Donnerstag, 1. Juli 2010

Chinesische Busse

Uchti!!! Nur selten, muss ich sagen, habe ich so lange in Bussen und Zügen gesessen wie auf der Fahrt von Wladiwostok nach Harbin. Selten auch in so vielen auf einmal. Fünfzehn Stunden dauerte die Fahrt insgesamt und war damit länger als die 10.000 Kilometer von Moskau an die Ostküste. Dabei hatte der Morgen so bequem angefangen. Ich ging in aller Ruhe zum Wladiwostoker Busbahnhof, der seine besten Zeiten unübersehbar bereits schon lange hinter sich hatte, kaufte mir die Novaya Gazeta und wartete auf meine Ausreise. Die Zeit rückte voran, der Bus sollte schon da sein, doch natürlich war er es nicht. Einige Meter weiter in einer anderen Parklücke machte sich derweilen Geschrei breit. Eine Gruppe chinesischer Touristen wurde nacheinander von russischen Kontrolleuren schikaniert. Es ging um das Gepäck wie es schien und niemand der Chinesen verstand die Russen und andersherum. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund weckte die lautstarke Streiterei meine Neugier. Vielleicht weil die eine der Streitparteien aus dem Land kam, in welches ich ausreisen wollte, vielleicht weil mein Bus noch nicht da war, vielleicht weil der chinesische Bus das Emblem der Reisegesellschaft trug, die mich in das kleine Grenzörtchen Suifenhe bringen sollte. Ich ging also hinüber, um mir das Gezetere aus nächster Nähe zu betrachten. Das Tribunal hatte entschieden. Einer der Chinesen musste in Wladiwostok bleiben. Er wehrte sich zwar noch hartnäckig, doch die Ticketfrau blieb gewohnt streng. Ich unterdessen fragte beim Fahrer nach, wo die Reise denn hin gehen soll – suggestiv Suifenhe bereits vorschlagend. Er bejahte und ich glotzte nicht schlecht. Was? Aber wieso parkt der Bus denn ohne jede Nummer hier und trägt den Schriftzug „Private Reisegruppe“…ach, ach, ach…Unfug. Warum denke ich überhaupt über so etwas nach? Sind zehn Monate in Russland denn nicht genug, um ganz genau das zu erwarten? Den Gesichtsausdruck einer kleinen Überraschtheit verbergend betrat ich den Bus. Ticketkontrolle Fehlanzeige. Die Bevollmächtigten hatten viel zu sehr damit zu tun ihre chinesischen Fahrgäste in Schach zu halten, als dass mein Eintritt in das erstaunlich moderne Vehikel auch nur irgendeine Rolle gespielt hätte.

Ehe ich mich versah war der Motor angelassen und wir rollten auf den seichten, gut ausgebauten russischen Straßen gen Ussurisk. Zugegeben, die Attribute seicht und gut ausgebaut können wir streichen. Im Gegensatz zum Untergrund in Nordchina aber, ist der russische Asphalt ein sanftes Kissen, auf dem man entlang schwebt. Und so schwebten wir – schwebten bis in Ussurisk der Bus gewechselt werden musste. Auf ging es in die chinesische Variante des Massenbeförderungsmittels – eine zugegebenermaßen etwas weniger saubere Kopie der russischen Version. Und nachdem bereits die kurze Strecke nach Ussurisk eine halbe Ewigkeit gedauert hatte, holperten wir nun für fast drei Stunden in Richtung Grenze. Nicht zu schweigen von den ätzenden Kontrollen, die dort wiederum fällig wurden. Immerhin wurde der „Deutsche“ zuerst abgefertigt. War wohl schlichtweg einfacher als die Bearbeitung der chinesischen Pässe. Und so befand ich mich wenige Minuten später endlich unter chinesischem Himmel, der zu meiner eigenen Überraschung übrigens auch nicht anders aussieht als in Russland oder Europa. Wie ein jeder ging ich davon aus, dass er hier in leuchtendem Kommunismusrot mit kleinen goldenen fünfzackigen Sternchen und einem großen erstrahlt. In Wirklichkeit aber schien eher ein kapitalistisches Blau durch die blassen Wolken, die das Wetter bei meiner Einreise charakterisierten, hindurch.

Endstation der Busreise hätte eigentlich Suifenhe sein müssen. Doch ich entschloss mich zu Dreistigkeit und Wagemut. Unterdessen hatte ich nämlich herausbekommen, wo der Bus eigentlich enden wird. Und zwar in einer Provinzstadt, namens Mudanjiang, von wo aus man exzellente Verbindungen nach Harbin hat. Nachdem ich auf dem gesamten Weg kein einziges Mal nach dem Ticket gefragt wurde, musste ich es einfach probieren. Unauffällig drückte ich mich in den staubigen Sitz, klappte den Laptopdeckel hoch und versuchte möglichst normal zu wirken. Trotzdem schien der Busfahrer von meinem Plan Wind bekomme zu haben. Plötzlich stand er vor mir, klappte den Laptopdeckel wieder zu und verlangte mit Nachdruck nach dem Bilet. Na da haben wir den Salat. Ich drückte ihm meine beiden abgelaufenen Quittungen in die Hand in der Hoffnung, dass er sie ohnehin nicht lesen würde können, doch auch dieser Trick schien nicht zu ziehen. Der Nachdruck in seiner Stimme steigerte sich zu einem Заплатите!!! Ich versuchte die Situation irgendwie zu beruhigen, fragte nach einem Bankomaten und nach Bedenkzeit. Doch auf solcherlei Spielchen wollte er sich partout nicht einlassen. Das noch nachdrücklichere Иди!!! sandte mich grob aus dem Bus. Doch Glück im Unglück: meine Einpackprozedur nahm so viel Zeit in Anspruch, dass der Fahrer nicht mehr warten konnte oder wollte. Ich hatte nicht einmal den Rucksack richtig zugeschnürt, als ich schon wieder das Motorengeräusch hörte. Innerlich grinste ich, da ich wusste, was gleich geschehen würde. Der Bus fuhr an und machte vor Mudanjiang keinen Halt mehr.

Fünf Stunden musste die Fahrt nach Mudanjiang gedauert haben. Ein letztes halbherzig daher geredetes Заплатите wurde mir entgegen geschleudert und gut war es. Ich war am Bahnhof und musste mir nun irgendetwas einfallen lassen, um nach Harbin, in die große Provinzhauptstadt von Heilongjiang zu gelangen. Die Region hat ihren Namen übrigens von den kleinen schwarzen Drachen, die der Legende nach den Hauptfluss bewohnen. Hei – schwarz, Long – Drachen, Jiang – Fluss. Unnützes Wissen, was wohlgemerkt nicht viel bei der Suche nach einer Weiterfahrt half. Erneut nervten mich die Taxifahrer, welche mich für Wucherpreise nach Harbin bringen wollten. Die Aufschriften auf den Bussen waren für mich unlesbar und selbst in der Bahnstation nur Hieroglyphen. Zwar bekam ich nach einiger Zeit heraus, wo ich mich anstellen musste, das änderte aber nichts daran, dass ich nur noch zehn Rubel in meinen Taschen und keinen chinesischen Yuan hatte. Geldautomaten nirgends in Sicht. Ich fragte also herum und traf im schätzungsweise 25. Versuch auf eine kompetente Russischlehrerin. Kompetenz muss allerdings mit Einschränkungen verstanden werden. Natürlich half sie mir den Zug zu finden, doch das Wort Geldautomat schien ihr völlig fremd zu sein. Obwohl ich ihr mindestens zehnmal mein Anliegen geschildert hatte, hielt sie mich plötzlich dazu an ihr hinterherzulaufen. Ohne groß über einen Ticketkauf nachzudenken eilten wir durch die polierten Flure des Bahnhofs bis wir letzten Endes den Bahnsteig erreichten. Ich fragte sie noch, ob man denn in China gar nicht für Zugfahrten bezahlen müsse – könnte ja sein: Kommunismus und so. Sie grinste nur, zeigte mir die Tür, in die ich hineinspringen sollte und empfahl mir dann, ihr eine kleine Entlohnung von 20 Yuan zu geben. Waaaas? War denn alles so unverständlich, was ich ihr die letzten 25 Minuten lang zu sagen versucht habe? Hieß das nun, dass ich im Zug bin, während mein Ticket am Schalter, mein Geld am Automaten ist? Die Automatiktür verschloss sich und durchtrennte fast den Zehnrubelschein, den ich ihr in meiner Eile noch hinüberreichte – wertlos für mich und für sie.

Aber es sind natürlich immer wieder diese Situationen, die man liebt. Man befindet sich ohne Fahrschein in irgendeinem chinesischen Zug, muss sich auf fünf Stunden Fahrt einstellen und weiß, dass man sich gleich auf eine Kontrolle einstellen muss. Und diese fiel umfangreich aus. Nicht ein Schaffner, sondern gleich fünf Bahnbedienstete einschließlich Polizei näherten sich meinem Sitzplatz. Eine Person nach der anderen wurde offensichtlicher Weise nach ihren Papieren gefragt. Ich zuckte mit den Achseln und hoffte auf Milde. Der für mich zuständige Schaffner wollte mich aber allem Anschein nach für dumm verkaufen – und das vor größtmöglicher Öffentlichkeit. Jedem Satz aus seinem Mund folgte ein lautes Gelächter aus dem Waggon. Erst recht, als er mir erklären wollte, was ein Ticket ist. Ich erzählte ihm auf Englisch, dass mir das durchaus bekannt sei, ich nur durch eine ungünstige Verkettung ausgesprochen unglücklicher Umstände keines habe. Nun wollte er Geld, zückte ein paar Scheine und wedelte mit ihnen vor meiner Nase. Auch hier erwiderte ich, dass ich mich nicht im Besitz der hier gängigen Währung befinden würde. Ein weiterer Satz von ihm und noch viel mehr Gelächter. Während er nicht aufhörte zu wedeln, entschied ich mich dazu, auf die Scharade einzusteigen. Nun holte ich mein Portmonee aus der Hosentasche, öffnete es langsam und bereitete dem Schaffner Hoffnung auf einen kleinen Zuverdienst. Die Enttäuschung war bitter. Ich präsentierte ihm die wüste Leere in meiner Geldbörse und setzte ein Gesicht auf, das sagen wollte: man, bist du blöd. Plötzlich das Wunder. Der Waggon fing an ob meiner Darstellung über den Schaffner zu lachen. Mit rotem Gesicht drehte er sich um, schritt davon und ward nie mehr gesehen. Währenddessen heimste ich sogar Glückwünsche der Fahrgäste ein und wurde späterhin sogar mit Essen versorgt. Tja, und so kam ich zu meiner zweiten Gratisfahrt durch Nordchina. Am Abend befand ich mich in Harbin und hatte noch keinen einzigen Yuan ausgegeben. In der Großstadt hatten die chinesischen Busse bereits aufgehört zu fahren. Ich musste mit dem Taxi zu meiner Gastgeberin, die glücklicherweise die Kosten beglich.


Busbahnhof in Wladiwostok


Chinesischer Bus


Der Himmel über China - weniger friedlich als gedacht und erst recht nicht kommunistisch rot.

2 Kommentare:

  1. wow, du hast ja wirklich einige hundert wörter zusammenbekommen, ohne auch nur einmal über sex, vorhanden oder nicht, zu schreiben.
    ich bin beeindruckt!
    Jens

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  2. Hey, na eben. Hab ich gar nicht gemerkt))) na dann warte auf den nächsten eintrag)))

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