Samstag, 4. September 2010

Abgeschleppt

Die Nacht war wahrscheinlich genauso wacklig, zerrüttet, gerüttelt, hucklig, holprig, schlaflos, verdreht, verquer, schief und krumm und ungemütlich vorübergegangen, wie all die anderen Busfahrten in Laos zuvor. Und immer, ja immer wacht man urplötzlich aus einem stundenlangen Dornröschenschlaf auf und wundert sich wo man ist, versucht es anhand von Straßenschildern und verdeckten Hinweisen ausfindig zu machen, hofft, dass man bloß nicht schon angekommen ist – man muss sich schließlich von der Schlafverpeilung erholen, mal klarkommen! – und fährt im nächsten Moment in den Busbahnhof ein, denkt sich nur: Mist. Sammelt alles hektisch zusammen, sucht, wo man seine Sachen verstreut hat. Findet einiges – auch einen vietnamesischen Hut, auf den sich allem Anschein nach ein amerikanischer Tourist gesetzt und von ihm nichts weiter als eine flache Scheibe, einen Stroh-Frisbee übriggelassen hat. Man hat alles, packt es, stopft es in den Rucksack, klemmt Dinge unter den Arm und stürmt los. Beim Verlassen des Busses reißt zu allem Unglück noch die einzige Schnur, welche diese verdammten Flip-Flop-Badelatschen zusammenhält – weiter muss es barfuß gehen. In Thailand kann man sich ja immer noch neue Schuhe kaufen.

Doch dann merkt man erst einmal, wie ungewohnt es ist, ohne Schuhe zu laufen. Wie wenig zähe Hornhaut voller schuhsohlenartiger Ledrigkeit man doch hat. Es wird eine Humpelpartie. Beim Blick ins Portemonnaie wird einem auch nicht besser. Noch 10.000 Kip – die laotische Währung. Ja, wenn da mal kein Fluss zwischen Laos und Thailand wäre, würde das alles gar kein Problem darstellen. Man könnte sich in dieses Tuk-Tuk setzen und sich von fachmännisch ausgebildeten Tuk-Tuk-Fahrern bis nach Thailand kutschieren lassen, was auch nur 10 Minuten dauern würde, doch nein, nein, nein…man braucht das Geld ja für die Fähre. Für ein wackliges Langboot, welches bei jeder Welle zu kentern droht. Und Entfernungen unterschätzt man sowieso. Eine grobe Richtung wird ausgemacht. Aber wo keine Wahl ist, naja. Kiesel drücken sich in Fußsohlen, der raue Asphalt kratzt alles auf – er stört. Man ist drauf und dran sich auf den nächstbesten Passanten zu stürzen, zu sagen Hände, nein Füße hoch!!! Ihm die Badelatschen zu entwenden und dann das Weite zu suchen. Man ist kurz davor…doch Asiaten haben ja bekanntlich kleine Füße. Und bevor man die richtige Person gefunden hat, geschweige denn anhand eines kurzen herunter lunschenden Blickes die Schuhgröße einschätzen könnte, lässt man es lieber sein. Man will ja nicht unnötig etwas riskieren. Vielleicht noch aufgrund eines Schuhdiebstahls, der es gar nicht wert gewesen war, in ein laotisches Gefängnis kommen. Wenn schon Gefängnis, dann wenigstens aufgrund von Geschlechtsverkehr mit Laotinnen: das ist nämlich für Ausländer strikt verboten – man will ja nicht Thailand werden. Und mit diesen Flausen im Kopf quält man sich die eine Stunde bis zum Flussufer, blickt dann voller Erhabenheit nach Thailand hinüber und denkt sich so: da ist es, das Land von Prostitution und Kinderhandel. Das denkt man sich natürlich nur, weil man in seinem Hirn die üblichen Klischees karikieren will. Doch Thaikultur ist so viel mehr als das, was man an den Stränden von Phuket und Pattaya mitbekommt. Zentren touristischer Oberflächlichkeit: kultureller Tiefgang maximal in Form von Thai-Massagen mit oder ohne Happy Ending.


ach, das potenzielle Tuk Tuk

Der Blick ist vollendet, das Ziel vor Augen. Hinunter zum Fährhafen, mit den letzten Groschen erhält man ein Ticket, man stempelt seinen Pass ab, ab dafür, auf damit…Sprung in den Kahn und hinüber geschippert. Jetzt kommt die Gemeinheit. Unverfrorenheit. Stempeln die Thais einem doch einen Stempel hinein, der nur vierzehn Tage gültig ist. Wenn man einfliegt, darf man satte dreißig Tage bleiben. Geht man auf die thailändische Botschaft, erhält man ohne Zutun, ohne Zahlung 90 Tage. Deswegen auch der ganze Visa-Run-Tourismus. In Massen kommen sie aus Thailand nach Vientiane, überqueren die Freundschaftsbrücke, beantragen sich die Aufenthaltsgenehmigung, dröhnen sich in Vang Vieng mit Opium zu und schleichen dann vollkommen fertig zurück nach Thailand. Nun, ich kann das auch machen, falls ich denn plane länger zu bleiben. Aber bisher sollten zwei Wochen ausreichend sein. Was gibt es denn schon in Thailand außer Touristen zu sehen – sagt man sich.

Überraschung. Schnell erkennt man, wer der wirtschaftliche Hegemon in Südostasien ist. Na klar, Thais beschweren sich, dass es hier bald genauso wird, wie in Myanmar. Das Militär habe zu viel Macht (hat es auch). Die Regierung ist der Armee vollkommen ergeben (ist sie auch). Der König ist eine Instanz (ebenfalls richtig – jeden Tag um 18 Uhr wird die Hymne des Königs an allen öffentlichen Plätzen gespielt: Thais stehen auf, bleiben einen Moment lang ruhig stehen – Ausländer wundern sich: ein Flash Mob? Nein: Thaikultur). Der König ist über 80 (fragt sich was passiert, wenn der mal nicht mehr ist – Militärputsch?). Rothemden: genau, die gibt es ja auch. Nein, nicht die Garibaldi-Leute. Eine kommunistisch angehauchte Bewegung, die nicht nur auf positive Resonanz in der Bevölkerung stößt. Die machen Stress, wird eher angenommen. Und das machen sie auch. Bangkok im Ausnahmezustand. Angesichts dessen was BBC berichtet zumindest. Schon bevor ich die Reise geplant hatte, war meine Sorge groß, dass die Revolution ausbricht, Tote, Blutströme, Panzer, Maschinengewehre. Internet relativiert aber. Von wegen freie Medien im Westen. Das Ausmaß der Ausschreitungen, welches BBC & Co. zeigten, war vollkommen an den Haaren herbeigezogen – ohne jede Substanz. Aus einer verbarrikadierten Straße im Finanzviertel Bangkoks wird auf einmal die landesweite Revolte mit unaufhaltbarem Blutvergießen. Wer dieser Tage in Thailand war, wundert sich nur, wo die BBC diese Theatralik hernimmt: aus Verkaufszahlen – Konsumismus – Infotainment!


Rothemden

Wirtschaftlicher Hegemon, wie gesagt. Man sieht Straßen, die echten Straßen gleichen. Lochloser Asphalt. Gute Infrastruktur und vollkommen ausgeglichene Menschen. Niemand, der auf einen einstürzt, um einem das Geld aus der Tasche zu ziehen. Der solide wirtschaftliche Rückhalt bietet dazu keinen Anlass. Die Stadt in der ich bin heißt Chiang Khong. Nett am Mekong gelegen. Das goldene Dreieck nur wenige Kilometer entfernt. Ich träume davon, hinzufahren, verwerfe aber den Plan aus welchen Gründen auch immer. Das goldene Dreieck: bekannt für zwei Sachen – Malaria und Opium. Es ist das Anbaugebiet für Schlafmohn überhaupt. Sowohl auf laotischer, als auch auf burmesischer Seite. Zudem ein fast ungesichertes Grenzgebiet. Human trafficking ist hier Standard. Viele, die von Myanmar und Laos illegal nach Thailand wollen und es auch mühelos schaffen. Dazu die wunderschöne Sicht. Von den Bergkuppen hinab auf den Grenzfluss – den Mekong. Hier bzw. einige Kilometer südlich trennen sich unsere Wege. Mekong goodbye – Thailand ich komme.


Die Strecke: Chiang Khong, weiter oben das Goldene Dreieck, Chiang Rai, Chiang Mai


Ein paar Baht, ein bisschen Pad Thai. Pad Thai ist das, was wir hier als Chinanudeln kennen – nur sehr viel besser und billiger. Und überhaupt ist das ja das Essen Asiens. Und das, was man sich hier ständig zuführt – gerade wenn man sparsam reisen will:


Pad Thai

Reis
Nudeln
Reis
Nudeln
Reis
Nudeln
Reis
Nudeln
Reis
Nudeln
Reis
Nudeln
Reis
Nudeln
Reis
Nudeln
Reis
Nudeln
Reis
Nudeln
Gebraten
Gekocht
Gebraten
Gekocht
Gebraten
Gekocht
Gebraten
Gekocht
Gebraten
Gekocht

Wenn das nicht die ultimative Abwechslung ist. Natürlich schmeckt es in den Garküchen auf der Straße super, aber auf die Dauer wird es mit gebratenem Reis, Nudelsuppe, Reissuppe und gebratenen Nudeln doch etwas langweilig. Die Handbewegung, mit der man einen Löffel Chili, einen Löffel Zucker und ein paar Spritzer Fischsauce – wahlweise noch etwas Zitronensaft auf oder in das Gericht gibt, wird mit zunehmender Aufenthaltsdauer nicht nur zur Routine, sondern gleich zur Zwangsstörung. Selbst wenn kein Essen dasteht, möchte man streuen und schütten. Eine Handlung, die einfach zu oft vorkommt, als das man sie aus dem Kopf bekommt. Und hier fängt die Neurose an – Thaineurose. Wo will ich hin? Chiang Mai! Endziel. Irgendwie. Oder sagen wir so: ich habe eine Übernachtung dort und die Stadt ist das kulturelle Zentrum des thailändischen Nordens. Weiter nördlich gibt es noch Pai – ein Dorf, ein Hippiedorf. Doch ich sehe mich nicht in der zeitlichen Lage, es zu besuchen. Es soll verrückt sein – wie Vang Vieng. Chiang Rai, auf halbem Weg, wäre eine Alternative, die sich an mein Zelt koppeln würde. Die erste Fahrt, die ich, als ich im Flimmerlicht der aufgeheizten Straßenbelege meinen Daumen heraushalte, bekomme, führt mich genau dort hin. Thais verstehen nur leider das Prinzip des Trampens nicht. Sie lassen mich am Busbahnhof heraus. Es ist Mittag. Ich denke mir, verdammt…bis nach Chiang Mai kann ich es locker schaffen.


Zubehör: Chili, Zucker, Fischsauce

Noch immer keine Schuhe. Ich humpel zurück zur Fernverkehrsstraße, welche hoffentlich – und das ist nur eine Vermutung – nach Chiang Mai führt. Daumen raus. Niemand hält. Eine Stunde später – quietschende Reifen. Pick-up – fünf kichernde thailändische Mädchen: Spring hinten drauf, du Westeuropäer. Und so wurde ich schlicht und ergreifend abgeschleppt. Genau das sind die Momente, wo man sich sagt: YES!!! Genau so war es geplant!!! Abenteuer!!! Wie im Film!!! Ich sitze hinten auf dem Abschleppwagen, Faulenze in der Sonne, lese ein Buch und verbrenne mir die Birne dabei (ein Königreich für einen Hut). Der Wunsch erfüllt sich. Die schüchtern durch die Heckscheibe schielenden Thaigirls reichen mir eine Kappe herüber – D&G, zwar etwas prollig, aber was soll‘s. A) Sonnenschutz ist Sonnenschutz, B) das Ding ist sowieso gefälscht. Um genau zu sein: in Südostasien wird man dafür ausgelacht, Originale zu kaufen. Marke: wie dumm bist du denn? Die Kopie sieht doch genauso aus und jeder hat sie. Wozu gibst du unnötiges Geld aus? Die Kappe hilft jedenfalls, besonders als die Sonne im eigentlichen Sinne verschwindet. Verdammt, was für eine lange Fahrt. Dämmerung. Ich habe keine Ahnung, wie ich zu meinen Gastgebern kommen soll.


abgeschleppt


abgeschleppt


abgeschleppt

Die beiden sind aus Russland. Journalisten. Lehren an der Universität von Chiang Mai. Der einzige Hinweis, den ich bekomme ist: Wat Umong – ein buddhistischer Tempel in der Nähe. Dann grobe Wegbeschreibungen und die Bitte, dass ich nicht anrufen soll und noch viel wichtiger, keinem Thailänder die Nummer oder die Adresse der beiden geben soll. Was ich davon halte? Nun ja, Russen halt!?! Dumm nur, dass ich dem Tuk-Tuk somit keine genaue Adresse geben kann. Zuvor versuche ich sogar, bei den fünf Mädchen unterzukommen. Eine, die bemerkt hatte, dass ich keine Ahnung habe, wo ich hin muss, nimmt mich sofort mit nach Hause. Ich kann von hier anrufen, was Rüffel von den Russen gibt. Ungenaue Wegbeschreibungen – mal wieder. Ich verlasse ein Tuk-Tuk am Wat Umong und habe mal wieder keine Idee wohin. Die Information stünde in einer E-Mail, sagen die Russen. Zurück. Drei Kilometer zurück, um ein Internetcafe zu finden. Dunkelheit. Buddhisten. Wirre Straßen. Nachfragen. Wo zum Teufel ist dieses Haus? Essenfassen: Pad Thai. Weitersuchen. Finden. Das Tor steht hoffen, haben sie gesagt. Das Gartenhaus – offen, haben sie gesagt. Alles wahr, alles richtig. Ich fühle mich wie ein Landstreicher, der irgendeiner Familie Haus besetzt. Und erschöpft breche ich denn auch auf einem improvisierten Bett zusammen. Am nächsten Tag sagen sie, man hätte mich gesehen. Öhöhöhöhöhöhö…vollkommen fertig, alle Gliedmaßen ausgestreckt, abwesend. Da will man nicht stören. Am nächsten Morgen unterhalten wir uns über Pelevin‘s „Gelben Pfeil“, während man mir ein paar überflüssiger Badelatschen als Willkommensgeschenk reicht.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen