Montag, 28. Juni 2010

Raus aus Moskau

Jedes Mal, wenn ich mich hier in Russland als Internetjournalist oder versuchsweise als Internetjournalismusforscher ausgeben möchte, wird automatisch angenommen, dass ich blogge. Köpfe werden hier geschüttelt, wenn ich dementiere. Nun gut, die Gelegenheit jetzt damit anzufangen, ist gar nicht so unpassend. Heute Abend geht es in den Flieger nach Wladiwostok und von dort auf eine viermonatige Reise nach Singapur. Wie und ob ich Russland so problemlos verlassen kann, weiß ich noch nicht. Wenn ich im "San Francisco des Ostens" ankomme, hab ich noch einen Tag, um meine Ausreise zu vollziehen. Mit dem Bus nach China. Erlebnisreich könnte die Fahrt auf jeden Fall werden. Und da ich nun schon mehrmals zum Reiseblogging aufgefordert wurde, werden die Ereignisse in Asien dann eben hier geschildert - wenn es denn so viel Spannendes zu berichten gibt.

Was irgendwie fehlt, sind natürlich meine Moskauer Eindrücke - und da gab es einige. Zehn Monate in diesem Land härten einen mental ab. Man wundert sich schon gar nicht mehr über absurde bürokratische Verfahren und nimmt alle Ungereimtheiten des alltäglichen russischen Lebens als Teil eines Kafkaromans hin. Und wer würde sich denn nicht zumindest zeitweise gern als Teil eines Kafkaromans fühlen: Absurdität genießen. Irgendwie fängt man dann auch an die langen und unlogischen Behördengänge zu vermissen, die noch unlogischere Art der Russen Schlange zu stehen usw. usf. Statt eine gut strukturiert, längliche Kette zu bilden, bei der sich jeder seines Vorder- und Hintermannes bewusst ist, hängen vor den Schaltern eher Menschentrauben. Кто последный? - Wer ist der letzte? ist dann immer die Frage. Irgendjemand antwortet und jeder weiß im Anschluss wer dieser Schlussmann ist, aber so wirklich kennt keiner denn nächsten Kandidaten für den Schalter. An Absurditäten gäbe es noch viel mehr zu berichten. Und in der Tat fällt es ein wenig schwer, ihre ständige Präsenz hinter sich zu lassen. Doch wie Sartre schon sagt: Nie verlässt man eine Frau, einen Freund, eine Stadt auf einmal. Erinnerungswelten sind zwar keine Realitäten, aber immerhin auf dem, was wir reale Parameter nennen, aufgebaut. Sie formen und konstruieren unsere gegenwärtige Wahrnehmung. Von daher habe ich gar nicht die Befürchtung irgendetwas aus Moskau vergessen zu können – außer natürlich mein Gehirn wird gelöscht. Dagegen helfen dann wenigstens noch Fotos. Immerhin werde ich noch mehr Gelassenheit aus diesem Land mitnehmen. Denn ohne Gelassenheit könnte man bei den hiesigen Behörden schlichtweg verrückt werden.

Was noch? Letzte Amtstätigkeit meinerseits war es eine Party zu schmeißen und zum Sonnenaufgang einmal mehr auf das Dach der MGU zu gehen. 4:51 Uhr um genau zu sein. Wie üblich schlichen wir uns bis zum achtzehnten Stock hinauf, mussten an der immer aufmerksamen Dachwache vorbei, kletterten weiter bis zum zwanzigsten, ein Sprung aus dem Fenster und schon waren wir zu ebener Dacherde. Noch einmal klettern, dann Blick auf Moskau. Alles erkennbar. Neben uns der mächtige Turm des Hauptkorpus. Neben uns das riesige Emblem mit Hammer und Sichel. Russland, eines der wenigen Länder der Erde, welches die Symbole seines Vorgängerstaates in Ehren hält. Was für ein Privileg da oben zu sein. Dann der Sonnenaufgang: Hinter dem Ostankino ist sie zuerst zu sehen, dann erscheint die Sonne auch hinter dem Kreml. Die Stadt zu Füßen - zu unseren und zu denen der Sonne, wenn man so will. Rückkehr, schlafen, warten auf die Abfahrt. Auschecken, Маршрутка und dann zum schlimmsten Flughafen von ganz Moskau: Sheremetevo.




Abschiedsfeier


Auf dem Dach


Müdigkeit


Sonne über Moskau


MGU-Dach

4 Kommentare:

  1. Eine wahrlich gute Fotoauswahl. Es fehlt eines mit alkoholischen Getränken, sonst würde die Bilderkette alles zusammenfassen, was man über die 10 Monaten hier wissen muss.

    Donezk scheint zu laufen. Vielleicht schaust du ja mal vorbei. ;-)

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    i m Tommy Lee

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  4. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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