Freitag, 10. September 2010

กรุงเทพ มหานคร อมรรัตนโกสินทร์ มหินทรายุธยามหาดิลกภพ นพรัตน์ราชธานี บุรีรมย์อุดมราชนิเวศน์มหาสถาน อมรพิมานอวตารสถิต สักกะทัตติยะวิษณุกรรมประสิทธิ์

(Krung thep mahanakhon amon rattanakosin mahinthara ayuthaya mahadilok phop noppharat ratchathani burirom udomratchaniwet mahasathan amon piman awatan sathit sakkathattiya witsanukam prasit)


Es wurde allmählich Zeit in Richtung Bangkok aufzubrechen. Der Archäologiepark in Sukhothai war alles in allem eher enttäuschend. Aber was erwartet man von dieser Teilzeithauptstadt des Siamreiches, wenn man den Kaiserpalast in Peking und Angkor Wat gesehen hat? Die geschätzten 10 Euro Eintritt waren es jedenfalls nicht wert, auch wenn einige eindrucksvolle Perspektiven auf Buddhastatuen geworfen werden konnten. Ungefähr zwanzig Mal kreiste ich mit dem Fahrrad – einer regelrechten Schrottlaube, die ich im Verleih bekommen habe – um das hermetisch abgeriegelte Gelände – immerzu auf der Suche nach Schwachstellen. Nachdem ich den ehemaligen Schutzwall von Sukhothai aus dem Mittelalter überwunden hatte, roch ich schließlich meine Chance. Herunter gedrückte Zaunelemente, eine Anhöhe – da wirft man doch kurzerhand das Rad hinüber, springt selber auf die andere Seite und schleicht sich dann unauffällig in die Ruinenlandschaft ein. Man verbringt den ganzen Tag dort und merkt, wie wenig beeindruckend das alles ist. Aber immerhin kann man sich von ein, zwei Ansichten nicht losreißen, bis einem diese Stimme im Kopf sagt: Abgang, ab nach Bangkok…in die Stadt mit dem längsten Ortsnamen der Welt.

Ja, da staunen einige wohl. Ist nicht dieses eigenartige Dorf in Wales der Ort mit dem längsten Namen und nicht Bangkok? Zählen wir mal nach: Bangkok – lächerliche sieben Buchstaben, Llanfairpwllgwyngyllgogerychwyrndrobwllllantysiliogogogoch – 58. Lang sieht das auf jeden Fall aus, vor allem wenn man es auf zwei- bis dreizeiligen Ortsschildern liest.

Aber in einem Word-Dokument – nicht einmal eine Zeile. Das schlägt Bangkok locker, denn der allgemein bekannte Name ist a) nur die westliche Variante des Stadtnamens und b) ist auch die Thai-Version Krung Thep nur eine Abkürzung. Komplett ausgesprochen sieht der Name der thailändischen Hauptstadt so aus:

Krung Thep Mahanakhon Amon Rattanakosin Mahinthara Ayuthaya Mahadilok Phop Noppharat Ratchathani Burirom Udomratchaniwet Mahasathan Amon Piman Awatan Sathit Sakkathattiya Witsanukam Prasit



Wunderschön dreizeilig – und mit 168 Stellen dreimal so lang wie Llanfairpwllgwyngyllgogerychwyrndrobwllllantysiliogogogoch – dafür aber mit Leerzeichen. Bedeutung:

Stadt der Engel, die große Stadt, die ewige Juwelenstadt, uneinnehmbare Stadt des Gottes Indra, mit neun kostbaren Edelsteinen ausgestattete große Hauptstadt der Welt, glückliche Stadt, die, reich an einem kolossalen königlichen Palast, die dem himmlischen Domizil gleicht, in dem der wiedergeborene Gott regiert, eine Stadt, geschenkt von Indra und gebaut von Vishnukarm
Poetisch ohne Ende – oder? Jedenfalls poetischer als Llanfairpwllgwyngyllgogerychwyrndrobwllllantysiliogogogoch.

Und alles in allem auch ein klein wenig abgefahrener. Als ich in Bangkok ankam, wurden meine Erwartungen eins zu eins erfüllt. Was denkt man nämlich üblicherweise, wenn man an diese Riesenmetropole in Thailand denkt, die mit ihren Hochbahnen ein wenig Tokio zu kopieren scheint: junge Thaimädchen, alte Sextouristen, Prostitution, Ladyboys, Viagra, Valium. Und nichts anderes sehe ich auch, als ich aus dem Skytrain in Nana, Sukhumvit aussteige. Nana im Stadtteil Sukhumvit ist ein bisschen so etwas, wie die Vergnügungsmeile für sexhungrige alte Herren aus Europa und den USA. Und für mich die allererste Station in der Hauptstadt. Wie bin ich nur hier hingekommen?


Es begann alles mit einer kurzen E-Mail und einem Anruf bei Pennie, die ein Jahr zuvor ihren Abschied aus Berlin bekannt gegeben hatte. Quasi gleichzeitig hatten wir die Hauptstadt verlassen – ich brach nach Moskau auf, sie begab sich nach Bangkok, um dort für einen NGO zu arbeiten. Praktischerweise meldete ich mich sofort als Gast an. Mit einem Anruf vom Busbahnhof entfaltete sich mir auch allmählich die Lage ihres Hauses in der Stadt. Sukhumvit. Ein Taxi zur nächsten MRT oder BTS Station und dann geradewegs rein in diese Hölle aus Nutten und Viagraverkäufern. Und ich dachte die Sache mit den Ladyboys am anderen Flurende und den kleinen privaten Geschäften ihrer Nachbarin sei nur ein Scherz gewesen. Sobald man aber in Nana aussteigt, merkt man schnell, dass es alles kein Spaß ist und die Klischees erstaunlicherweise zutreffen. Auf dem Weg zum nächsten 7Eleven, wo wir uns treffen wollen, muss ich mich durch hunderte Stände drängen, die entweder Pornos, Viagra oder Valium verkaufen. Je weiter ich gehe, desto klischeeähnlicher wird es. Pennie’s Straße ist die Soi Nummer 4, auf der sich eine Ladyboys Bar an die andere reiht. Man macht sich mit der Zeit einen Spaß daraus, sich in irgendeinen Straßengrill zu setzen, Nudelsuppe zu schlürfen und in den Kneipen auf der gegenüberliegenden Straßenseite junge Thaimädchen mit stark ergrauten Herren aus Europa flirten zu sehen. Eindrucksvoll. Anders kann man es nicht beschreiben.

Bangkok präsentiert sich mir auf den ersten Blick als Metropole von Sex, Raubkopien und Ladyboys. Einigermaßen normal geht es immerhin beim Couchsurfing-Treffen in der Stadt zu, welches wir noch am selben Abend besuchen. Neue Gesichter – normale Thais. Ernst zu nehmende Thais. Ein weiteres Mal erlebt man, wie freundlich und zuvorkommend Thais im eigentlichen sind. Schon auf dem Weg nach Bangkok ist mir das immer wieder aufgefallen. Als ich in Sukhothai auf der Straße stehe, hält einer nach dem anderen an und fragt ob ich Hilfe brauche. Ob ich nicht wisse, wie man zum Busbahnhof kommt. Auf meinem Schild steht ja schließlich Krung Thep, also Bangkok, in Kurzform, und man nimmt allem Anschein nach an, dass ich einfach keine Ahnung habe, wie man in einen Bus einsteigt. Kurzerhand hält ein Fahrer an und überreicht mir ungefragt ein Busticket: VIP in die Hauptstadt. Alles schon bezahlt – in zehn Minuten geht es los. Und dann fährt er mich auch noch direkt bis zum Bus. Als ich die Geschichte in der kleinen Bar in Bangkok herumerzähle, staunen einige, andere meinen, dass es Gang und Gäbe wäre. Womöglich ist es das. Mindestens eine Person erscheint mir ähnlich zuvorkommend an diesem ersten Abend in Bangkok. Ein Thaimädchen, welches anscheinend schon einen gewissen Status innerhalb der Community zu genießen scheint. Sie betreibt eine Art Treffpunkt für Reisende am Stadtrand, der erstaunlich gut besucht ist. Nach einem kurzen Gespräch mit ihr zieht es mich aber mit einem Deutschen aus München in den nächstbesten Club der Stadt – ohne zu wissen, dass ich schon am darauffolgenden Abend zusammen mit einer ganzen Menge an Leuten auf ihrer Couch sitzen und ihre grünen Currykreationen essen würde.

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