären: das Kriegsmuseum in Saigon, welches wohl die visuell brutalste Ausstellung zu dem Thema ist, die ehemalige US-Luftwaffenbasis Khe Sanh, wo einige Fremdenführer sehr erpicht darauf sind einem alte GI-Soldatenmarken zu verkaufen und natürlich das Hanoi Hilton, das sich zunächst einmal sehr ausgiebig mit der Brutalität der französischen Kolonialherren beschäftigt und dann auf den Sanftmut eingeht, den die Nordvietnamesen den amerikanischen Kriegsgefangenen, allen voran John McCain entgegen gebracht haben. Propaganda pur, aber irgendwie interessant. Den Franzosen, welche in Massen auch durch das Hanoi Hilton laufen, machen die Bilder der Gräueltaten ihres Landes wenig aus. Das ist wahrscheinlich das Schätzenswerte an ihnen – das ihnen das alles, was sie in Vietnam, Algerien oder sonst wo angerichtet haben egal ist. Nein, nein…vielleicht nicht egal, aber es berührt sie nicht persönlich und objektiv gesehen muss es sie das auch nicht. Sie kommen eben trotzdem nach Vietnam und zeigen mit einer Einstellung, welche die Fliegen aus Sartres Drama im Gegensatz zu den Deutschen – und Jean-Paul Sartre widmet dieses Buch fast komplett den Nachkriegsdeutschen – schon längst vertrieben hat, dass sie einer anderen Generation angehören und unbefangen mehr über dieses Land erfahren möchten. Schätzenswert wie gesagt – wenn da nur dieser Lonely Planet nicht wäre. Wenn ich schon höre: „Oh, ich hab da in meinem Lonely Planet gelesen, dass…“. Man möchte einfach nur fragen, ob sie auch in der Lage sind irgendetwas eigenständig zu entdecken oder ihre Reise ein bisschen mehr in die Hände des Zufalls zu übergeben, anstatt konsequent die Listen abzuhaken, welche ihnen dieses tonnenschwere Buch vorgibt. Wenigstens werden sie in Hanoi fast ausnahmslos gefälscht verkauft – mit bevorzugter Erwähnung von Gaststätten und Gasthäusern, die dafür eifrig bezahlen. So rächt sich der Massen-Individualtourismus wenigstens ein bisschen. Individuell ist an ihm nämlich nichts, außer das was die Backpacker ihren Freunden und Verwandten zu Hause vorgaukeln.

Französische Foltermethoden oder nordvietnamesische - Hanoi Hilton

Da war das Hanoi Hilton wohl noch französisch.

2 Kommentare:

  1. Ui, Pärchenhass deluxe? ;-)
    Damit hättest du doch bestimmt auch nichts einzuwenden gegen eine attraktive Reisegefährtin! :P
    Jens

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  2. hahahaha...man echt mal, das kann man sich manchmal nicht mit anschauen...und wenn ich die dann schon mit lonely planet sehe. ach, ach, ach...

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