
Seit Tagen kann ich mich nur kaputtlachen, wenn ich mir die Städtenamen auf der thailändischen Landkarte ansehe. Jedem zweiten kann man irgendeine englische Doppelbedeutung zuweisen, die sich in der Regel unterhalb der Gürtellinie befindet: Bang-Cock ist gemeinhin der Klassiker, aber auch das an sich recht zügellose Phuket, dessen H gar nicht betont wird, als Phuck-it! Auszusprechen, wird immer beliebter – und ist, wenn man sich die Tourismusindustrie des Badeortes ansieht, wohl gar nicht mal so unberechtigt. Weniger bekannt, doch irgendwie auffallend auf der Landkarte ist der Ort Cumporn – ja, was soll man dazu noch sagen. Er befindet sich von Bangkok ausgehend auf halbem Weg nach Surat Thani und genau dort steigt man ab, wenn man entweder auf die Insel Ko Tao möchte oder an die Westküste wechseln will – Drehkreuz.
Dann wäre da noch Sukhothai – welches ich natürlich gerne als Suck-o-Thai bezeichne. Die Stadt war einst das Zentrum des Siamreiches. Nicht ganz so prestigereich wie Ayutthaya vielleicht, welches Siam über fast vier Jahrhunderte lang beherrscht hatte und heute eine riesige archäologische Fundgrube ist – aber immerhin. Auch in Sukhothai gibt es einen gewaltigen Geschichtspark, der die alten Tempel und Gebetsanrichtungen ausstellt. Und bevor ich denn letztlich nach Bangkok aufbreche und mir diese Wahnsinnsmetropole antue, kommt mir der Gedanke, erst einmal hier Halt zu machen. Den Namen der Stadt suche ich mir extra in Thai heraus. Filigran, mit ruhiger Hand werden die mir unbekannten Schriftzeichen auf das Stück Pappe gemalt. Der Effekt soll sein, dass die Thais in den Autos überrascht davon sind, dass ein Ausländer ihre Sprache kann. Die Aufmerksamkeit ist mir somit gewiss. Problem ist nur, dass jeder zweite mir bei der Suche nach dem Busbahnhof helfen möchte, anstatt mich einfach mitzunehmen. Doch irgendwann klappt es auf diesem in der sengenden Sonne schmelzenden Asphalt.
Meine Aussage, dass ich aus Deutschland komme, wird sofort in meiner Landessprache beantwortet. Ein älterer Herr, ergraut, um die 60, gibt Auskunft über sein Leben. Ein schüchternes Thaimädchen, höchstens Mitte 30 schweigt und hört unserem Gespräch zu. Der Kerl ist der Prototyp eines klassischen (S)Expats, wie sie in Thailand in Massen herumlaufen. Irgendwann hatte er wohl die Idee gehabt sich lieber eine dieser leichten, jungen, an Geld interessierten Dinger aus Südostasien zu angeln, hat sich einen Flug gebucht und ist für immer hier geblieben. Zehn Jahre lebe er schon im Norden von Thailand. Er war gerade in Chiang Mai, weil sich hier das einzige Krankenhaus befindet, welches ihn mit lebenswichtigen Medikamenten versorgen kann. Welche geheimnisvolle Krankheit er hat, wird nicht wirklich klar. Krankenversichert ist er jedenfalls über das US-Militär, was seiner Lebensgeschichte eine weitere Wendung gibt. Okay, was macht nun ein Deutscher im US-Militär? Also von Anfang an: Heimatstadt Berlin, Ost-Berlin. Mutter lernt, nachdem der Vater verschwunden ist, eine amerikanischen Soldaten kennen, und bevor Ulbricht die Grenze zumacht, hauen die beiden in die Staaten ab. Die Kinder kommen selbstverständlich mit und so lernt der heutige (S)expat Englisch und ein anderes Land kennen. Wer seit dem zehnten Lebensjahr in den USA lebt, der sieht die Staaten als sein Heimatland an. Deutsch wird der Tradition wegen weiterpraktiziert und schon zehn Jahre nach der Ankunft geht es wieder raus aus dem Land.
Die Marines fliegen ihn als jungen Soldaten nach Vietnam. Ich habe also einen Veteranen vor mir. Und der erzählt, wie so manche Kämpfe mit dem Vietcong vonstatten gegangen sind, in einer Zeit, als die Nordarmee bereits weite Teile des Südens erobert hatte, die Tet-Offensive bereits erfolgreich durchgeführt wurde und der Fall von Saigon nur noch eine Frage der Zeit war. Verwundung. Kriegsleiden. Die mysteriöse Krankheit scheint aus dieser Zeit zu stammen. Deshalb bezahlt auch das Militär. Seine Rückkehr nach Südostasien gibt er als Form von Wiedergutmachung aus. Als Amerikaner sieht er sich schon lange nicht mehr. Stattdessen baut er ein Veteranennetzwerk für vietnamesische Soldaten in Thailand aus und verdient sein Geld hauptsächlich mit Exportgeschäften. In der Tat eine lohnenswerte Sache. Ich persönlich würde rote Thaihosen in Tonnen nach Deutschland verschiffen und sie für den dreifachen Preis verkaufen. Wie unfassbar billig die Textilien auf den Thaimärkten sind, lässt einem fast das Gesicht einschlafen. Dabei kommt die Hälfte davon aus Indonesien, wo alles noch einmal ein gutes Stück billiger ist.
Er habe zu viel Geld, meint der Mann. Die ganzen Geschäfte, die Rente, Veteranenzahlungen – ach, wenn die Gesundheit doch nur mitspielen würde. Die Frau kichert. Wenigstens habe er sich ein entzückendes Mädchen genommen, welches für ihn das Geld ausgibt. Sie kichert wieder. So sehe ich das auch. Diese klassische Kombination alternder Ausländern (ach, Farang nennt man die hier) und jugendlicher Thaimädchen ist schon so eine Sache. Liebe? Geld? Eine einvernehmliche Abmachung? Irgendwie scheinen beide Seiten ihre Vorteile zu haben und die Thaimädchen wirken überglücklich über die vielen Banknoten, die sie aus dem Fenster werfen können. Dennoch wirkt das alles ein wenig komisch. Thailand ist bekanntermaßen das Vergnügungsland für Pensionäre schlechthin. Und selbstverständlich runzel ich bei jeder Liebeskundgabe der beiden vor mir zweifelnd die Stirn, halte mich aber zurück irgendwie meine Meinung darüber zu äußern – denn sie fahren mich ja immerhin fast nach Sukhothai. Auf dem Weg gibt man mir sogar noch Essen und dann geht es zurück auf die Straße. Die Zeit drängt, sagen sie. Die Kinder müssen von der Schule abgeholt werden. Ich bin wieder auf mich allein gestellt.
An einer Straßenkreuzung bei Tak finde ich schnell eine geeignete Weiterfahrt. Das dumme an Sukhothai ist, dass es so vollkommen abseits der üblichen Verkehrsrouten liegt. Alles führt um Sukhothai herum, aber nicht hinein. Ein Koch, der mit seiner Freundin unterwegs ist, fährt mich direkt in den bewohnbaren Teil der Stadt. Trotz eines ausgezeichneten Nachtmarktes – Reminiszenzen an kambodschanische Dörflichkeit und staubbedeckte Straßen. Zu allem Unglück gibt es nicht einmal mehr die Herberge, in der ich für 90 Baht absteigen wollte. Doch Thais sind zuvorkommend. Wir fahren einige Male in der Gegend herum, bis mich der Fahrer geradeheraus zu Bier und Internet einlädt. Die kleine Kneipe am Flussufer gehört seinem besten Freund, der bereitwillig den WLAN-Code herausgibt. Ausgezeichnet – jetzt kann ich hier jeden Tag hinkommen. Nach dem zweiten Bier lässt sich auch irgendwie so etwas wie eine Unterkunft finden. Es ist im Prinzip dieselbe wie vorher, nur dass der ehemalige Besitzer auf unbekannte Weise vom Leben zum Tode gebracht wurde und ein neuer Eigentümer sich einen völlig neuen Namen erdacht hat. Der Fahrer, welcher mich nun schon gut zwei Stunden in Sukhothai begleitet, verhandelt sogar noch mit dem Dienstpersonal bezüglich meiner Bleibe. Das Beste ist es nicht. Wackliges Wellblech umhüllt den eher nach einer Garage aussehenden Anbau im Hinterhof, doch immerhin – für zwei Nächte reicht es. Zudem stehen mir Internet und Biervorräte zur Verfügung. Mit einer ebenfalls hier untergekommenen Gruppe an Engländern/Engländerinnen – und einer im Speziellen – plündere ich diese noch am selben Abend. Der Nachtmarkt versorgt uns mit Pad Thai und am nächsten Tag wird Archäologie betrieben.
Ein paar Bilder von Sukhothai
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