
7-Eleven
...und noch einer

...sehen alle gleich aus
Aber um auf meinen Fehler zurückzukommen. Nun gibt es bei 7-Eleven auch die so genannten Slurps, so eine Mischung zwischen Eis und Getränk. Neben der Maschine, welche die Slurps ausschenkt befinden sich weitere Produkte: Eiskaffee, Cola und was weiß ich nicht. Nun treten manche Menschen an diese Maschinen heran, füllen sich den Becher fast randvoll mit einem Produkt ihrer Wahl und merken dann plötzlich: Hallo, in der Mitte ist ja noch der Eiswürfelausschank. Verdammt, eigentlich hätte ich die Eiswürfel vorher hineinwerfen sollen, doch was soll’s. Das Ergebnis ist doch dasselbe und es kommt überhaupt nicht auf die Reihenfolge an. Ein fataler Irrtum. Schnell merkt man: doch, es kommt sowas wie darauf an. Die Eiswürfel feuern mit geschätzten 200 Stundenkilometern aus der Eiswürfelzubereitungsmaschine, verdrängen mit ihrer Wucht sofort den Becherinhalt und dieser wiederum fliegt dem Kunden um die Ohren. Da haben wir also erneut den Salat. Als hätte man sich nicht schon oft genug die Slurps und Kaffeespezialitäten über die edle rote Thaihose, die Hose, von der alle begeistert sind und vor der sich die Menge auf den Boden wirft – sie als religiöses Symbol anhimmelt. Als wüsste man nicht, was passieren würde. Als hätte man keine Vorahnung. Man begeht den Fehler wieder und wieder. Zuletzt habe ich mir also in Chiang Mai eine gewaltige Ladung irgendwelcher milchigen Zuckergetränke über den Latz gekippt. Dabei hatte ich nicht einmal Durst. Nur Zeitvertreib, während ich auf eine Gruppe von Thailänderinnen wartete, die mich durch die Stadt führen wollten. Und die schauen dann erst, als sie mich mit dieser mit hellen Flecken gemusterten Hose sehen. Eigentlich hätten sie sagen sollen: wow, was für eine tolle Hose. Du bist unser Held, unser Guru. Doch nein. Stattdessen: was ist denn da passiert? Bist du etwa auch so ein 7-Eleven-Neuling? Nein verdammt, bin ich nicht. Ich kann es mir nur einfach nicht abgewöhnen, die Eiswürfel im Anschluss an das Getränk in den Becher zu tun.

Slurpees
Aber ich bin ja nicht der einzige. In Massen laufen sie hier durch die Straßen. All diese Touristen, mit unterschiedlichen Getränkearten auf ihren Beinkleidern. Unauffällig schlürfen sie weiter an ihren Strohhalmen und machen so, als ob nichts passiert sei. Aber doch, sie haben denselben Fehler wie ich begangen. Und so müssen sie sich mit eingesauten Sachen die großen Tempel der Stadt anschauen. Gut, dass diese so eindrucksvoll und gülden sind, dass man kaum auf die Passanten schaut. Und die Mönche interessiert es sowieso nicht. Dennoch war es mir etwas unangenehm mit diesem Outfit zum Mönchsgespräch zu gehen. Also schlich ich lieber umher, schaute aus der Ferne zu, wie die Mönche Ratschläge erteilen und flüchtete in den Meditationsraum. So viel Gold, ach nein. Und ein lebendiger Mönch, der sich seit Jahren nicht mehr bewegt zu haben scheint. Ich schleiche um diesen festgewachsenen Gebetsbruder herum und frage mich, ob es okay ist Fotos zu machen. Später merke ich, dass es sich doch nur um eine Statue aus Wachs handelt. Nach einer Stunde des Umkreisens: Neurose in Reinform. In den anderen Tempeln ähnliche Verwirrung. Chiang Mai kann sowieso als buddhistische Hochburg bezeichnet werden. So viele Tempel wie hier, findet man kaum in anderen thailändischen Städten.
Tempel
Tempel
Tempel
Tempel
Tempel
Hochburg ist der Ort außerdem: für die Rothemden. Man berichtet mir ausführlich von den Aufständen im vergangenen Frühjahr. Noch einige Monate zuvor kam es zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und den Demonstranten. Es roch zumindest für die westliche Berichterstattung gewaltig nach Umsturz. 91 Tote, 2000 Verletzte, ein Jahr zuvor hatten die nationalistischen Gelbhemden ähnlich spektakulär den Bangkoker Flughafen besetzt. Randale gab es im Frühjahr auch in Chiang Mai, wobei der Großteil der Bevölkerung die Rothemdenbewegung unterstützte. Diese will den sozial ausgerichteten Ex-Premier Thaksin Shinawatra wieder im Amt sehen, der 2006 durch einen seichten Militärputsch aus seiner Position verbannt wurde. In Thailand drohen ihm zwei Jahre Haft.

Rothemden

Gelbhemden
In Chiang Mai ist nur noch wenig von Aufständen oder roten Hemden zu sehen. Einzig und allein meine mit 7Eleven-Getränken verzierte rote Hose leuchtet in der Nacht, als der berühmte Nachtmarkt aufmacht. Ein einziges Volksfest ist das – und so geht es in Chiang Mai an jedem Wochenende zu. Die wichtigsten Straßenzüge im quadratischen Zentrum werden komplett geschlossen und von Händlern und Musikern in Beschlag genommen. Bei dem Gewimmel kommt man teilweise kaum vom einen Ende zum Anderen. Zwangsläufig muss man an jedem zweiten Stand stehenbleiben und sich die Handarbeiten oder wesentlich besser, die Thaispeisen ansehen – und essen. In dem ganzen Durcheinander laufen natürlich zigtausend Ausländer umher. Chiang Mai hat sich ganz groß der Tourismusindustrie verschrieben – die boomt hier gewaltig. Jedes zweite Lokal bietet europäisches oder amerikanisches Frühstück an. Und alle rühmen sich einer Erwähnung im Lonely Planet. Alles erstunken und erlogen, aber solange es bei den Gästen zieht. Die Zahl der Urlauber ist aber seit Frühjahr 2010 erheblich gesunken. Grund sind besagte Rothemden, was die Einheimischen, die im Wesentlichen von der Tourismusbranche leben, reichlich ungemütlich stimmt. Natürlich ist alles gar nicht so dramatisch, wie es in den westlichen Medien dargestellt wird. Dennoch lassen sich die Reisenden verschrecken. Letztlich erreicht die Rothemdenbewegung somit genau das Gegenteil von dem, was sie eigentlich wollte. Statt Wohlstand und sozialer Sicherheit, mehr Demokratie ja auch noch, na klar – massive Einbußen im regionalen Handel. Die Bewohner von Chiang Mai beginnen die Rothemden daher auch immer mehr als jene ungeschickten Leute wahrzunehmen, die zu 7-Eleven gehen und dort erst das Getränk, dann die Eiswürfel in den Becher schütten. Und je öfter sie das tun, desto weißer werden ihre roten Hemden: mehr und mehr Thais suchen sich inzwischen eine politische Orientierung zwischen rot und gelb. Irgendwas Neutrales. Irgendwas in der Mitte. Farblos als Alternative. Kurzum, die Bewegung verliert allmählich an Kraft und die Regierung bleibt und bleibt im Amt. Löcher entstehen. Auflösung. Bis es wieder einen Neuaufbau gibt. Ich gehe an diesem Abend früh ins Bett. Die ebenfalls roten Massentaxis werden nach 22 Uhr zahlenmäßig so unfassbar gering, dass man früh zu Hause sein möchte. Und dann wollen ja schließlich noch die Hosen gewaschen werden. Auf dem Rückweg war mir dasselbe Ungeschick noch einmal unterlaufen. 7-Eleven, Kaffee, wenigstens sehen die Flecken jetzt noch variantenreicher aus. Auf dass die rote Hose in Bangkok wieder strahlt.

Nachtmarkt am Wochenende
P. S.: Habe gerade mal gegoogelt, ob das Problem mit den Eiswürfeln bei 7-Eleven noch jemandem bekannt ist. Verdammt, ich scheine doch der einzige zu sein, dem so etwas passiert. Außer natürlich, die Dunkelziffer ist erheblich höher. In diesem Fall hoffe ich, dass mein Blogeintrag dazu beiträgt, mehr Betroffenen Mut zu machen, um endlich an die Öffentlichkeit treten und darüber sprechen zu können.
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